Nachruf auf die Zwanziger

Nein, ich habe kein Problem mit dem Älterwerden. Dachte ich zumindest immer, doch ich habe mich eines Besseren belehrt. Seit Wochen ertappe ich mich dabei, in Erinnerungen zu schwelgen und das letzte Drittel meines Lebens Revue passieren zu lassen. Ich bin doch gerade erst volljährig geworden, wie kann da jetzt schon die 30 anstehen? Hatte ich einen Blackout? Wie ich es auch drehe und wende, da muss ein Fehler vorliegen. Dreißigjährige tragen schließlich kleinkarierte Esprit-Blusen und rahmenlose Brillen. Machen Pauschalurlaub im Robinson Club und wenn sie richtig gut drauf sind, bestellen sie sich auch schon mal einen zweiten Aperol Spritz in der Happy Hour. Dann ist aber Schluss, denn sie wissen, wann sie genug haben. Zugegeben, die Ü-30-Fraktion in meinem Freundeskreis erfüllt keinen dieser Punkte und dennoch ist an dem Stereotyp in meinem Kopf nicht zu rütteln.

Ein Leben wie ein FDP-Plakat

Den Eintritt in die Zwanziger habe ich weit spannender empfunden, damals roch alles nach Freiheit und Abenteuer. Es war der Startschuss für ein Leben in der fremden Stadt und abenteuerliche Rucksackreisen. Die Zwanziger luden dazu ein, so viele Fehler wie möglich zu machen, um am Ende aus ihnen lernen zu können. Das Leben lag auf der Warschauer Straße und wartete darauf, so heftig wie möglich gelebt zu werden. Gäbe es hingegen eine Werbekampagne für die Dreißiger, sähe sie wahrscheinlich aus wie ein FDP-Plakat. Eine Mischung aus jungem Familienglück und Altersvorsorge. Es ist ja nicht so, als würde ich mich diesen Dingen komplett verwehren. Doch es würde mir reichen, mich in fünfzehn Jahren erstmals mit ihnen auseinanderzusetzen. Da schweife ich lieber noch eine Runde durch meine Zwanziger.

Gute Alte Zeit

Einmal bin ich morgens um sieben an der Oberbaumbrücke in die Spree gesprungen, weil meine Freunde und ich es für eine gute Idee hielten, baden zu gehen. Ein anderes Mal habe ich mich auf dem Rebellion Festival in Blackpool mit einem Bekannten verquatscht. Irgendwann merkten wir, dass es verdächtig still um uns herum geworden war und als wir den Backstagebereich verließen, war bereits alles leer und dunkel. Wir mussten das verriegelte Opernhaus durch den Notausgang verlassen, aber nicht, ohne vorher noch einmal durch den leeren Festsaal zu tanzen. Verrückt, was einem für Episoden einfallen, wenn man anfängt, in der Vergangenheit zu kramen. Auch an den eingangs erwähnten Fehlern habe ich nicht gespart. Klogriffe bei der Partnerwahl, verlorene iPhones durch Trunkenheit, ein VWL-Studium, obwohl ich nicht rechnen kann… Da fällt mir ein: Kommt niemals auf die Idee, eine „Runde Bier“ in einem Strip-Club zu bestellen. Das ist kostspielig. Auch beruflich ist einiges passiert.

Hat alles seine Vor- und Nachteile

Ich muss 24 gewesen sein, als ich mein allererstes Interview geführt habe. Zitternd vor Aufregung saß ich damals Gunnar von Dritte Wahl gegenüber, den ich auch für diese Ausgabe wieder gesprochen habe. Im Grunde verhält es sich mit vielen Dingen wie mit diesem Interview. Es ist zwar nicht mehr alles so aufregend, wie es einmal war, doch dafür ist auch das Zittern verschwunden. Unter uns gesagt, finde ich diese Gelassenheit äußerst angenehm. Von daher lasse ich mich auch nicht länger von Esprit-Blusen und Bausparverträgen einschüchtern, wenn ich in die Zukunft blicke. Denn ich bin mir sicher, dass meine Dreißiger anders aussehen werden als das „Club-Robinson“-Modell des Grauens. Ich bleibe laut, bunt und tätowiert – in zerschnittenen Band-Shirts vom letzten Konzert. Und das Beste: Ich kann noch immer feiern wie mit 20, ich muss nur damit leben, mich am Tag danach wie 50 zu fühlen. Doch wozu gibt es Aspirin und Vomex? So gesehen, klingen die Dreißiger gar nicht mehr so schlecht. Denn die Klogriffe habe ich (hoffentlich) endgültig hinter mir, genauso wie die statistischen Berechnungen der Ökonometrie. Das kann ja nur gut werden. Bloß auf mein Handy sollte ich künftig besser aufpassen.

 

Diana Ringelsiep / VÖ: Februar 2015, Punkrock! Fanzine

Foto: A. Freund

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