Im falschen Film

Manchmal muss ich mich doch allen Ernstes fragen, ob ich im falschen Film gelandet bin. Genauer gesagt immer dann, wenn Dinge passieren, die dermaßen klischeehaft erscheinen, dass ich direkt umschalten würde, sofern es ein Film wäre. ZAPP! Bei Punk Im Pott war es mal wieder soweit. Es ist ja nicht so, als sei ich nie auf dem Force Attack gewesen, doch es gab offenbar triftige Gründe dafür, dass letzteres stets unter freiem Himmel zelebriert wurde. Denn die schweißgeschwängerte Luft in der Turbinenhalle hätte man schneiden können – in dicke, triefende „NasserHundScheißtSichAnUndErbrichtPansen“ -Scheiben. Glücklicherweise verhielt es sich mit dieser Tatsache ähnlich wie mit dem Knoblauchessen. Hatte man den Geruch erst einmal angenommen, nahm man ihn nicht mehr wahr. Der Begriff vom „Bad in der Menge“ bekam somit eine ganz neue Bedeutung.

Stereotypen-Kabinett

Im Nachhinein frage ich mich, weshalb andere Indoor-Festivals wie das Punk & Disorderly in Berlin oder das Rebellion in Blackpool mir geruchstechnisch nicht so prägnant in Erinnerung geblieben sind. Hat da mal jemand unter die Decke geschaut? Ich meine, hängen da vielleicht Duftbäumchen?! Wie auch immer, der Grund dafür, dass ich euch von diesem Wochenende erzähle, ist ohnehin ein anderer. Denn obwohl ich mich seit gut 15 Jahren über unreflektierte Punker-Vorurteile echauffiere, haben die Punk im Pott Besucher es geschafft, dem unliebsamen Punk-Stereotyp dermaßen gerecht zu werden, dass man sie zweifellos für schlecht gecastete Charaktere einer scipted Dokutainment-Show hätte halten können. Wohlgemerkt von einer Dokutainment-Show, bei der meine Oma Regie geführt hat.

Kotzreiz, ich glaub‘, ich kotz‘ gleich

So bot sich mir allein auf dem Weg zum Klo ein beispielloser Querschnitt der geballten „Asozialheit“. Ich hatte mir gerade einen Weg durch die vor sich hin blähenden Schnapsleichen gebahnt, die überall herumlagen, als ich es an der Treppe in letzter Sekunde schaffte, einem gewaltigen Kotzestrahl auszuweichen, der vor mir auf die Stufen klatschte. Frikadellen-Magensaft lag in der Luft. Schlappiro über mir wischte sich den Mund ab und hielt sich zitternd an der Brüstung fest. Prost Mahlzeit. Mit angehaltener Luft hastete ich die Stufen nach oben, wo mir im schummrigen Licht ein ganzer Schwung Leute entgegenkam. Anscheinend hatten sie alle darauf gewartet, dass Schlappiro sich ausgekotzt hatte. Ich trat also einen Schritt zur Seite, um sie durchzulassen, als sich plötzlich etwas Warmes an meinem Bein rieb. Hatte etwa irgendein Bekloppter seinen Hund mit in diesen stinkenden Scherbenhaufen gebracht?

Rudelfick im Altersheim an meinem Bein

Im Begriff, dem verantwortungslosen Arschloch gehörig die Leviten zu lesen, drehte ich mich wutentbrannt um und sah an mir herab. Aber da war kein Hund, der sich hilfesuchend an mich schmiegte. Es war der Fickrhythmus eines kopulierenden Pärchens, das mir in dem Schmodder zu Füßen lag. Fassungslos starrte ich zu ihnen herab und fragte mich für einen Augenblick, ob die Dame überhaupt bei Bewusstsein war. Doch in diesem Moment begann sie, ihrer Eroberung kreuz und quer durchs Gesicht zu lecken. So hatte das Ganze zwar tatsächlich etwas hundeartiges, aber immerhin schienen sich alle Beteiligten bester Gesundheit zu erfreuen. Bevor sie es schafften, mir eine Laufmasche in die Strumpfhose vögeln, ergriff ich schließlich die Flucht in Richtung Klo. Heiliger Bimbam, schlimmer konnte es zum Glück nicht werden. Dachte ich.

Pipi machen muss man, kann man nix dafür

Wahrscheinlich hätte ich stutzig werden sollen, als die Putzfrau den Schrubber hinknallte und laut fluchend an mir vorbei stürmte. Doch ich hatte bereits den Verdrängungsmodus hochgefahren und träumte von doppelten Schnäpsen, die ich mir an der Bar genehmigen würde, um mein Beinvergewaltigungstrauma zu bewältigen. Umso härter traf mich beim Betreten der Damen-Toilette der Anblick von vier räudigen Punkern, die just in diesem Moment ihre ungewaschenen Nacktmulle über den Waschbecken abschüttelten. Pipi auf dem Boden. Pipi am Spiegel. Pipi überall. Noch während ich mich fragte, weshalb sie die Gelegenheit nicht gleich beim Schopfe packten und zum Seifenspender griffen, drehte sich einer von ihnen zu mir um, die Fleischwurst noch immer in der Hand, und fragte mich verdutzt: „Weißt du, wieso die Oberhausen so komische Pissiors haben?“ Jesus, Maria und Joseph! Wieviel würde ich trinken müssen, um all das zu vergessen? Eins ist jedenfalls klar, wer auch immer diesen Film gedreht hat, hat sich eindeutig zu vieler Klischees bedient. ZAPP!!!

 

Diana Ringelsiep / VÖ: Januar 2014, Punkrock! Fanzine

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