Ihr Kinderlein kaufet

Die meisten Bewohner von Punkrockhausen scheinen in direkter Linie vom Grinch abzustammen. Mit den ersten Marzipankartoffeln im Supermarkt geht ihr Zetern jedes Jahr aufs Neue los. Verlogen sei es, ein religiöses Fest zu feiern, wo man doch sonst nichts mit der Kirche am Arsch habe. Dumm noch dazu, weil man sich von der Geschenkindustrie diktieren lasse, sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Und nicht zu vergessen, das Totschlagargument: Der Weihnachtsmann entstamme ohnehin keiner romantischen Überlieferung, sondern sei bloß eine Erfindung der Coca Cola Company. Da muss ich mich doch ernsthaft fragen, wer hier ein Opfer der Werbung ist.

Schlimm, Schlimmer, Weihnachten

Denn der rundliche, alte Mann mit dem weißen Rauschebart, der auf einem Rentierschlitten daherkommt, wurde bereits über hundert Jahre vor der ersten Coca Cola-Werbung in verschiedenen amerikanischen Gedichten beschrieben. Auch der Nikolaus aus dem „Struwwelpeter“ sah 1844 bereits aus, wie wir ihn heute kennen und auch das schon Jahrzehnte bevor das Softdrink-Unternehmen überhaupt gegründet wurde. Also künftig vielleicht erst mal eine Verschwörungstheorie hinterfragen, bevor man sie unreflektiert nachplappert und einem Großkonzern den Marketing-Coup des Jahrtausends zuspricht. Doch damit nicht genug, die Liste der Grinches ist lang. Die Weihnachtsbeleuchtung sei Stromverschwendung, das Festtagsessen eine Geflügelmordmaschinerie und das Familienfest eine einzige Höllenqual. Natürlich kann man sich das alles jedes Jahr aufs Neue schlecht reden, allerdings sollte man sich vorher vielleicht einmal ausrechnen, wie viel kostbare Lebenszeit dabei draufgeht. Warum nicht einfach einen veganen Entenersatz in den Ofen schieben, mal wieder ein Mix-Tape verschenken und sich mit dem besten Kumpel zu einer Nachtwanderung mit zwei Litern Grog verabreden? Tradition ist ein weiter Begriff. Bei Freunden von mir ist es Tradition, sich Heilig Abend zum gemeinsamen Kochen und Wichteln in der WG zu treffen. Mein Liebster fährt seit Jahren durchs halbe Land, um mit seinem Kumpel das Weihnachtskonzert der Dödelsäcke zu besuchen und ich genieße es alle Jahre wieder, schon nach dem Mittagessen den ersten Schwips und für den Rest des Tages ein immer volles Sektglas in der Hand zu haben. Für gewöhnlich sitzen mein Bruder und ich dann bis tief in die Nacht vor dem Plattenspieler und hören unsere neuen LPs, während wir Rotweincreme in uns hineinlöffeln, bis uns schlecht wird.

Oh, du schöner Zwangsurlaub

Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der die Welt da draußen still steht. Denn abgesehen von ein paar wenigen undankbaren Berufsgruppen, haben alle frei. Keine Anrufe von Vodafone, keine Mahnungen im Briefkasten, kein Zahnarzttermin. Weihnachten ist Zwangsurlaub vom Alltag, der es den meisten von uns erlaubt, mal eine ganze Woche lang abzuschalten. Warum also nicht das Beste daraus machen? Wer so genervt von der eigenen Familie ist, sollte den Arsch in der Hose haben, nicht hinzufahren und stattdessen ein paar Tage Urlaub zu machen. Wer keine Antibiotika-Gans aus Osteuropa auf dem Teller haben möchte, soll keine kaufen und wem die Glühweintassen auf dem Weihnachtsmarkt zu unhygienisch sind, der soll halt in die nächste Kneipe gehen und sich ein Bier bestellen. Das würden die meisten Miesepeter jedoch nie tun, weil es das Mosern ist, das ihnen so viel Freude bereitet. Kaum ist Weihnachten überstanden, beschweren sie sich, Silvester auf Knopfdruck in Feierstimmung sein zu müssen. Und so geht es weiter, Valentinstag, Ostern, Halloween – alles Erfindungen der Kirche oder Folgen der amerikanischen Kommerzialisierung. Mir ist das vollkommen schnuppe, ich nehme alle Anlässe zum Feiern mit, die sich mir bieten. Wenn es nach mir ginge, würde ich auch Chanukka und den Tag der Jogginghose feiern. Warum also freiwillig auf die Festtage im Jahr verzichten, mit denen ich aufgewachsen bin? Ich werde auch in diesem Jahr mit einem wohligen Völlegefühl auf der Couch neben dem Kamin liegen und auf das nächste Festmahl warten, während im Fernsehen „Das letzte Einhorn“ läuft und ich unentwegt an meinem Sektglas nippe. Den Grinch-Nachkommen da draußen möchte ich abschließend die weisen Worte eines beliebten amerikanischen Getränkeherstellers mit auf den Weg geben: „Spaß ist, was ihr draus macht!“

 

Diana Ringelsiep / VÖ: Dezember 2014,  Punkrock! Fanzine

Foto: A. Freund

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