CJ Ramone und George DuBose: Das Gemeinschaftserbe der Ramones

CJ Ramone als er mein Heft erhalten hat

Über 40 Jahre nach der Gründung der wohl legendärsten amerikanischen Punkband, sind die New Yorker noch immer allgegenwärtig. Ihre Songs untermalen Kinohits wie Shrek und Scary Movie, H&M bringt eine Ramones-Kollektion nach der anderen heraus und in Studenten-Clubs tanzt man am Wochenende zu „Blitzkrieg Bob“. Kaum zu glauben, dass der kommerzielle Erfolg während des 22-jährigen Bandbestehens hingegen auf sich warten ließ. Die vier Gründungsmitglieder, deren Namen das berühmte Logo zieren, bekommen von all dem Trubel heute leider nichts mehr mit. Sie alle starben viel zu jung. Joey, Johnny und Tommy an Krebs, Dee Dee an einer Überdosis Heroin. Was bleibt, ist der Mythos einer Band, die mit sozialkritischen Texten und extremer Geschwindigkeit eine neue Musikrichtung schuf. CJ Ramone und George DuBose waren dabei. CJ Ramone hat die Band die letzten sieben Jahre am Bass begleitet und an drei Alben mitgewirkt, George DuBose war ihr Haus und Hof Fotograf, der nicht weniger als neun Album-Cover für sie fotografierte. Unabhängig voneinander haben sie sich erinnert und mit mir über ihr Engagement gegen das Vergessen gesprochen.

Wie alles begann…

CJ Ramone: 25 Jahre ist es her, dass ich Mitglied der Ramones Familie wurde und der Tag, an dem es geschah, hat mein Leben komplett verändert. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich noch immer bei den Marine Corps und ich bin mehr als froh, dass dem nicht so ist. Ich war nicht mal nervös, als ich 1989 zum Vorspielen gegangen bin, denn ich habe mir schlichtweg keine Chancen ausgerechnet. Ich war erst 23 Jahre alt und bin nur hingegangen, weil ich sie treffen wollte. Es war aufregend. Ich stellte mich kurz vor und John fragte mich, welchen Song ich spielen wollte. Ich entschied mich für „I Wanna Be Sedated“ und wir spielten ihn einmal zusammen durch. Dann fragte er mich, ob ich ein Fan sei und wie viele Shows ich schon von ihnen besucht hätte. Smalltalk halt.

George DuBose: Das erste Cover, das ich je gemacht habe, war das des gelben „The B-52’s“ Albums. Tony Wright war damals der Grafikdesigner, der mein Foto benutzt hat. Jedenfalls hatten The B-52’s und The Ramones denselben Tourmanager und der fragte natürlich auch diesmal wieder Tony Wright, als er ein Cover „Subterranean Jungle“ brauchte. Tony fragte wiederum mich. Bei dem Shooting in einem New Yorker Bahnhof traf ich sie zum ersten Mal. Monte Melnick nahm mich zur Seite und erklärte mir, dass Marky bald aus der Band fliegen würde. Also positionierte ich ihn etwas abseits hinter einem Fenster des Zugs, die anderen posierten in der offenen Tür. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Schließlich arbeitete ich das erste Mal für sie und ich hatte weder eine Ahnung von ihrer Bandpolitik, noch von Markys Alkoholproblem. Ich machte einfach meinen Job. Mit Marky habe ich auch später nie über diesen Tag gesprochen.

CJ Ramone: Wir spielten den Song gerade zum zweiten Mal, als Joey plötzlich den Raum betrat. Als wir fertig waren, ging ich direkt zu ihm herüber und stellte mich ihm vor. Zu diesem Zeitpunkt spielte ich noch mit seinem Bruder zusammen in einer Band. Er war es auch, der mir von dem Casting erzählt hatte, doch Joey traf ich an diesem Tag zum ersten Mal. Eine halbe Stunde nachdem ich gekommen war, verabschiedete ich mich und ich war mir sicher, nie wieder etwas von ihnen zu hören. Als schließlich Johnnys Anruf kam, stand ich gerade unter Strafarrest bei den Marines, weil ich mich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Er sagte, wenn ich meine Strafe abgesessen hätte, bekäme ich den Job. Das war die beste Nachricht, seit sehr langer Zeit. Doch da war niemand, der sich mit mir freute, also ging ich nach dem Telefonat ins Bett.

Geroge DuBose: Ein Jahr nach dieser ersten Zusammenarbeit am Bahnhof, rief Johnny mich an. Er fragte, ob ich Lust hätte, noch ein Cover für sie zu machen und ob ich einen guten Grafikdesigner wüsste. Ich fragte ihn, was mit Tony Wright nicht gestimmt habe, schließlich hatte er uns zusammen gebracht. Johnny antwortete, dass ihm das Cover von „Subterranean Jungle“ nicht gefallen habe, „The graffiti looked fake“. Schließlich konnte ich ihn davon überzeugen, dass Tony ein großartiger Grafiker war und er bekam den Job. Der „Too Tough Too Die“ Schriftzug stammt von ihm, das Foto von mir.

CJ Ramone

Der Kampf gegen das Vergessen

CJ Ramone: Mit meinem neuen Album „Last Chance To Dance“ schließt sich der Kreis für mich in vielerlei Hinsicht. Das Coverbild stammt von einem bekannten New Yorker Fotograf namens Allan Tannenbaum. Er ist berühmt für seine Fotografien aus den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern. Er hat die dunklen Seiten der Stadt festgehalten, lange bevor sie als eine der schönsten Metropolen der Welt galt. Die Frau auf dem Cover ist eine Prostituierte, die Tannenbaum im August 1974 am Time Square abgelichtet hat. Das Foto wurde also exakt vierzig Jahre vor dem ursprünglichen Release-Date meines Albums und nur kurze Zeit nach dem aller ersten Ramones Konzert im CBGB geschossen. Es ist das Bild eines jungen Mädchens, das in der Kulisse dieser dreckigen Stadt etwas Schreckliches tut, sie verkauft ihren Körper. Die Ausstrahlung des Bildes hat mich getroffen wie ein Schlag. Ich wollte es sofort haben.

George DuBose: Im vergangenen Jahr habe ich ein Buch mit dem Titel „I Speak Music – Ramones“ herausgebracht, in dem die meisten Fotos zu finden sind, die sich über die Jahre angesammelt haben. Das Besondere an diesem Bildband ist, dass ich zu jedem Bild das Konzept dahinter erkläre und viele Geschichten und Anekdoten erzähle, die ich mit den Bildern in Verbindung bringe.

CJ Ramone: Ich freue mich riesig, dass mein neues Album auf Fat Wreck Chords erscheinen wird. Denn so kann ich mich wieder auf die Dinge konzentrieren, die mir liegen: Songs schreiben, Songs aufnehmen und Touren. Mein erstes Solo-Album „Reconquista“ habe ich durch Crowdfunding finanziert. Das war mit ungeheuer viel Arbeit verbunden, denn ich bin alles andere als ein Business-Man. Im Gegenteil, ich wollte nie einer sein. Das Label nimmt mir diesen unangenehmen Teil nun komplett ab und ich kann mich auf die Dinge konzentrieren, die mir Freude bereiten. Mein Gehirn funktioniert auf diese Weise wesentlich besser.

George DuBose: Anlässlich des 40. Jubiläums der Ramones werde ich im November zwei Foto-Ausstellungen in Köln veranstalten, bei denen es auch Live-Musik geben wird. Neben den eingefleischten Fans möchte ich damit vor allem auch den Nachwuchs erreichen. Ich werde vorher einige Bilder in Postergröße drucken und stilecht mit schwarzem Tape in die Ecken hängen lassen. Die Kids können sich diese dann nach der Show unter den Nagel reißen und mit nach Hause nehmen. In Zukunft würde ich gerne auch in anderen Städten solche Ausstellungen organisieren.

CJ Ramone: Diesmal hatte ich von Anfang an Steve Soto und Dan Root von den Adolescents sowie David
Hidalgo Jr. von Social Distortion an meiner Seite, die auch schon an meinem ersten Album mitgewirkt haben. Das hat die Sache wesentlich angenehmer für mich gemacht, denn ich gehöre nicht zu den Musikern, die gerne alles in der Hand haben, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Ich genieße es, mit Leuten zu arbeiten, die sich einbringen und Musik genauso sehr lieben wie ich. Was soll ich sagen? I’m a band-guy. Beim letzten Mal war es zwar aufregend, mit ihnen und anderen Punkrock-Größen aus Bands wie Bad Religion und Flogging Molly als Special Guests zusammen zu arbeiten. Doch diesmal fühlte es sich anders an. Dan, Steve und David waren nicht länger meine Gäste, wir waren eine Band. Die Songs auf dem Album klingen um Längen besser als die Demoaufnahmen, die ich zu Beginn gemacht habe. Das habe ich Steves Gespür für Melodien zu verdanken, Dans aggressivem Style und nicht zuletzt David am Schlagzeug, der jeden Song perfekt umzusetzen weiß. Es war eine tolle Erfahrung, dieses Album wachsen zu sehen.

Das Miteinander untereinander

CJ Ramone: Einmal sind wir zusammen mit den Toten Hosen durch Europa getourt und ich war von Anfang an neidisch auf sie. Es war ihr Umgang untereinander, die Art wie sie an Dinge herangingen. Sie waren genauso, wie ich mir die Ramones vorgestellt hatte, bevor ich sie kennengelernte – kameradschaftlich. Als ich Dee Dee am Bass ersetzte, dachte ich, Teil einer Gang zu werden. Doch die Ramones waren keine Gang. Johnny und Joey redeten nicht mal miteinander, sie waren bloß gut organisiert. Als ich das realisierte, war ich geschockt und als Fan auch maßlos enttäuscht. Auf der anderen Seite war es ein Job und den wollte ich natürlich so gut machen, wie es ging. Die Toten Hosen hatten mir vor Augen geführt, was die Ramones nicht waren. Schließlich war ich so beeindruckt davon, dass es bei ihnen weder Rockstar-Gehabe noch sonst irgendwelche künstlichen Attitüden gab, dass ich mir ihr Logo tätowieren ließ.

George DuBose: Johnny stand mir immer am nächsten, dann Richie, dann Joey. Dee Dee hingegen konnte sich zwölf Jahre lang nie an meinen Namen erinnern, wenn mal wieder ein Fotoshoot anstand und wir aufeinander trafen. Nicht einmal als ich Pressefotos für sein Dee Dee King Projekt gemacht habe, wusste er, wer ich war. Vielleicht war ich ihm auch einfach egal.

CJ Ramone: Wenn ich Joey und Johnny von meinem neuen Album erzählen könnte, würde ich sagen: „Das sind die Songs, die ich vor zwanzig Jahren für „Adios Amigos“ hätte schreiben sollen.“ Ich denke oft an dieses Abschiedsalbum zurück, von dem ich sehr enttäuscht gewesen bin und wünschte, ich hätte damals mehr Songs dazu beigesteuert. Ich weiß, dass Johnny und Joey „Last Chance To Dance“ lieben würden. Wann immer ich es höre, höre ich Joey die Songs singen. Und genauso habe ich sie auch geschrieben. Ich stellte mir immer vor, wie die Ramones sie spielen und fragte mich, ob sie sie mögen würden. Diese Band beeinflusst meine Musik bis heute sehr stark, doch das liegt weniger daran, sieben Jahre lang ein Teil von ihnen gewesen zu sein, als an der Tatsache, seit so vielen Jahren ein Fan von ihnen zu sein.

Mythen 

CJ Ramone: Stephen King wollte von den Ramones einen Song für die Verfilmung von „Der Friedhof der Kuscheltiere“ haben und hat auch einen bekommen. Ich selbst habe ihn leider nie getroffen. Doch manchmal denke ich, dass es besser ist, ihn nicht kennengelernt zu haben. Ich habe viele seiner Bücher gelesen, „The Shining“ zählt bis heute zu meinen Lieblingsbüchern. Vielleicht wäre ich auch von ihm enttäuscht gewesen, wenn ich ihn getroffen hätte.

George DuBose: Dem weltberühmten „Too Tough Too Die“ Cover liegt tatsächlich ein technischer Fehler zugrunde. Ich machte vor jedem Shooting ein paar Polaroid Fotos, um das Licht zu checken. So auch in dem Tunnel im Central Park. Die Band kam gerade aus dem Wohnwagen, den sie als Umkleide gemietet hatten und ich machte ein erstes Polaroid. Durch irgendeinen technischen Defekt, lösten die Frontlichter nicht aus, nur das Gegenlicht funktionierte. Tony und ich sahen uns die scharf abgezeichneten, schwarzen Silhouetten auf dem Foto an und waren begeistert von dem unerwarteten Effekt. Also verschoss ich einen kompletten Film ohne Frontlicht, bevor wir es wieder anstellten. Als wir die Fotos einige Tage später in den Händen hielten, waren wir uns alle einig – die ohne Frontlicht waren die besten!

CJ Ramone: Mittlerweile bin ich großer „The Walking Dead“ Fan. Ich würde wirklich gerne eine Statistenrolle als Zombie übernehmen. Lustigerweise habe ich sogar einen Hardcore-Song, der denselben Titel trägt. Ich habe ihn damals für „Reconquista“ aufgenommen, er hat es am Ende jedoch nicht aufs Album geschafft. Man kann ihn sich aber bei Youtube anhören.

CJ Ramone

The Grand Finale

George DuBose: Als ich ihre letzte Show fotografierte, war ich traurig. Über die Jahre hatte ich die Musik der Ramones lieben gelernt und ich besuchte ihre Konzerte wirklich gerne. Daher verstand ich nicht, weshalb sie aufhörten, denn sie steckten noch voller Energie. Später fand ich es heraus. Johnny und Joey hatten nicht nur genug Geld, sie hatten auch genug voneinander.

CJ Ramone: Am 16. März 1996 spielten wir in Buenos Aires das offizielle Abschiedskonzert vor 45.000 Fans. Wir standen auf dieser riesigen Bühne mit tollen Special Guests wie den Toten Hosen und Iggy Pop – es sollte der pompöse Abschluss sein. Doch insgeheim war ich enttäuscht, denn das alles kam mir vor wie eine inszenierte Hollywood-Produktion. Später hat es noch ein paar kleinere Shows in Los Angeles gegeben, die mir persönlich mehr bedeutet haben.

George Dubose: Das Management buchte mich damals, um die letzte Ramones-Show in New York zu fotografieren, nur für den Fall, dass im Anschluss noch mal ein Live-Album erscheinen sollte. Als ich den Hammersmith Ballroom erreichte, klärte mich ein Security-Typ auf, dass ich bloß während der ersten drei Songs fotografieren dürfe. Ich ging direkt weiter zu Monte und beschwerte mich, schließlich war ich für die komplette Show gebucht worden. Am Ende einigte ich mich mit Johnny darauf, solange fotografieren zu dürfen, bis er seine Lederjacke ausgezogen haben würde. Als der Moment gekommen war, holte ich eine alte Canon Kamera aus meiner Tasche und zertrümmerte sie vor Johnnys Augen auf der Bühne. „Warum hast du das getan?“, fragte er mich nach der Show. „Wenn ihr aufhört, war es das auch für mich“, antwortete ich. Sie hörten tatsächlich auf. Ich nicht.

Privatleben

CJ Ramone: Nachdem die Ramones sich aufgelöst haben, bekam ich von Metallica das Angebot, für Jason Newstead am Bass einzusteigen. Das wäre eine unglaubliche Karriere gewesen, erst bei den Ramones, dann Metallica! Ich wäre als glücklichster Bassist aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Doch ich lehnte ab. Bei meinem Sohn war etwa zur selben Zeit Autismus diagnostiziert worden und ich musste ihm ein geregeltes Leben ermöglichen. Als Bassist von Metallica wäre mir das kaum möglich gewesen.

George DuBose: Eines Tages habe ich eine deutsche Ärztin in New York getroffen und wir gingen einen Monat lang miteinander aus. Ich war hin und weg. Ein Jahr später beschloss ich dann New York City hinter mir zu lassen und mit ihr nach Köln zu gehen. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es hier so schwierig ist, Arbeit zu finden.

CJ Ramone: In ein paar Wochen wird mein Sohn bereits siebzehn und kein Mensch würde glauben, dass er Autist ist. Er ist im Crosslauf Team und der Drittschnellste an seiner Schule. Außerdem spricht er Italienisch, spielt Bass und besucht eine Kochschule, weil er „Culinary Arts“ studieren will. Es ist schön zu sehen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn. Und natürlich auch auf meine älteste Tochter. Sie ist Multiinstrumentalistin, spielt Cello, Klavier, Gitarre, Bass und singt auch noch obendrein. Als sei das nicht genug, malt sie auch noch düstere Bilder und spricht Französisch. Sie ist die wahre Künstlerin in der Familie. Man darf also gespannt sein, was aus meiner kleinsten wird, die ist nämlich erst vier.

Check:

CJ Ramone:
cjramone.com
facebook.com/OfficialCjRamone
youtube.com/user/CJRAMONETV

George DuBose:
george-dubose.com
rockpaperphoto.com/george-dubose

Buch Tipps:
I Speak Music – Ramones“, 2013, Wonderland Publishing, George DuBose
Please Kill Me – Die unzensierte Geschichte des Punk“, 2005, Legs McNeil und Gillian McCain, u.a. erzählt von Dee Dee und Joey Ramone

Ramones Museum Berlin:
ramonesmuseum.com
facebook.com/ramonesmuseumberlin

Video-Tipp:
Das komplette Abschlusskonzert von 1996:

 

Diana Ringelsiep / VÖ: Punkrock!, 2014

 

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*