Es rappelt im Karton!

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Einen Stapel Bravo Hits, vierzehn Fotoalben und eine Ox-Ausgabe aus dem Jahr 2005 – die mit dem schönen The Briefs Cover. Nein, ich bin nicht dabei, das altbekannte Kinderspiel zu gewinnen, weil ich mir so gut die imaginären Reiseutensilien meiner Vorgänger merken kann. Dieser Koffer ist echt. Ich ziehe um. Zehn Jahre ist es her, dass ich Zuhause ausgezogen bin und obwohl der anstehende Umzug bereits der siebte seitdem ist, bin ich wieder mal überrascht, was alles aus den Untiefen meiner Schränke zu Tage kommt. Was ein Außenstehender voreilig als Müll klassifizieren mag, sind in Wirklichkeit stumme Zeitzeugen, die beweisen, dass ich wirklich da gewesen bin, an den Orten meiner Vergangenheit.

Die Schatztruhe

Aus einer Schublade ziehe ich eine kleine Schachtel hervor. Sie ist vollgestopft mit Briefchen, Botschaften und Eintrittskarten. Oben drauf liegt ein halber Fünfmarkschein. Die andere Hälfte habe ich mit vierzehn in einem symbolträchtigen Akt der Verbundenheit meiner besten Freundin überreicht. Die passende Passage in meinem damaligen Tagebuch dürfte in etwa lauten: „Eine Freundschaft wie unsere ist mehr wert als alles Geld der Welt.“ Mit einem Nachtrag vom Tag darauf: „Mist, wir hätten uns von dem Fünfer besser eine Schachtel Kippen kaufen sollen, jetzt müssen wir bis Ende der Woche schnorren.“ Ob sie die andere Hälfte auch aufgehoben hat?

Meet & Greet

Ich krame weiter und halte plötzlich das Ticket einer Rancid-Show in den Händen, zu der ich 2003 mit meinen Kumpels nach Hamburg aufgebrochen bin. Fix und fertig von der langen Fahrt schlenderten wir durch den Stadtpark, wo das Konzert stattfinden sollte, als wir von zwei Punks in nietenbesetzten Lederjacken angesprochen wurden: „Do you guys have two cans of beer for us?“ Latent genervt gingen wir mit einem knappen „Sorry“ weiter und trauten im nächsten Moment unseren Augen nicht, als die Gruppe hinter uns großmütig ihr Bier mit den Schnorrern teilte. Denn letztere hatten sich bei genauerem Hinsehen als Lars Frederiksen und Tim Armstrong entpuppt, die sich vor der Show noch mal unters Volk mischen wollten.

Eine Nacht in New York City

Einmal angefangen, in den Relikten alter Zeiten zu wühlen, fällt es mir zunehmend schwer, mich wieder dem Packen zu widmen. Aber einer geht noch. Ich ziehe einen Schnipsel vom Boden der Schachtel hervor. Es ist eine schäbige Getränkemarke aus einem New Yorker Pub. Sofort erinnere ich mich, wie kalt es an dem Abend im East Village war, als mein Bruder und ich dort letztes Jahr im Double Down Saloon landeten und abwechselnd Pabst Beer Dosen und Wodka Shots in uns hinein schütteten. Als wir feststellten, dass wir unfähig waren, die Jukebox zu bedienen, baten wir den nächstbesten Gast um Hilfe. Unsere Musikauswahl schien ihm zu gefallen und keine halbe Stunde später begleiteten wir ihn zu einem verlassenen Fabrikgebäude. Wie in einem 80er Jahre Film, flüsterte er am Eingang ein Passwort und führte uns schließlich in ein Kellergewölbe, in dem die abgefahrenste (wahrscheinlich illegale) Party stattfand, die wir auf unserer Reise erleben sollten.

Jugendrelikte

Keine Ahnung, ob ich mich ohne meine Schachtel Papierfetzen noch so gut an all diese Abende erinnern könnte. Ich will den Deckel gerade schließen, als ich einen Spuckiblock entdecke. Den letzten davon habe ich wahrscheinlich 2001 an eine Laterne gepappt, nachdem ich eine Flasche Sangria geext und in meinem jugendlichen Leichtsinn die Tempolimit-Biene Maja von einem Kindergartenzaun geklaut habe. Seitdem haben sie jeden Umzug überstanden. Warum? Weil Spuckis nach einer wilden, aufregenden Zeit schmecken.

Zurück in die Zukunft

Zwei Tage später habe ich das Packen und den Umzug hinter mir und stehe zwischen meinen gebündelten Habseligkeiten in einem Wohnzimmer, in das meine alte Wohnung hineingepasst hätte. Die weiten Räume riechen nach Farbe. Ich schnappe mir zwei Hansa-Dosen und gehe in die Küche, wo mein Freund gerade kopfüber in einer Umzugskiste steckt. „Das gibt’s ja nicht“, höre ich ihn aus dem Innern der Kiste brummen, „dass ich die noch habe…“. Mit einem lauten Zischen öffne ich mein Bier, da präsentiert er mir sein Fundstück auch bereits: „Hattest du die auch früher?“ Es ist ein Spuckiblock. Sein Spuckiblock. Ich lecke über die Rückseite des kleinen Zettels, den er mir entgegen hält, dann klebt er ihn mitten auf unsere große, leere, weiße Wand: „Alle Rassisten sind Arschlöcher. Überall.“ Zurück bleibt der Vorgeschmack auf eine wilde und aufregende Zeit.

 

Diana Ringelsiep / VÖ: Oktober 2013, Punkrock! Fanzine

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