Titus Dittmann: Brett für die Welt

In Deutschland und Europa hat Titus Dittmann die Skateboard-Szene geprägt, wie kein anderer. 2009 rief er skate-aid ins Leben und versucht seitdem, Kindern und Jugendlichen in über zwanzig Projekten weltweit durch Skateboarding eine Identität fernab von Drogen, Rassismus und Gewalt zu geben. Zu seinen Supportern gehören Prominente wie Anti Flag, Die Fantastischen Vier, Wotan Wilke Möhring und Til Schweiger. Ich habe die Rollbrett-Koryphäe in Münster getroffen und mir erklären lassen, wie Kinder in der Dritten Welt vom Skaten profitieren können.

Was war der schönste Moment, den du in Verbindung mit skate-aid erlebt hast?
Titus:
Das lässt sich nicht auf einen einzigen Moment reduzieren, doch spontan fällt mir das letzte Sound Central Festival in Kabul ein. Dieses Festival ist eine Veranstaltung für Kinder und Jugendliche, die dort auf der Aula-Bühne ihrer Schule, neben einheimischen Bands, Musik machen können – Rock, Pop, Hip Hop, worauf sie Lust haben. Als ich das letzte Mal dabei war, kam ein vollverschleiertes Mädchen von der Straße herein. Ein alltägliches Bild in Afghanistan. Doch dieses Mädchen lief schnurstracks auf die Garderobe zu, zog Gewand und Schleier aus, hing die Sachen ordentlich an einen Haken und ging in Jeans und T-Shirt auf die Bühne. Nach ihrem Auftritt kam sie strahlend zurück, zog die abgelegten Sachen wieder an und verließ das Festival wieder als Muslima. Solche Erlebnisse sind es, die mir Hoffnung geben. Denn auch, wenn es nach außen oft so aussieht, als würden sich manche Rollenbilder nie ändern, passiert unter Schleier und Burka bereits eine Menge.

Vor vier Jahren hast du die Stiftung gegründet und bist seitdem mit Herz und Seele dabei. Was waren deine Beweggründe, als du skate-aid gegründet hast?
Titus:
Es gibt Momente im Leben, da steht ein Fenster offen und man hat nicht viel Zeit, um sich zu überlegen, ob man den Mut hat, zu springen, denn wenn man zu lange zögert, gibt es Scherben. Bei der Gründung von skate-aid bin ich gesprungen. Ich hatte zuvor weder etwas geplant noch an einem Konzept gearbeitet. Anfang 2000 war die Titus AG am Börsengang gescheitert und in eine existenzielle Krise gestürzt. Es folgten einige harte Jahre. Nachdem meine Frau und ich es schließlich geschafft hatten, die Firma zu sanieren, beschloss ich, mich aus dem Geschäft zurückzuziehen und mir eine neue Lebensaufgabe zu suchen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass sich Kinder in Afrika und Zentralamerika für Skateboards interessieren könnten?
Titus:
2008 bin ich über einen Spiegel-Artikel gestolpert, in dem es um einen Australier ging, der eine NGO namens Skateistan gegründet hatte. Ich war sofort Feuer und Flamme von der Idee, Kindern in Afghanistan das Skateboardfahren beizubringen. Ich habe die Jungs sofort eingeladen, um alles über ihr Projekt zu erfahren und bin dann selbst runter geflogen, um sie vor Ort zu unterstützen. Doch am Ende ist unsere Zusammenarbeit an meiner dominanten Power-Art gescheitert, mit der nicht jeder umgehen kann. Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist, denn sonst hätte ich meine eigene Stiftung nie gegründet.

Sind die Projekte immer an Schulen gekoppelt, oder für welche Kinder sind die Skateparks in der Regel zugänglich?
Titus:
Dahingehend sind wir komplett flexibel. Wir stellen uns auf die vorliegenden Situationen ein und suchen uns immer einen Partner vor Ort. Welche Rechtsform der hat, ist uns erst mal scheißegal. Das können Initiativen, Organisationen, Vereine und sogar Privatpersonen sein. Wichtig ist, dass dieser Partner von selbst darauf drängt, etwas zu bewegen.

Wie viele Projekte gibt es insgesamt und was sind die nächsten Ziele der Stiftung?
Titus:
Am liebsten würden wir natürlich die ganze Welt bedienen, doch dafür haben wir die Kohle nicht. Der aktuelle Plan ist daher, keine weiteren Projekte zu starten. Vielmehr müssen wir mit dem knappen Budget, das uns zur Verfügung steht, den über zwanzig Projekten gerecht werden, die wir schon haben. Denn egal wie engagiert man bei der Sache ist, ohne finanzielle Mittel, kann man die beste Idee in die Tonne kloppen.

Justin Sane – Anti Flag:
„Als ich klein war, habe ich alles dafür getan, ein guter Skater zu werden. Skate-aid fördert diesen ‚Never Give Up Spirit‘ und inspiriert mich, einen Teil dazu beizutragen, aus unserem Planeten das Beste herauszuholen. Keep fighting!“

Kommen wir zum Konzept. Für einen Außenstehenden, der noch nie mit einem Skateboard in Berührung gekommen ist, mag es schwer vorstellbar sein, was Kinder in der Dritten Welt davon haben, sich aufs Brett zu stellen. Welchen Mehrwert bringt das Skaten mit sich?
Titus:
Skateboarding ist kein normaler Sport, sondern vielmehr eine bewegungsorientierte Jugendkultur. Ich habe mir Gedanken dazu gemacht, wie man Kids in der oft schwierigen Phase der Pubertät positiv beeinflussen kann. Denn in dieser Zeit entwickelt sich die Persönlichkeit eines Menschen, was zu einem großen Teil durch Fremdsozialisation passiert, indem Eltern, Lehrer und Mullahs in Afghanistan ihnen gesellschaftliche Werte einbläuen. Richtig und Falsch, Gut und Böse – kurz, wie sie zu denken haben. In Afghanistan passiert das natürlich noch viel stärker als hier. Doch wenn die Kinder in die Pubertät kommen, beginnen sie, sich innerlich gegen diese „Einnormung“ in die Gesellschaft zu wehren. Das Problem dabei ist meistens, dass sie zwar genau wissen, was sie nicht wollen, aber keine Ahnung haben, was sie wollen. Und da kommt das Skateboard ins Spiel, denn das stärkt die Selbstsozialisation enorm.

Punkrock Fanzine Titus Dittmann

Inwiefern tut es das?
Titus:
Ein Skateboarder lehnt von außen kommende Normen in der Regel noch vehementer ab als andere Jugendliche. Außerdem entwickelt er eine sehr große Disziplin sowie Motivation. Wenn er einen Trick schaffen will, knechtet er sich nahezu selbst, nimmt Schmerzen und Leid in Kauf und gibt nicht auf, selbst wenn er schon zehn Mal auf die Fresse geflogen ist. Hinzu kommt ein ganz entscheidender Punkt: Skateboarden ist fast das Einzige, was Kinder und Jugendliche besser können als Erwachsene, was es zu einer sinn- und identitätsstiftenden Sache macht, die das Selbstbewusstsein stärkt. Das alles beeinflusst die Persönlichkeitsbildung radikal, stärkt eigene Ideale und Werte und führt nicht zu einer dieser fremdbestimmten Pseudopersönlichkeiten. Kurz, mit skate-aid beeinflussen wir pubertierende Rotzlöffel positiv und hoffen, dass so selbstbewusste Persönlichkeiten entstehen, die den Mut haben, mal etwas anders zu machen als die Generationen davor.

Stichwort „auf die Fresse fliegen“ – der psychologischen Entwicklung scheint das Rollbrett gut zu tun, doch auch in Afghanistan, Tansania und Südafrika sind Kinder nicht vor Bänderrissen und Knöchelbrüchen gefeit. Wie sieht es dort mit der medizinischen Versorgung aus?
Titus:
Denen auf dem Land steht natürlich keine medizinische Versorgung zur Verfügung wie wir sie kennen. Deshalb versuchen wir vorzubeugen, indem wir Helme, Ellbogen- und Knieschoner mitliefern. Doch darüber darf man sich nicht zu viele Gedanken machen. Jugendliche, besonders in Afghanistan, sind so auf Mutproben fixiert, dass sie immer einen Weg finden werden, sich die Knochen zu brechen und wenn es nicht beim Skaten passiert, dann weil sie von einem zehn Meter hohen Dach springen. Skateboarden ist nicht gefährlicher als andere Sportarten, auch wenn es für Erwachsene oft so aussieht.

2010 habe ich selbst zwei Monate in Tansania gearbeitet und fand es sehr auffällig, dass die Kollegen dort schnell das Handtuch geworfen haben, wenn sie etwas nicht auf Anhieb hinbekommen haben. Legen die Kinder in Dodoma ein ähnliches Verhalten an den Tag?
Titus:
Nein, im Gegenteil. In Tansania sind die Kinder es gewohnt, dass ihnen jemand sagt, wie sie etwas zu machen haben. Doch beim Skateboarden ist da niemand, der ihnen vorwirft, dass sie wieder Scheiße gebaut oder etwas falsch gemacht haben. Der Druck von außen, der in Tansania oft zu den von dir beschriebenen Reaktionen führt, fällt weg und das motiviert. Sicher wird es auch dort mal einen gegeben haben, der alles hingeschmissen hat, aber die große Mehrheit beißt sich durch.

Hierzulande ist das Skateboarden eine Jungendomäne. Überraschenderweise sind die Projekte in manchen Ländern besonders für Mädchen interessant. Wie kommt das?
Titus:
Ja, das stimmt, ganz besonders in Afghanistan. Das liegt daran, dass Skateboarden dort weitestgehend unbekannt ist und somit nicht als Männer- bzw. Jungensportart gilt. Das heißt, es ist für Mädchen offen. Für Frauen noch lange nicht, die dürfen gar nichts, aber immerhin für Mädchen.

Glaubst du, dass sich die Stellung der Frau dort ändern kann?
Titus:
Wir machen immer den Fehler, den muslimischen Frauen zu unterstellen, dass sie dazu gezwungen werden, sich zu verschleiern und unterzuordnen. Aber so ist es in den meisten Fällen ja gar nicht. Ich nehme als Beispiel da gerne meine Oma, die noch die Weimarer Republik miterlebt und ihren Mann im ersten Weltkrieg verloren hat. Da war niemand, der ihr gesagt hat, wie sie zu denken hatte, doch sie hat aus voller Überzeugung die klassische Frauenrolle gelebt und wenn ein Mann da nicht mitmachen wollte, dann hat sie ihm den Kopf gewaschen.

Aber sind wir da nicht wieder beim Thema der Fremdsozialisation, in der Werte von außen übernommen wurden, ohne sie zu hinterfragen?
Titus:
Genau darauf wollte ich hinaus. Meine Oma war eine sehr starke und selbstbewusste Frau, die das alte Rollenbild lebte. Was ich damit sagen will, wir können nicht einfach in die Arabische Welt einmarschieren, den Männern vor die Schnauze hauen, den Frauen den Schleier ausziehen und glauben, sie so in eine „moderne Gesellschaft“ zu führen. Die Frauen dort sind in dieser Kultur groß geworden und wollen sie auch leben. Erst über mehrere Generationswechsel, können diese Werte langsam herauswachsen.

Til Schweiger:
Underdogs für Underdogs! Prima Sache, Punkrock pur und deshalb auch jede Menge Stil.

Zurück zu skate-aid. Wie kann man eure Arbeit unterstützen?Punkrock Fanzine Titus Dittmann
Titus:
So blöd es klingt, in erster Linie brauchen wir natürlich Kohle, um weitermachen zu können. Eine ganz wichtige Hilfe sind uns daher Spenden. Wer uns regelmäßig unter die Arme greifen möchte, kann auch Fördermitglied werden, da können schon fünf Euro monatlich etwas bewirken. Leute, die selbst nicht viel haben, können Aktivist werden, Flyer an der Uni verteilen oder einen Schulflohmarkt zugunsten der Stiftung veranstalten. All das sind Dinge, die uns richtig weiterhelfen. Davon ab haben wir auch Partner in der Fashion- und Skateboard Industrie, wie zum Beispiel Volcom und Osiris, die skate-aid Produkte heraus gebracht haben, für sie jedes Mal eine Spende abdrücken, wenn ein Teil verkauft wird. Doch der einfachste Weg ist Heroshopping.org. Von dieser Website aus gelangt man zu über 150 bekannten Online Versandhäusern, die dann einen prozentualen Anteil von jedem Einkaufswert an ein skate-aid Projekt spenden.

Kann man auch mit Sachspenden helfen? Achsen, T-Shirts, Schoner?
Titus:
Da müssen wir stark differenzieren. Natürlich schicken wir viel runter, doch wir müssen dabei sehr vorsichtig sein, besonders bei T-Shirts. Motive bei denen wir uns hier nichts denken, wie ein Kreuz, ein Totenkopf oder ein Gewehr, haben dort teilweise eine vernichtende Wirkung. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie weitreichend unsere Verantwortung ist.

Also besser keine Bad Religion T-Shirts einsenden…
Titus:
Haha, richtig… Darüber hinaus müssen wir auch darauf achten, ob es vor Ort eine funktionierende Textilindustrie gibt, die wir durch Kleidungsspenden gefährden würden. All das sind Dinge, an die man nicht sofort denkt, wenn man helfen möchte, die aber berücksichtigt werden müssen.

Wie sieht es mit einer Unterstützung vor Ort aus?
Titus:
Dahingehend bekommen wir unzählige Anfragen: „Ich bin die ideale Besetzung, schickt mich für ein Jahr nach Afrika.“ Über die Hälfte dieser Anfragen kommt von jungen Leuten, die auf der Suche nach einem günstigen Abenteuer sind und dabei noch etwas Gutes tun wollen. Das sind jedoch leider nicht die Leute, die wir brauchen. Denn für die Jobs, die vor Ort zu machen sind, benötigen wir die höchste Qualität an Profis. Der Wille allein, reicht da unten leider nicht aus.

Thomas D. – Die Fantastischen Vier:
„Junges Menschenpotenzial, das sich bewegt, eigene Wege geht und damit was bewegt. Ohne Taktik und Kalkül. Mit Herz und Verstand. Mit Mut und Souveränität. Ich unterstütze die Initiative skate-aid und sage nicht nur Danke an Titus, sondern: Respekt!

 Wo bekommt ihr diese Profis her?
Titus:
Seit einigen Jahren bin ich Lehrbeauftragter an der Uni Münster. Ich zeige den angehenden Lehrern dort, dass Skateboarden nicht mit anderen Sportarten vergleichbar ist und versuche es ihnen als eine bewegungsorientierte Jugendkultur näher zu bringen. Sie müssen begreifen, dass sie beim Skaten nichts mit methodisch-didaktischen Reihen wie in der Leichtathletik anfangen können. Herangehensweisen wie „Heute machen wir Schwerkraft-Theorie und dann wollen wir mal sehen, ob ihr nicht den Ollie höher schafft“, sind nicht skateboardgemäß. Wenn sie das verstanden haben, ist es auch egal, wie gut sie selbst fahren.

Man kann an der Uni Münster „Skateboarden“ bei dir studieren? Wie hast du das denn hinbekommen?
Titus:
Auch das ist durch skate-aid ins Rollen gekommen. Die Arbeit in Afghanistan lief einwandfrei, solange die Grünhelme vor Ort waren. Zu der Zeit gab es keine Probleme mit der Nachhaltigkeit unserer Projekte. Erst als sie sich zurückzogen, wurde klar, wie wichtig es ist, dass jemand vor Ort ein Auge auf alles hat und so mussten wir uns ein neues Netzwerk aufbauen. In dieser Zeit ist mir klar geworden, dass ich für eine langfristige und nachhaltige Arbeit die idealen Projektleiter benötige. Gut ausgebildete Lehrer, die mit dem Skateboarden vertraut und bereit sind, die Sache aus voller Überzeugung zu betreuen. Personen wie diese gab es nur leider nicht. Das Skateboarden musste also an der Uni Herat implementiert werden, sodass die angehenden Lehrer dort lernen konnten, das Rollbrett als Instrument zu begreifen, das pädagogisch und soziologisch eingesetzt werden kann. Also bin ich an die Uni Münster gegangen und habe eine Partnerschaft mit einer afghanischen Universität vorgeschlagen, um dieses Ziel zu erreichen. In Münster war man von der Idee sehr angetan, die einzige Bedingung der Universität war, dass ich selbst einen Lehrauftrag annehme.

Check-Links:
skate-aid.org
facebook.com/skateaid
youtube.com/user/skateaidorg
heroshopping.org

Spendenkonto:
Kontoinhaber: skate-aid.e.V.
Kontonummer: 551739
Bankleitzahl: 40050150
Kreditinstitut: Sparkasse Münsterland Ost
Verwendungszweck: Spende skate-aid

IBAN: DE57400501500000551739
SWIFT-BIC: WELADED1MST

Gläubiger-ID: DE90ZZZ00001002590

Titus Dittman Biografien:
Brett für die Welt, Taschenbuch, Bastei Lübbe Verlag (Quadriga), 2012
Brett vorm Kopp, Dokumentarfilm, Monica Nancy Wick und Ali Eckert, 2012

Diana Ringelsiep / VÖ: Oktober 2013, Punkrock!

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