Beatsteaks: Eine Bootsfahrt die ist lustig

Im Fernsehen werden sie als die „Beste Live-Band Deutschlands“ angepriesen, ganze Straßenzüge sind mit dem Cover ihrer neuen Single „Gentleman Of The Year“ tapeziert und das Video dazu zählt bereits nach der ersten Woche über 100.000 Klicks auf Youtube. Die Meinungen, die darunter zu finden sind, gehen weit auseinander. Was für den einen Beatsteaks-Sound in Perfektion ist, hat für den anderen nichts mehr mit dem zu tun, was ihm die einstige Punkrock-Band einmal bedeutet hat. Ich selbst verfolge den Werdegang der Berliner mittlerweile seit fünfzehn Jahren. Für dieses Interview habe ich die Poppunker an Bord eines Kutters begleitet und mich mit ihnen über fast zwanzig Jahre Bandgeschichte unterhalten – das weckte mehr Erinnerungen als erwartet.

Es ist zwölf Uhr mittags, als die Band an der Schillingbrücke, nahe des Berliner Ostbahnhofs, eintrifft. Die Herren sind vollzählig und wirken ein bisschen so, als seien sie gerade aus dem Bett gefallen. Müde Augen, zerzauste Haare, gedämpfte Stimmen. Überhaupt wirken sie einen Tick älter als auf der Bühne oder im Fernsehen. Am Ende der Woche feiert Sänger Arnim Teutoburg-Weiß seinen vierzigsten Geburtstag. Die Nerd-Brille, die er neuerdings trägt, hat er heute Zuhause gelassen. Als Mädchenschwarm gilt er noch immer, auch die mit den Jahren größer gewordenen Geheimratsecken haben dem keinen Abbruch getan. Er versteckt sie nicht einmal, dank seiner lausbübischen Ausstrahlung, nimmt sie sowieso niemand wahr.

Die Teensteaks und die Sex Pistols

Neunzehn Jahre ist es her, dass der Sänger sich der Band anschließt, die Peter Baumann und Bernd Kurtzke kurz zuvor mit zwei Freunden gegründet haben. Ein Jahr später treten sie als Beatsteaks beim „Pretty Vacant“-Bandcontest im Kreuzberger SO36 an – und gewinnen! Der Preis: Ein Auftritt als Support der Sex Pistols Reunion-Show. Am 6. Juli 1996 ist es soweit, die Beatsteaks spielen ihr gerade mal zehntes Konzert als Vorband der legendären Punk-Ikonen aus dem Vereinigten Königreich. Sie sind stolz wie Oskar. Das Publikum hingegen kennt die Teenies nicht und fiebert dem Hauptact entgegen. Nichtsdestotrotz wird der Grundstein für ihre Zukunft an diesem Abend gelegt. Die Hauptstadt wird sich an sie erinnern. Ein Jahr später erscheint ihr erstes Studioalbum auf XNO-Records, einem kleinen Label aus Berlin. Sie benennen es nach der Hausnummer ihres Proberaums in der Alten Schönhauser Straße in Mitte. Im Titelsong der Platte heißt es: „Wir komm aus Berlin, aus nem dunklen Keller – 48/49 – Ejal, wie Ihr dit findet, da komm wa nu ma her!

Zurück an der Schillingbrücke. Den besungenen dunklen Keller und Auftritte als Support-Act haben sie längst hinter sich gelassen. Geduldig folgen die noch immer etwas müde drein schauenden Musiker den Anweisungen der Fotografen. Ihr siebtes Studioalbum steht in den Startlöchern. Das mediale Interesse an der Band ist enorm. Vertreter von Fernsehen, Radio und den großen Printmedien sind gekommen, um ein Gespräch oder ein Foto mit der Band zu erhaschen. Mittlerweile posieren sie an Bord des kleinen Kutters, auf dem sie später Interviews geben werden. „Thomas, bitte einmal die Beine von Deck baumeln lassen“, ruft ein Fotograf. Vorsichtig schaut der Drummer aufs dunkle Spreewasser hinab und entscheidet sich nervös lachend dagegen. Die Stimmung taut auf.

Von Pusemuckel bis L.A.

Als 1999 das zweite Album „Launched“ erscheint, hat Thomas Götz bereits seinen Vorgänger Stefan Hircher am Schlagzeug abgelöst. Die Platte erscheint auf Epitaph Records, dem kalifornischen Label von Bad Religion Gitarrist Brett Gurewitz, auf dem zu diesem Zeitpunkt bereits Platten von NOFX, Rancid, The Offspring, Pennywise und Green Day erschienen sind. Für die Berliner ein Sechser im Lotto. Fortan spielen sie im Vorprogramm von großen Bands wie Bad Religion und den Toten Hosen und erhöhen zusehends ihren Bekanntheitsgrad. Sie nehmen alles mit, spielen von Pusemuckel bis Kleinkleckersdorf. So verschlägt es sie kurz vor einem Auftritt auf dem With Full Force Festival auch in den nordhessischen 2000-Seelen-Ort Bottendorf. „Wir hatten damals noch keinen Führerschein und die Konzerte waren alle so weit weg“, erinnert sich Mitveranstalter Dixo heute, „da haben wir einfach die Nummer aus dem ‚48/49‘ Booklet angerufen und gefragt, was sie kosten. Für 1500 D-Mark haben die Beatsteaks dann bei uns im Dorfgemeinschaftshaus gespielt. Am Ende haben wir zwar 200 Mark draufgezahlt, doch das war es wert“. Die Legenden des Abends halten sich bis heute. Torsten Scholz, der die Band damals noch als Roadie begleitet, löst Alexander Rosswaag kurz darauf am Bass ab. Das heutige Line-Up ist somit komplett.

Das Fotoshooting an der Spree neigt sich dem Ende und düstere Wolken ziehen am Himmel über der Hauptstadt auf. Hektisch versammeln sich die geladenen Passagiere an Bord und suchen sich einen Platz an Deck des „Don Juan“. Kurz darauf legt die 3,4 Meter breite Salonyacht ab und schippert mit knatterndem Motor Richtung Oberbaumbrücke. Bernd zündet sich eine Zigarette an. Über die Frage, wie er Peter und Arnim das neue Album beschreiben würde, wenn er sie 1995 im Proberaum in der Alten Schönhauser besuchen könne, denkt er lange nach. Dann sagt er zögerlich: „Ihr würdet euch wundern, wenn ihr wüsstet, was ihr in zwanzig Jahren macht. Wahrscheinlich würdet ihr es jetzt noch nicht verstehen, aber vertraut mir – macht weiter.

Ärztlicher Beistand

Ein Jahr nachdem das dritte Beatsteaks Album „Living Targets“ erscheint, veröffentlichen Die Ärzte 2003 die Single „Unrockbar“. Der Song hält sich mehrere Wochen auf Platz 1 der Charts und über eine Textzeile stolpert jeder der bisher noch nichts von ihnen gehört hat: „Wie kannst Du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben, wenn Dir doch Schlagersänger Tränen in die Augen treiben.“ Wer sind bloß diese Beatsteaks? Spätestens jetzt jedenfalls kein Geheimtipp mehr. „Living Targets“ gehört fortan in jede vernünftige Party-Playlist. Im Jahr darauf schaffen sie mit ihrem letzten Epitaph-Album „Smack Smash“ schließlich erstmalig den Sprung in die Charts. Nun klingen sie endgültig mehr nach Pop als nach Punk. Doch drauf geschissen, die Songs sind das Beste, was seit Jahren im Radio lief und Die Ärzte behalten Recht – bei den Beatsteaks kann man nicht ruhig sitzen bleiben. Mit der dritten Single der Platte, „Hello Joe“, platzieren sie schließlich sogar ein Tribut an The Clash Frontmann Joe Strummer in den Charts. Mehr Poppunk geht nicht. Mehr Authentizität auch nicht. Im selben Jahr erhalten sie den MTV European Music Award als „Best German Act“.

Zurück auf dem Schiff, denken die heutigen Popstars gerade darüber nach, wie sie Punkrock definieren, als die schwarzen Wolken über ihnen, den Regen nicht mehr halten können und dicke Tropfen auf den dunklen Holztisch klatschen. Hastig springen sie auf und beginnen, mit lachenden Hilferufen in Richtung Käpt’n, das Verdeck über sich auszurollen. Torsten findet als erster zur Frage zurück: „Also ick würde mir nie anmaßen zu sagen, dass ick Punker wär. Dann kommt am Ende noch der Sänger von Slime und sagt, „Nee, biste nicht“. Wenn ick aber Klassentreffen habe und in dem Kontext mit meiner Meinung und dem was ich mache, allein dastehe, dann kann ich mich in dem subjektiven Moment durchaus als Punk bezeichnen.“ Dann überlegt er einen Moment und fügt entschlossen hinzu: „Slime ist eine großartige und bewundernswerte Band. Man muss erst mal die Traute haben, das Punk-Ding mit allen Konsequenzen über einen so langen Zeitraum durchzuziehen. Andere nennen sich schon Punk, weil sie Nazis scheiße finden. Aber entschuldige mal bitte, jeder normale Mensch sollte Nazis scheiße finden.“ Bernd nickt zustimmend und zündet sich eine neue Zigarette an. Thomas hingegen scheint mit der Frage überfordert zu sein. Nachdenklich legt er die Stirn in Falten und kratzt sich am Kopf. Er habe Popmusik schon immer geil gefunden und sollte jemals der Fall eintreten, dass er sich allein als Popper unter Nazis zu befände, würde er sich in diesem Moment wohl auch als Punk fühlen. Sichtlich irritiert lehnt er sich zurück, als müsse er über seine eigenen Worte nachdenken.

Der Fall von ganz oben

Im März 2007 bringen die Beatsteaks mit „Limbo Messiah“ ihr fünftes Album heraus. Es ist das erste, das auf Warner Music erscheint, neben Universal und Sony, einem der drei größten Major-Labels weltweit. Das Album schafft es auf Platz 3 der deutschen Charts, die Singles „Jane Became Insane“ und „Cut Off The Top“ schaffen es auch bis in die letzte Dorfdisco. Am 7.7.‘07 spielen sie schließlich in der ausverkauften Berliner Wuhlheide ihr bis dato größtes eigenes Konzert. Die Euphorie darüber ist ihnen an dem schwülen Sommerabend deutlich anzumerken. Zehn Jahre nach dem Erscheinen ihrer ersten Platte in dem denkmalgeschützten Amphitheater vor 17.000 Zuschauern zu spielen, gleicht für die Berliner aus dem dunklen Keller einem wahrgewordenen Traum. Noch im selben Jahr werden sie mit dem Hörerpreis der 1 Live Krone als „Bester Live-Act“ ausgezeichnet. Da zahlt es sich aus, dass Arnim aus einer Artistenfamilie kommt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt die Band nicht, dass sie das alles vier Jahre später mit ihrem sechsten Album noch toppen wird. „Boombox“ erscheint 2011 und erreicht prompt die Spitze der deutschen Albumcharts. Die Kindl-Bühne in der Wuhlheide verkaufen sie in diesem Sommer gleich zwei Tage hintereinander aus. Headliner-Shows auf den großen Festivals gehören längst an die Tagesordnung. Der Erfolg beginnt langsam unheimlich zu werden. Im Jahr darauf gehen die Beatsteaks mit zwei Schlagzeugern auf Tour und verbringen eine außergewöhnlich gute Zeit miteinander. Doch dann findet der „Two Drummer Summer“ ein jähes Ende. Sie haben gerade die Sichtung des Videomaterials für die „Muffensausen“ DVD abgeschlossen, als Thomas mit einer Kiste auf dem Kopf vornüber eine Wendeltreppe hinunterstürzt. Der Schlagzeuger wird mit unzähligen Knochenbrüchen und einem Schädelbasisbruch auf der Intensivstation eingeliefert. Seine Bandkollegen stehen unter Schock. Auf Facebook verkünden sie: „Bitte habt Verständnis dafür, dass wir uns hier weder in medizinischen Details noch im Unfallablauf verlieren, […], aber es ist auf jeden Fall viel zu Bruch gegangen.“ Erst eine Woche später verlässt Thomas die Intensivstation und gibt Entwarnung. Weshalb sein Kopf bei dem Unfall in einer Kiste steckte bleibt ein Rätsel.

An Bord des „Don Juan“ machen Thomas und seine Kollegen zwei Jahre später Witze über den Unfall. „Um ehrlich zu sein, ist das wie in einem Cartoon gewesen. Wenn da einer irgendwo ganz schlimm gegen rennt oder einen Amboss auf den Kopf bekommt, dann ist er danach meist richtig hohl. Und so ist es mit Thomas auch. Da oben ist es gerade echt Zappen duster bei ihm“, lacht Torsten etwas gequält. Thomas schielt dazu und beginnt prompt zu sabbern. Als das Boot nach einer guten Stunde wieder am Paula-Thiede-Ufer anlegt, hört es von einem Augenblick auf den anderen auf zu regnen und die Sonne bricht durch. Eine neue Gruppe pitschnasser Journalisten steht bereit, an Bord zu kommen.

Feierabend

Am Abend empfängt die Band ihre Familien, Freunde und eine Reihe geladener Gäste im Fluxbau zur Pre-Listening Party. Sie alle wirken sichtlich entspannt und begrüßen strahlend die Neuankömmlinge. Eine Umarmung hier, ein Prost da, quiekende Kinder überall. Auf der Terrasse über dem Wasser der Spree wird bereits gegrillt und die untergehende Sonne tunkt die Oberbaumbrücke in ein kitschiges, allgegenwärtiges Rosa. Das kühle Bier tut gut. Als das Lokal aus allen Nähten zu platzen drohtt, lässt Arnim es sich nicht nehmen, die Gäste offiziell zu begrüßen und die Premiere ihres Videos zu „Gentleman Of The Year“ anzukündigen. Bernd legt den Arm um seine Frau. Torsten rennt seiner kleinen Tochter mit ein paar Ohrstöpseln hinterher. Die anderen haben sich irgendwo unters Volk gemischt und genießen den Feierabend. Dann flimmert das Video über die Leinwand. In der zweiten Reihe sitzt eine junge Frau, die gedankenverloren ein Herz in ihren Notizblock kritzelt. Die Anwesenden beginnen zu jubeln und zu tanzen. Gläser klirren. Die Geschichte der Beatsteaks ist noch nicht zu Ende.

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Diana Ringelsiep / VÖ: April 2014, Punkrock!

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