Singapur: Meine Asien-Amnesie

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2004 liefen tatsächlich noch einige Dinge anders als heute. Jaja, ich weiß, Omma erzählt vom Krieg… Aber ernsthaft: Im Freundeskreis waren gerade die ersten Digitalkameras im Umlauf, doch die Fotos waren scheiße und alle besseren Modelle unbezahlbar. Handys mit Kamerafunktion waren da schon weiter verbreitet, doch wenn man halbwegs bei Verstand war und nicht für den Rest seines Lebens eine fünfstellige Telefonrechnung abstottern wollte, hat man es in einer Schublade geparkt, bevor es ins Ausland ging. Schließlich gab es Telefonzellen und analoge Fotoapparate. Also alles cool.

Und das war es wirklich. Ich kann die Vorfreude gar nicht in Worte fassen, mit der ich damals zu IHR PLATZ gefahren bin, um die 20 entwickelten Filme meiner ersten Backpacking-Reise abzuholen. Zwei Monate war ich zuvor mit meinem besten Freund durch Australien gereist und anschließend hatten wir noch einen mehrtägigen Zwischenstopp in Singapur eingelegt. Die ganze Reise war ein riesiges Abenteuer. Es war das erste Mal, dass wir so lange und weit von zuhause weg gewesen sind. Wieder zurück waren wir schlichtweg nicht in der Lage, in Worte zu fassen, was wir gesehen und erlebt hatten. Umso mehr freuten wir uns auf die Fotos von all den atemberaubenden Orten, die wir besucht hatten.

Doch es war etwas denkbar Beschissenes passiert: Alle 20 Filme, die ich wochenlang gehütet hatte wie meine Traveller Checks, waren im Arsch! Überbelichtet durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen, zumindest behauptete das die Drogeriemarkt-Tante, als ich in ihrer Filiale in Tränen ausbrach. Die Fotos, die ich in Alben kleben und in 50 Jahren noch meinen Enkeln zeigen wollte – vernichtet, zerstört und ausgelöscht. Ohne Backup.

Der Memory-Effect

Glücklicher Weise hatten wir uns in Australien mit zwei anderen Backpackern zusammengetan, sodass zumindest ein Teil der Tour durch deren Bilder dokumentiert war (auch wenn das nicht dasselbe ist). Doch die Erinnerungen an Singapur waren für immer verloren. „In Australien waren wir am Ende der Welt, doch hier sind wir in einer anderen Welt„, hatte ich damals in mein Tagebuch geschrieben. Doch es dauerte nicht lange und die Erinnerungen verblassten.

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Singapur, die Stadt, die es nicht gibt – zumindest nicht in meiner Erinnerung / Bild: pixabay.com

Es ist verrückt, an wie viele Dinge man sich nur aufgrund von Fotos erinnert. Selbst heute, zwölf Jahre später, weiß ich beim Betrachten mancher Australien-Fotos (meiner Mitreisenden) plötzlich wieder, wie das Lokal aussah, in dem wir an dem Tag gegessen haben. Ich erinnere mich an Hostels, in denen wir geschlafen und an Supermärkte, in denen wir eingekauft haben. An Menschen, mit denen wir einen Abend verbracht und Lieder, die wir im Auto gehört haben. Nichts davon ist auf den Fotos zu sehen, doch es ist, als würden sie eine Kettenreaktion in meinem Gedächtnis auslösen und plötzlich ist alles wieder da.

Die Polaroid-Gedächtnisstütze

Wenn ich an Singapur denke, herrscht in meinem Kopf gähnende Leere. Ich weiß noch, dass es draußen unglaublich schwül und in unserem klimatisierten Hotel schrecklich kalt war. Ansonsten schwirren bloß einzelne Puzzleteile in meinem Kopf herum. Ein Teich mit Koi-Karpfen. Ein Streit über Krabben-Chips. Militär-Werbung auf einem Linienbus. Es sind Bilder wie aus einem Film, bei dem ich zwischendrin immer wieder eingeschlafen bin. Sie ergeben keinen Sinn.

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Doch ein Bild gibt es tatsächlich. Ein einziges Polaroid von einem goldenen Pantoffel mit gebogener Spitze. Es klebt in meinem Tagebuch und neulich fiel es mir wieder ein: Einen kompletten Tag lang sind wir damals durch Little India geirrt. Überall standen Götter-Figuren an den Straßenrändern herum, die mit Blütenblättern geschmückt waren und der Geruch von Räucherstäbchen hing in der Luft. Die Frauen trugen Punkte zwischen den Augen und es war dreckig. Überall lag Müll herum und ich dachte irritiert darüber nach, wie man dort eine Geldstrafe für weggeworfene Zigarettenstummel oder ausgespuckte Kaugummis rechtfertigen kann. Wir gingen an meterhohen Gewürzbergen und bunten Stoffbahnen vorbei. Dann blieb mein Kumpel an einem der Stände stehen: „Geil, die haben Aladdin-Pantoffeln! Die muss ich haben!

 

 

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