Baby, willst du mit mir Backstage gehen?

„Hast du es gut, darfst den Künstler treffen und kommst auch noch umsonst rein!“ Besonders auf Festivals höre ich diesen Satz immer wieder – meistens von denen, die gerade ihr drittes Bier zum Frühstück trinken, während ich bei einem Mineralwasser noch einmal angespannt meine Notizen durchgehe. Ich liebe, was ich tue und daher sollte es mir eigentlich egal sein. Doch insgeheim ärgert es mich, dass Einige zu glauben scheinen, dass man ein Ticket hinterhergeworfen bekommt, um Backstage mit coolen Leuten rumhängen und seinen Durst an einem nie versiegenden Gin-Tonic-Brunnen stillen zu können. Denn die Realität sieht etwas anders aus.

Ich habe nie mitgezählt, wie viele Interviews ich über die Jahre geführt habe, doch die 100 dürfte ich mittlerweile geknackt haben. Der Ablauf ist immer derselbe. Ich bereite mich vor, indem ich im Vorfeld versuche, alles über die Person und ihre Arbeit herauszufinden – schaue Videos, höre ihre Platten, lese vergangene Interviews. Und wenn es soweit ist, in dem Moment bevor es losgeht, bin ich aufgeregt. Egal, ob mir ein Popstar oder ein Experte für Solartechnik gegenübersitzt. Denn in der ersten Minute entscheidet sich, ob die Chemie stimmt und welche Richtung das Gespräch annehmen wird. Ob ich meinen Gegenüber in Fahrt bringen oder ausbremsen muss. Ob er beim eigentlichen Thema bleiben will oder sich auch auf andere einlässt.

Extreme Multitasking

Dabei muss ich meinem Interviewpartner permanent in die Augen schauen, um ihm meine volle Aufmerksamkeit zuzusichern, während ich im Hinterkopf ständig die Reihenfolge meiner Fragen dem Gesprächsverlauf anpasse und spontan neue formuliere, wenn nötig auf Englisch. Nebenbei muss ich mir Notizen machen, über die Mimik und Körpersprache meines Gegenübers, über das, was er zwischen den Zeilen sagt. Und als seien das nicht genug Dinge, auf die es gleichzeitig zu achten gilt, darf man natürlich auch die Zeit nicht aus den Augen verlieren, denn Interviews sind oft auf die Minute genau getimed. Wird das Ganze dann auch noch gefilmt, kommen unzählige weitere Dinge hinzu, die beachtet werden müssen: Im richtigen Winkel zur Kamera sitzen, nicht zu lange in die Notizen schauen, Pausen und Kabelgeräusche vermeiden, Mikro im richtigen Abstand halten und natürlich lächeln, lächeln, lächeln.

Nachsitzen

Unterm Strich ist ein gut vorbereitetes Gespräch nichts anderes als 30 Minuten Multitasking par excellence. Direkt danach, wenn die Anspannung abfällt, fühle ich mich ausgebrannt.  Oft brauche ich eine Weile, um runterzukommen und die Begegnung einordnen zu können. Dabei geht die Arbeit danach erst richtig los: Stundenlanges Transkribieren der Audiodatei, Übersetzen und Kürzen, Hereinbringen einer Dramaturgie und nicht zuletzt die wohlüberlegte Entscheidung, auf welche Aussagen man den Fokus legen will. Denn davon hängt am Ende ab, ob man es schafft, das Interesse der Leser zu wecken, ohne dass sich die betreffende Person falsch dargestellt fühlt. Erst wenn all das geschafft ist, geht es an die Kür, denn Headline, Subline, Einleitung, Zwischen- und Bildunterschriften sind nicht zu unterschätzen. Sind schließlich auch die im Kasten, kann das Ergebnis zum Künstler in die Autorisierung geschickt werden.

Unterm Strich

Erst wenn auch seine Änderungswünsche übernommen wurden, erst dann hat man es geschafft. Mit Vor- und Nachbereitung bedeutet das im Schnitt 16 Stunden Arbeit pro Interview. Auf einem Festival mache ich davon drei bis fünf. Klingt anstrengend? Stimmt. Und wenn man dann von einem 120 Euro-Ticket ausgeht, macht das einen Stundenlohn von 1,80 Euro. Ein Euro und achtzig Cent, für die ich tagsüber nüchtern bleibe und in Kauf nehmen muss, dass ich während eines Interviews den Auftritt einer Band verpasse, auf die ich mich gefreut habe. Doch zurück zum Anfang: Ich liebe, was ich mache, sonst würde ich mir das alles wohl kaum antun. Aber mal Hand aufs Herz, ihr Festivalmäuse: Wollt ihr wirklich tauschen?

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