Abenteuer Straßenhund-Adoption

Chewie from the block

Spätestens seit „Ein Hund namens Beethoven“ stand fest: Ich brauche einen Flauschpartner mit kalter Schnauze. Doch weder meine ausgeklügelten Argumentationsstrategien noch mein herzerweichendes Betteln konnten meine Mutter überzeugen. „Einen Hund kannst du dir anschaffen, wenn du später mal alleine wohnst.“ Zehn Jahre darauf rückten mit dem Einzug in die erste eigene Wohnung dann jedoch erst mal andere Prioritäten in den Mittelpunkt. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, zog ich bis zehn Uhr morgens um die Häuser, reiste mit einem Rucksack bis ans Ende der Welt und genoss es, auch mal 48 Stunden lang unpässlich im Bett liegen zu können. Ich schaffte es, Yucca-Palmen verdursten zu lassen! Kein halbwegs vernünftiger Fünftklässler hätte mir auch nur sein Tamagotchi anvertraut.

Die Vorbereitungsphase

Weitere zehn Jahre zogen ins Land und als meine einstigen Klassenkameradinnen begannen, Kinder zu kriegen und die Scheunen ihrer Eltern auszubauen, bestand mein „nächster Schritt“ darin, mit meinem Freund in eine shabby-schicke Altbauwohnung zu ziehen und 20 Jahre nach der Bernhardiner-Ära zurück auf den Hund zu kommen. Bald war der Entschluss gefasst. Zum Leidwesen meines Freundes, begann ich abends im Bett aus Hunde-Ratgebern vorzulesen und mich jedes Mal aufzuregen, wenn das Wort „Fellnase“ fiel. Bis heute glaube ich ja, dass Leute die dieses Wort benutzen auch zum Hunde-Yoga gehen und einen „Bello fährt mit“-Sticker auf dem Kofferraumdeckel haben. Egal, als wir uns ausreichend informiert hatten, stellte sich am Ende bloß eine Frage: Was für einen Hund wollten wir eigentlich?

Komplizierter als gedacht

Um ehrlich zu sein, wir hatten keine Ahnung. Also begannen wir, die örtlichen Tierheime abzuklappern, doch der einzige Hund, der in Frage kam, war so schreckhaft und traumatisiert, dass wir es uns nicht zutrauten, ihm als Anfänger das passende Zuhause geben zu können. Denn er war bereits seinen letzten drei Besitzern ausgebüxt und zurück zum Tierheim gelaufen. Schließlich begann ich, die Seiten zahlreicher Tierschutzorganisationen im Netz zu durchforsten. Immer wieder füllten wir den obligatorischen Selbstauskunftsbogen aus und machten uns Hoffnungen, in die engere Auswahl für ein Schlappohr zu kommen. Doch meistens gab es noch weitere Interessenten, die entweder über Haus und Garten oder andere schlagende Argumente verfügten. Uns dämmerte langsam, dass es leichter wäre, einen Kredit für eine Segelyacht zu bekommen, als einen Straßenhund zu adoptieren. Zweimal waren wir nah dran, doch dann wurden wir von der einen Organisation trotz Zusage vergessen, sodass der Hund zwischenzeitlich anderweitig vermittelt worden war und die andere schoss sich durch äußerst unseriöse Aussagen selbst ins Aus. Nämlich spätestens mit einer Nachricht der eigentlichen Vermittlerin, in der sie uns riet, besser mit einer anderen Organisation zusammenzuarbeiten, da bei ihnen einiges „im Argen“ läge.

Liebe auf den ersten Blick

Das Bild aus seinem Vermittlungssteckbrief

Das Bild aus seinem Vermittlungssteckbrief <3

Es war frustrierend und nach drei Monaten begann ich mich zu fragen, ob es jemals klappen würde. Doch dann stolperte ich über eine Anzeige von „A.C.E. – Tiere in Not“. Bruno war zehn Monate alt und in Griechenland als Welpe von der Straße geholt worden. Mit schlaksigen Giraffenbeinen stand er auf dem Foto da, seine braunen Schlappohren noch viel zu groß für seinen kleinen Kopf. Ohne uns große Hoffnungen zu machen, füllten wir ein weiteres Interessenten-Formular aus. Zwei Stunden später klingelte das Telefon. Bruno sei bereits in Deutschland auf einer Pflegestelle untergebracht, wo er jedoch nicht lange bleiben könne. Wenn wir ernsthaftes Interesse hätten, würde sich nächstes Wochenende jemand unsere Wohnung anschauen kommen und ihn gleich mitbringen. Bereits am Abend hatten wir uns entschieden: Wir wollten ihn.

Happy End mit Schlappohren

Als Bruno am Sonntag darauf in Begleitung von zwei A.C.E.-Mitarbeiterinnen vor unserer Tür stand, schlug mir das Herz bis zum Hals. Er war größer als erwartet und lief uns schwanzwedelnd entgegen. Über eine Stunde lang beantworteten die beiden Frauen geduldig unsere Fragen, während Bruno sich neugierig in der Wohnung umsah. Ausgemergelt sah er aus, zu dünn und mit Löchern im struppigen Fell. Doch ein Blick in seine freundlichen Bernsteinkulleraugen reichte aus und wir waren komplett in Love. Als wir den
Adoptionsvertrag unterzeichneten, ging er in die Hocke und pinkelte mitten in die Küche, als wollte er sagen: „Alles meins jetzt!“ Witziger Weise hat er das danach nie wieder gemacht. Mittlerweile ist er nicht mehr wegzudenken. Natürlich musste er aufgepäppelt werden und unsere Urlaubskasse wurde in dem Jahr nach und nach an unsere Tierärztin überwiesen – doch mit ihrer Hilfe gehörten sämtliche Wehwehchen und Parasiten, die er von der griechischen Hundestation mitgebracht hatte, bald der Vergangenheit an und auch A.C.E. stand uns jederzeit bei Fragen zur Seite. Der kleine Scheißer ist zu einem prächtigen Kalb herangewachsen, das heute auf den Namen Chewie hört. Denn den Lauten nach zu urteilen, die er von sich gibt, wenn er sich freut, scheint definitiv ein Wookie mit drin zu sein. Die Frage nach seiner Rasse wäre somit auch geklärt. Und wer ist sein größter Fan und passt liebend gerne auf ihn auf? Meine Mama. Das hätte sie früher haben können.

 

Diana Ringelsiep / VÖ: September 2014, Punkrock! Fanzine

Foto: A. Freund

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