Theater Dortmund: Hochkultur am Pillemann

Mit Wölfi am Abend der Generalprobe

Menschenfresser, Bier und Genitalien – das Dortmunder Theater ist sich offenbar für nichts zu schade. Zum Glück. Noch bis Ende Mai inszeniert Regisseur Andreas Beck die Punk-Operette „Häuptling Abendwind und Die Kassierer“. In der 1862 uraufgeführten Burleske karikierte der österreichische Dramatiker Johann Nestroy einst das Establishment, das im Publikum saß und ihm nichtsahnend applaudierte. Damals ein Skandal. Heute sind da schon Die Kassierer nötig, um für ausreichend Furore zu sorgen. Ich habe die Macher kurz vor der Generalprobe besucht und mit ihnen darüber gesprochen, was Punk und Theater gemeinsam haben. Am Tag darauf sahen wir uns bei der Premiere wieder. Fazit: Das Schlimmste ist, wenn das Bier verboten ist.

Nahezu ehrfürchtig starrt das Publikum auf das Bühnenbild, das sich aus hunderten Bierkästen aller Farben zusammensetzt. Schöfferhofer, Jever, Radeberger – alles dabei. Bloß ihr eigenes wurde den Besuchern bei Eintritt des Saals höflich abgenommen, was besonders unter den Theaterneulingen für nachhaltiges Entsetzen sorgt. Schließlich werden die Eingänge von außen geschlossen und Die Kassierer betreten die Bühne. Wölfi trägt bauchfrei und Hut. Doch irgendwas ist komisch. Richtig, er hat eine Hose an. „Ein, zwei, drei, vier“, unterbricht Schlagzeuger Volker Kampfgarten brüllend die allgemein herrschende Irritation über Wölfis bedeckte Lenden, dann nimmt das Schauspiel seinen Lauf, „Du verpasst deinen Bus…“.

Das Stück erzählt die Geschichte von Menschenfresser-Häuptling Abendwind und seiner Tochter Atala, die sich in einen gestrandeten Friseur aus der zivilisierten Welt verliebt. Ihr nichtsahnender Vater erwartet unterdessen Besuch von Häuptling Biberhahn, dem Herrscher der Nachbarinsel Papatutu, dem zu Ehren ein Festschmaus zubereitet werden soll – der Friseur. Der Konflikt ist vorprogrammiert, die Umsetzung zum Schreien komisch.

Begonnen hat alles mit der Idee, eine Operette ohne Orchester zu machen, berichtet Regisseur Andreas Beck am Abend vor der Premiere. Er ist in einen dicken Schal gewickelt und hat kaum Stimme. „Operette mit Band hat es zwar schon gegeben“, fährt er heiser fort, „doch mit der Punk-Operette haben wir ein neues Genre geschaffen.“ An den mächtigen Kassierern kam das Theater Dortmund mit diesem Vorhaben nicht vorbei, also wurde über den Bochumer Liedermacher Tommy Finke der Kontakt hergestellt. Bei Wölfi, der schon als Kind großer Operetten-Fan war, rannten sie mit der Idee offene Türen ein: „Die Idee zu einer Punk-Operette trage ich schon lange mit mir herum und seitdem wir uns von der Ursprungsidee ‚Im Weißen Rößl‘ verabschiedet und uns auf ‚Häuptling Abendwind‘ geeinigt haben, bin ich glücklich.“

Hoch den Rock

Die Umsetzung könnte punkiger nicht sein. „Ist Ihnen aufgefallen, dass ich bisher nur Reaktionssätze hatte?“, fragt Prinzessin Atala (Julia Schubert) das Publikum mit geballten Fäusten, „dabei habe ich ein Recht auf lange Monologe“. Genervt greift sie zu einer Flasche Bier und öffnet sie mit den Zähnen. Nicht gerade prinzessinnen-like. „Das Schlimmste ist nicht, wenn das Bier alle ist, das Schlimmste ist, wenn die Frau alle ist“, brüllt Atala das Publikum weiter an, um im nächsten Moment noch einen draufzusetzen. „Nieder mit dem Partriarchat!“, gellt ihre Stimme durch den Saal, dann dreht sie sich um und lüftet ihren rosa Prinzessin-Lillifee-Rock. Teils entsetzt, teils amüsiert starren die Zuschauer ihr zwischen die Arschbacken und auf die Muschi, die sich ihnen entgegenstreckt. Keine fünf Minuten später verliebt sich die emanzipierte Rotzgöre in den fremden Schnösel Arthur (Ekkehard Freye) – einen schiffsbrüchigen Friseur aus der Zivilisation. Jedoch nicht bevor sie ihm eindrücklich gezeigt hat, was sie mit seinem Gesicht gerne machen würde, während Die Kassierer eben jenen Klassiker dazu spielen.

Angst davor, die Zuschauer mit solchen Szenen zu verschrecken, hat Regisseur Andreas Beck nicht: „Es gibt kein klassisches Theaterpublikum und auch was die Presse hinterher schreibt, ist nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, dass es uns gefällt und wir mit der Umsetzung zufrieden sein können.“ Die Vorstellung der elitären Theater-Hochkultur, die viele Leute haben, entspräche ohnehin nicht ganz der Realität, räumt Dramaturg Thorsten Bihegue ein: „Viele von uns am Theater Dortmund sind durch Punk sozialisiert worden, die Szene ist uns also nicht ganz fremd.“ Dennoch finden Theater und Punk im Alltag nur selten zusammen. „Ich finde es sehr schade, dass Punk sich im Grunde nur auf Musik reduziert und so gut wie gar nicht in Film und Theater stattfindet“, erklärt Wölfi und sieht dabei fast ein wenig traurig aus, „Punks sind sehr wertkonservativ, ich bin gespannt, ob wir die damit einhergehende Erwartungshaltung erfüllen können.“ Schweigen am Tisch der Initiatoren. Dann fällt Dramaturg Bihegue eine schöne Anekdote ein: „Erst vor einigen Monaten bin ich zusammen mit Kay Voges, dem Intendanten des Schauspiels Dortmund, auf einem Kassierer Konzert gewesen. Es hat nicht lange gedauert, bis ein betrunkener Punker vor uns stand, der Voges lallend darüber in Kenntnis setzte, eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Intendanten des Dortmunder Theaters zu haben.“ Es scheinen sich also nicht alle Punks dem Feuilleton zu verweigern.

Das Große Fressen

Auf der Bühne geht es munter weiter. Atalas Vater Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck) überlegt gerade verzweifelt, was er seinem Ehrengast Biberhahn (Uwe Schmieder) kredenzen könnte, als ihm der gestrandete Friseur über den Weg läuft. Kurzerhand wird der Koch herbei zitiert, der Arthur zu einem Festschmaus verarbeiten soll. Freudestrahlend nimmt Koch Wölfi seine Zutat in Empfang und führt sie nach hinten in die Küche, wie ihm aufgetragen wurde. Der Häuptling begrüßt unterdessen seinen Gast und die beiden geraten ins Plaudern. Biberhahn knurrt bereits der Magen. „Das Festmahl wird gerade zubereitet, es gibt Menschenhirn mit Scheiße überzogen“, beruhigt Abendwind ihn. „Mein Leibgericht“, freut sich Biberhahn, da fährt der Koch auch schon den Servierwagen herein. Gierig machen sich die beiden Kannibalen über den Fleischberg her, während Die Kassierer im Hintergrund den „Menschenfresser“-Song zum Besten geben. Eine Fressorgie, die den Brechreiz der Zuschauer auf eine harte Probe stellt. Gedärme in Form von rund dreißig Kilo Spagetti Bolognese fliegen über die Bühne. Die beiden Herrscher fressen nicht bloß, sie reiben sich regelrecht mit der Pampe ein. Vor der Sauerei bleibt nicht mal das Publikum gefeit. Immer wieder klatschen Teile des Fraßes auf die beschürzten Beine der Zuschauer in den vorderen Reihen und das schlotzende Schmatzen im Rampenlicht wird zur allgemeinen Zerreißprobe. Dann ist es geschafft. Überfressen drückt Biberhahn sich ein Bäuerchen heraus und wird plötzlich stutzig. Aus seinem Bauch ertönt das Ticken einer Taschenuhr, gefolgt von einer Melodie. Genauer gesagt, von der Melodie, die bloß eine einzige Uhr auf der Welt spielen kann – die seines Sohnes. „Man weiß eben nie, was aus den Kindern mal wird“, versucht sein Gastgeber nervös lachend einzulenken.

„Die Zuschauer müssen das Gesamtkunstwerk verstehen“, erklärt Wölfi am Abend zuvor, „auch Die Kassierer wurden lange Zeit nicht ernst genommen, es gibt nur wenige Leute, die sich die Mühe machen, zwischen den Zeilen zu lesen.“ Andreas Beck nickt, dann fügt der Regisseur hinzu: „Theater und Punk haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Jeder Song und jedes Stück hat eine Aussage, alles hat einen doppelten Boden, unter den es sich zu blicken lohnt.“

Wölfis Hodensack und andere Überraschungen

In Anbetracht der Riesensauerei auf der Bühne fällt die Suche nach der Botschaft vorerst schwer. Zu groß ist die Ablenkung durch das dort herrschende Massaker. Biberhahn sitzt mittlerweile mit runtergelassener Hose auf einem leeren Bierkasten und macht sich daran, seinen Sohn auszuscheißen. Als Kind habe er ihn in die Zivilisation geschickt, um einen Beruf zu erlernen und in den kommenden Tagen mit seiner Rückkehr gerechnet, erklärt er Abendwind. Dann hat er sie – die Taschenuhr samt trauriger Gewissheit. Sorgfältig befreit er das Schmuckstück seines Sohnes von der durchfallartigen Substanz, in der es steckt und leckt die letzten Reste herunter. Langsam dämmert auch der veganen Prinzessin Atala was mit ihrem Liebsten geschehen ist. Über der Insel ziehen düstere Wolken auf. Biberhahn erklärt Abendwind den Krieg, der daraufhin sofort sein eigens dafür gehaltenes Monster auf ihn hetzt. Doch statt auf seinen Widersacher stürzt das Monster sich auf die Prinzessin. Entsetzen, Chaos, Herzinfarkt – dann die Erlösung: Unter der Monsterhaut verbirgt sich Arthur, der den Koch zuvor mit einer flotten, neuen Frisur bestechen konnte. Irritiert wandern die Zuschauerblicke auf Wölfis Haupthaar, das unverändert aussieht. Dann lässt der heimliche Star des Abends endlich die Hose runter. Der Moment auf den der ganze Saal gewartet hat, doch die Geduld zahlt sich aus: Geflochtene Schamhaar-Extensions und blinkende Haarspangen zieren den wohl berühmtesten Hodensack des Landes. Das Publikum brüllt. Der Schlagzeuger auch: „Eins, zwei, drei, vier!“ Wölfi übernimmt: „Die Hosen auf, ja das ist schön…“ Auf Wölfis Kommando lassen auch die drei Hauptdarsteller ihre Hosen fallen und kneten sich gegenseitig die Pimmel durch. Welch exorbitantes Finale!

Seit eineinhalb Monaten wurde für diesen Moment geprobt. „Oft werde ich bloß darauf reduziert, nackt oder besoffen zu sein“, fasst Wölfi zusammen, „doch die Arbeit, die hinter all dem steckt, sieht niemand“. Dann weicht sein nachdenkliches Gesicht einem breiten Grinsen und er fügt hinzu: „Die Hauptsache ist allerdings, dass in diesem Theater von nun an der Punk abgeht!“

Check:

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Diana Ringelsiep / VÖ: April 2015, Punkrock!

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