Bilanz aus dem Nimmerland

103 Facebook-Einträge, 13 SMS, sieben Anrufe, drei Emails und 21 Umarmungen – so lautet die Bilanz meines 28. Geburtstags. Unwichtig, im Gegensatz zu dem anderen Fazit, das an solchen Tage oft gezogen wird: Welche Ziele habe ich erreicht, was habe ich verbockt und wo stehe ich gerade im Leben? Letzte Woche traf ich mich an dem besagten Ehrentag mit meinen Freunden im Wirtshaus unseres Vertrauens. Wir echauffierten uns über die neusten „Handyvormspiegelselbstporträts“ auf Facebook, klärten die Frage, wie verwerflich genau es ist, sich ungeachtet der Überfischungproblematik seinen Thunfischgelüsten hinzugeben und posteten schließlich selbst ein Foto von uns – welches wir wiederum vollkommen cool fanden.

Einzug der Spießigkeit

An die Gewinn- und Verlustrechnung des diesjährigen Geburtstags war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken. Emsig prosteten wir uns zu und lachten von allen Gästen am lautesten. Immer mehr Freunde schneiten aus der Kälte zu uns herein und ich kippte mit jedem Mexikaner einen weiteren Schluck wohliger Unbeschwertheit in mich hinein. Bis es dann irgendwo zwischen Prost und Pils soweit war. Mir kam der Gedanke, dass ich mir Leute unseres Alters früher einmal anders vorgestellt hatte. Mit beiden Beinen fest im Leben stehend, mit einem abgeschlossenen Bausparvertrag und womöglich sogar einem Klunker am Finger. Zumindest sah so das allgemeingültige Erwachsenen-Bild aus, das ich damals für alle jenseits der 20 gezeichnet hatte. Im Laufe der Zeit habe ich die schleichend näher rückende Schwelle zur bevorstehenden Zwangsspießigkeit dann schrittweise nach oben korrigiert – erst auf 25, später auf 30.

Erstens kommt es anders…

Als ich an meinem Geburtstagsabend bewusst den Blick durch unsere chaotische Runde schweifen ließ, musste ich wieder einmal feststellen, noch weit von dieser Erwachsenenvorstellung entfernt zu sein. „Was ist bloß passiert, dass deine Hose keine Bügelfalten hat“, schrien Knochenfabrik passenderweise in diesem Moment aus den Boxen über der Theke. Und obwohl ich mich bis heute gegen diese metaphorischen Bügelfalten wehre, frage ich mich genau das manchmal selbst: „Was ist bloß passiert, in deinem Leben lief doch immer alles glatt!“. Zum Beispiel als ich im letzten Jahr hochmotiviert aus der Uni kam und mich einige Monate später nicht in meinem Traumjob, sondern im Jobcenter wiederfand – um Hartz IV zu beantragen: „Na, kommen wir uns ein bisschen Geld vom Staat abholen? Hereinspaziert, wir haben ja genug davon.“ Bis heute male ich mir aus, was ich dem Schmierlappen am Empfang alles hätte antworten können, anstatt die wütenden Tränen herunterzuschlucken und mir kommentarlos, wie in Schockstarre, einen Platz zu suchen. So hatte ich mir mein seriöses Erwachsenen-Dasein jedenfalls nicht vorgestellt.

Schnapsideen

„Postuniversitäre Depression“ lautet der Fachbegriff für solche Tiefschläge in meiner diesjährigen Bilanz. Doch zurück in die verrauchte Kneipe. Meine Freundin riss mich aus den Gedanken, als sie mir stolz ihr neustes Tattoo entgegenhielt: „Guck mal, schon super gut verheilt! Wie geht’s deinem Bein?“, deutete sie mit ihrer Bierflasche auf das Grammophon, das vage durch meine Strumpfhose zu erkennen war. Keine Minute später, hatten nicht nur wir, sondern auch vier weitere Freunde ihre frisch verheilten Tattoos ausgepackt, die wir uns gegenseitig zu Weihnachten gewichtelt hatten. Selbst zwei Monate später platzten wir noch immer vor Stolz auf unsere abenteuerliche Weihnachtsaktion. Die nächste Runde an diesem Abend tranken wir auf unsere Wichteltattoos. Dann tranken wir auf uns. Um Mitternacht auf mich. Danach wieder auf die Wichteltattoos und schließlich auf die Idee, auch ein Oster- und Pfingst-Wichteln einzuführen. Wahrscheinlich standen in unserer Euphorie auch noch Totensonntag und der Tag Der Deutschen Einheit zur Debatte, doch das weiß wohl keiner mehr so genau.

Jeder auf seine Art

Erst als wir am nächsten Morgen von den schrillsten und unerbittlichsten Weckern der Welt aus dem Schlaf gerissen wurden, erinnerten uns unsere verkaterten Endzwanzigerkörper daran, keine 17 mehr zu sein. „Wer feiern kann, kann auch arbeiten“, konnten wir unsere Mütter tadeln hören, als ständen sie neben uns. Einen Aspirin-Cocktail später gingen wir schließlich unseren Pflichten nach. Die neu-ernannten Wichtelfeiertage wurden unter der Kategorie „Schnapsideen“ verbucht. Alles andere wäre albern gewesen. Offensichtlich werden wir also doch erwachsen, nur eben auf eine etwas unkonventionellere Art als viele andere. Und daran wird nicht einmal ein Bausparvertrag etwas ändern können, wenn Tag X gekommen ist.

Diana Ringelsiep / VÖ: April 2013, Punkrock! Fanzine
Foto: A. Freund

 

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