Atti Mülders: Zwei mal drei macht vier!

Zu einem strengen Dutt zusammengeschnürte Haare, ein bis zu den Waden reichender Rock, unter dem leberwurstfarbene Stützstrümpfe hervorblitzen und eine Lesebrille, die stets auf dem unteren Drittel der Nase sitzt. Soweit die gängigen Assoziationen mit einer Schulrektorin. Atti Mülders räumt mit diesem „Fräulein Rottenmeier“-Klischee nun auf. Denn die extrovertierte Bluttat-Sängerin mit den blonden Zöpfen leitet eine Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Und zwar auf ihre Art.

„Ich blicke mit Zorn auf meine eigene Schulzeit zurück“, Atti Mülders gehört nicht zu den Menschen, die sich Dinge nachträglich schönreden. Anstatt sie auszublenden, zieht sie es vor, unliebsame Wahrheiten auszusprechen. Die gebürtige Mülheimerin ist kompromisslos, schon immer. Als Anja, wie sie eigentlich heißt, 1981 zu Bluttat kommt, ist sie gerade mal vierzehn Jahre alt. Ihre Bandkollegen lernt sie bei der Besetzung einer alten Malzfabrik kennen. Die Chemie stimmt sofort. Gemeinsam erheben sie sich fortan gegen den erhobenen Zeigefinger der Gesellschaft und machen ordentlich Stunk. Sie schreien ihre Wut auf politische wie soziale Missstände hinaus und provozieren durch ihr abgerissenes Äußeres. Nicht selten muss die Band den Konzertsaal vorzeitig verlassen, weil der sie von Faschos umstellt sind. Doch genau dieses Brodeln macht den Reiz aus. „Leute wie dich haben sie damals vergast“, wird der Teenagerin auf Mülheims Straßen hinterher gerufen. Doch solche Sprüche jucken sie genauso wenig, wie die abfälligen Bemerkungen, die sie in Punkerkreisen bezüglich ihrer langen, blonden Haaren erntet. Atti zieht ihr Ding durch. Und das tut sie bis heute. Seit sieben Jahren unterrichtet sie nun schon als Kunst- und Geschichtslehrerin an der Freien Schule in Kreuzberg (FSX). Ihr Amt als Schulleiterin spielt sie dabei bescheiden herunter: „Nach meinem Kunststudium habe ich damals noch ein Lehramtsstudium drangehängt. Das Zweite Staatsexamen berechtigt mich heute dazu, die offizielle Schulleitung zu übernehmen, doch unterm Strich sind wir ein gleichwertiges Team.“

Vom Tresen zum Pult

Zu dem Job kommt sie ausgerechnet in der Bull Bar – einer Punkkneipe im Kreuzberger Wrangelkiez. Eigentlich will sie bloß mit einem Kumpel ein Bier trinken, doch dann erzählt dieser, dass an der Schule seines Sohnes eine Kunstlehrerin gesucht wird. Attis Interesse ist geweckt. Kurz darauf bekommt sie den Job. Die FSX hat nichts mit dem verhassten Gymnasium aus ihrer eigenen Jugend gemein. Anstelle von Disziplinierung und konservativen Werten werden an der Grundschule Selbstbestimmung und Empathie groß geschrieben. Die Förderung des Individuums hat hier stets Priorität. In der Praxis heißt das, dass kein Kind zum Rechnen gezwungen wird, wenn es dazu keine Lust. „Der beste Unterricht ist der, in dem die Kinder gar nicht merken, unterrichtet zu werden“, erklärt Atti. „Es kommt aber natürlich auch vor, dass wir panische Eltern beruhigen müssen, deren Kind im dritten Schuljahr noch nicht lesen kann“, fügt sie schmunzelnd hinzu, „doch am Ende können immer alle alles.“ Anstatt eines festen Stundenplans, lernen die Kinder an der FSX vom ersten bis zum sechsten Schuljahr klassenübergreifend und spielerisch. Momentan kümmern sich acht „Begleiter“ um vierunddreißig Schüler. Das Wort „Begleiter“ mag Atti nicht. „Klingt so nach Sterbebegleiter“, lacht sie heiser, doch als klassische „Lehrer“ verstehen sie und ihre Kollegen sich offenbar auch nicht. Finanziert wird diese intensive Individualbetreuung durch Senats- und Elterngelder. Die Kinder kommen dabei aus einer sehr einkommensbreiten Schicht und haben nicht selten einen internationalen sowie alternativen Hintergrund. Und wieder einmal räumt Atti mit einem Vorurteil auf: „Privatschulen sind längst nicht alle so teuer und elitär wie ihr Ruf, es kommen auch Kinder aus besetzten Häusern und Wagenburgen zu uns.“

Rock’n’Roll Grundschool

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2010: Schulrektorin Atti Mülders bei einem Auftritt mit ihrer Band Payback im Berliner Wild At Heart. Foto: Privatarchiv

Mit ihren eigenen Eltern hat die Punkerin nie Probleme. Jahre bevor das Internet die Kinder- und Jugendzimmer erobert, liest sie sich ihr Wissen in Fanzines an und bezieht in ihren Songtexten politisch Position. Ihre Mutter interessieren diese Themen nicht, mit ihrem Vater liefert sich die junge Sängerin hingegen hitzige Diskussionen über Politik und die Atomkraftbewegung. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, seine Tochter hin und wieder auf ihren Konzerten zu besuchen – selbstverständlich in Schlips und Kragen. Anderen wäre das vielleicht peinlich gewesen, Atti freut sich dagegen immer, ihren Vater bei den Shows zu sehen. Als sie im zehnten Schuljahr ist, macht es dann Klick. „Ich habe plötzlich kapiert, dass ich die Schule durchziehen muss, wenn ich als Frau unabhängig sein will“, erinnert sich die Schulleiterin heute. Mit ihren Schülern nimmt sie im Geschichtsunterricht gerade die Rolle der Frau durch. Viele von ihnen reagieren verwundert, sie können sich nicht vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der Frauen eine andere Stellung hatten. „Und obwohl wir darauf achten, keine klassischen Rollenbilder zu vermitteln, greifen Mädchen oft zu rosa Püppchen, wenn sie die Wahl haben“, Atti atmet hörbar aus, „doch dann ist es eben so, wenn schon selbstbestimmt, dann muss man die Kinder auch in beide Richtungen machen lassen.“

Rektorin live on stage

Obwohl politische Werte ihr selbst von jeher sehr wichtig sind, möchte sie ihren Schülern keine aufzwängen. In Sachen Politik sollen diese am Ende selbst entscheiden, was sie für das Richtige halten. Mit humanistischen Werten sieht es hingegen anders aus: „Themen wie Toleranz im Alltag, beispielsweise gegenüber Homosexuellen, sind sehr wichtig, das muss nicht diskutiert werden“, Atti überlegt kurz und fügt dann hinzu, „wir versuchen, soziale Werte zu vermitteln, indem wir bei den Kindern beispielsweise Interesse an Plattenläden und Video-Fanzines wecken“. Eins der beliebtesten Fächer an der Freien Schule Kreuzberg ist – wer hätte das gedacht – weder Rechnen noch Schreiben, sondern das Fach „Band“. So kann die Punk-Direktorin weitergeben, worin sie selbst am besten ist – die Kunst, auf der Bühne so richtig die Sau rauszulassen. Die Eltern, die im Berliner Nachtleben bereits unwissentlich eins ihrer Konzerte besucht haben, können das sicher bestätigen.

Check:

freieschulekreuzberg.de

bluttat.com

facebook.com/BluttatGermany

Diana Ringelsiep / VÖ: April 2015, Punkrock!

1 Kommentar zu Atti Mülders: Zwei mal drei macht vier!

  1. Oh exakt sådär kände jag när Matthew i downton abbey körde i hjäl sig. Kunde inte släppa det på flera veckor!!! Sjukt hur man kan leva sig in i en serie verkligen!

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  1. Berlin Rebel High School - Polytox

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