Zuhause ist… ja, wo eigentlich?

Als ich drei Jahre alt war, hatten meine Eltern eine Spitzenidee. Nämlich die, das Ruhrgebiet zu verlassen und in eine Kleinstadt nach Nordhessen zu ziehen. Genauer gesagt, auf ein Dorf neben einer Kleinstadt. Als meine Mutter mir dort in unserem neuen-alten Fachwerkhaus Märchen vorlas, dämmerte mir bereits, dass zu den Zeiten der Gebrüder Grimm in den umliegenden Wäldern noch mehr los gewesen sein musste. Die Jahre zogen ins Land. Die anderen Kinder lachten, wenn ich „Knifte“ oder „Kusselkopp“ sagte und ich verstand kein Wort, wenn sie von einer „Kolder“ oder einem „Ränftchen“ babbelten. Den Schulbus morgens durfte ich nicht verpassen, denn es kam kein zweiter. Den Bus am Nachmittag durfte ich unter gar keinen Umständen verpassen, denn sonst trafen sich meine Freunde ohne mich.

Sturm & Drang

Doch es kam der Tag, an dem das gebürtige Großstadtmädchen in mir trotzig aufstampfte und allen zeigen wollte, dass es nichts mit der Bomberjacken tragenden und Onkelz hörenden Dorfjugend gemein hatte. Ich wurde Punk. Dorfpunk um genau zu sein. Egal ob auf Hauspartys, in der Stammkneipe oder im Sommer am Fluss – unsere Musik war immer laut und das gute alte Dosenbier immer dabei. Und dann entdeckten wir das Wochenendticket. 40 DM für fünf Leute. Da nahm man für ein Punkkonzert schon mal ein paar hundert Kilometer auf sich, zum Beispiel, um beim 10-jährigen Jubiläum der Terrorgruppe in Berlin dabei zu sein. Fünf Punks und ein Fahrschein, Dosenbier und Rotwein – das Wochenendticket brachte uns überall hin. Und immer öfter nach Berlin. Bis ich vor sieben Jahren dann ganz dort blieb.

Umzug nach Berlin

Einige meiner Freunde waren bereits vor mir in die Hauptstadt gezogen, andere kamen nach und ganz neue dazu. Wir standen ständig unter Strom, gingen schon dienstags auf Konzerte und versackten in Kneipen, erklärten den Donnerstag zum Freitag und schliefen am Montag. Wir tanzten. Wir tranken. Wir kotzten. So zogen die ersten Semester in einer Fahne aus Bier und Fusel an uns vorbei. Schließlich folgten uns neue Berlin-Debütanten, denen wir dann mit einem gönnerhaften Lächeln das Überschnappen überließen, während wir uns langsam beruhigten. Es mussten keine zehn Kneipenneuentdeckungen pro Woche mehr sein. Mein Revier erstreckte sich bald vom Wild At Heart, vorbei am SO36 bis zum Trinkteufel. Dort kannte man sich. Ich fühlte mich wohl, war angekommen und felsenfest davon überzeugt, dass ich Berlin für keinen anderen Ort mehr verlassen würde. Ich fühlte mich zuhause. Aber war ich das wirklich? Warum sagte ich dann immer noch, dass ich „nach Hause“ fahren würde, wenn ich mich auf dem Weg in die hessische Walachei befand, die ich mein Leben lang hinter mir lassen wollte? Ich wusste es nicht, aber von diesem Zeitpunkt an, gab es zwei Orte, an denen ich zuhause war. Das Dorf und die Hauptstadt.

Back to the roots

Verwirrend wurde es erst, als ich für ein Praktikum in den Ruhrpott ging. 23 Jahre nachdem die Zelte dort über meinem Kinderbett abgebrochen worden waren, fühlte ich mich bereits am zweiten Tag, als wäre ich nie weg gewesen. „Hasse vonne Omma widda Kniften mitgekricht?“, fragten die Kollegen bei People Like You Records. Es war Musik in meinen Ohren – als seien sie allesamt mit Atze Schröder aufs Proleten-Gymnasium gegangen. Die Art der Ruhrpottler, wie sie von ihren „Pommesbuden“ und „Pilsken“ quasselten, ließ mir das Herz aufgehen. Nach zwei Monaten Praktikum, hatte ich nicht nur neue Stammkeipen, sondern auch einige wirklich tolle Freunde gefunden. Dann ging es zurück in die Hauptstadt. Doch nachdem ich meine Wurzeln erst einmal zwischen Zeche-Türmen und der A40 wiederentdeckt hatte, war Berlin nicht mehr das, was es war. Mit jedem Tag gingen mir die Hipstermädchen mit ihren V-Ausschnitt-Männern, die ständig im Weg herumschleichenden Touristenmassen und all die neuen Bio-Spätis mehr auf den Geist. Es war an der Zeit, den „Zuhause“-Begriff neu zu überdenken. Wieder einmal.

Home is… where?

Vor ein paar Wochen bin ich dann für diese Punkrock! Ausgabe zwei Tage lang mit den Kotzreiz-Jungs durch Berlin gezogen und während sie mich an ihre Lieblingsorte brachten, habe ich mich von ihnen verabschiedet, denn mein Umzugswagen war bereits gepackt. Es gäbe keinen Grund, Berlin jemals zu verlassen, außer man bekäme seinen Traumjob, erklärte Sänger Fabi auf unserer Tour. Den Traumjob habe ich im Ruhrgebiet zwar nicht gefunden, dafür aber ein paar Spitzenfreunde und einen Punker, der ziemlich gut knutschen kann. Ich denke, wer das hat, ist Zuhause. Vorerst.

Diana Ringelsiep / VÖ: November 2012, Punkrock! Fanzine
Foto: A. Freund

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