Die Toten Hosen: „Der Mond, der Kühlschrank und ich“

Die Toten Hosen: "Unsterblich" / JKP, Warner

Ein paar Monate vor meinem 30. Geburtstag hatte es angefangen: „Pssst!“ Doch außer mir schien es niemand zu hören. Auch nicht, als es lauter wurde: „Psssssst! Hey, bist du glücklich?“ Ich wünschte, die Stimme würde die Klappe halten und versuchte sie zu ignorieren. Doch dann hatte sie mich: „Psssssst! Hast du dir dein Leben mit 30 so vorgestellt?!“ Gute Frage. Hab’ ich?

„Letzte Nacht hat mich der Mond gefragt,
ob ich glücklich bin“

Nein, hatte ich nicht. 30, das war für den Großteil meines Lebens der Inbegriff des Erwachsenseins gewesen. Das waren die, die vergessen haben, wie es sich anfühlt, jung zu sein. Leute, die sich kein Wegbier, sondern Häuser kaufen. Häuser, in denen sie als Eheleute wohnen und die sie mit ihren festen Gehältern in Raten abzahlen. Das waren die, denen der Tisch gehört, unter den andere ihre Füße stellen. Gab es in meinem Leben irgendwas davon? Nein. Wollte ich irgendwas davon? Nein!!

Die Babys in den Bäuchen meiner Freundinnen – furchteinflößend! Das feste Gehalt, mit dem man in der pubertären Fantasie von 1998 bereits begonnen hatte, ein Haus abzuzahlen – nicht vorhanden. Nicht einmal das Interesse an dem Haus war vorhanden, wo man doch in einer bezahlbaren Altbauwohnung leben konnte, deren Vermieter sich nicht mal an nächtlichen Vinyl-Eskalationen störten. Aber wo war dann überhaupt das Problem?

„Dafür gibt es keine Antwort in zwei Sätzen,
da muss man viel zu viel erklären“

Erst einmal damit auseinandergesetzt, verpuffte es prompt so schnell wie es gekommen war. Denn plötzlich wurde mir klar, wo ich stand und vor allem weshalb. Mein Leben sah nicht so aus, weil ein besserer Plan gescheitert war. Sondern weil ich ihn längst nicht mehr verfolgte. Warum also nicht erst in ein paar Jahren weitreichende Entscheidungen über Bäuche, Häuser und Kredite treffen und bis dahin noch mal richtig auf die Kacke hauen? Ein Glück: Der Mann an meiner Seite sah das genauso. Also taten wir das einzig Richtige, nämlich etwas vollkommen Unvernünftiges. Wir flogen nach Las Vegas. Genauer gesagt flogen wir für ein Wochenende nach Las Vegas – für vier Tage zum „Punk Rock Bowling“!

Uns war egal, dass wir die Kohle eines dreiwöchigen Sommerurlaubs an einem langen Wochenende verprassten. Uns war egal, dass wir kürzer dort sein würden als man braucht, um den Jetlag loszuwerden. Uns war egal, was irgendjemand darüber denken mochte, den es nicht betraf. Und genau das machte es zu der wohl erwachsensten Entscheidung unseres Lebens. Denn wir haben sie einzig und allein für uns getroffen, ohne irgendwelchen Erwartungen gerecht werden zu wollen.

„Das kommt davon, wenn man die ganze Zeit
immer nur dasselbe macht“

Und dann haben wir unsere Lieblingsband in einer lauen Nacht auf einem Parkplatz spielen sehen und dabei ein kaltes Pabst Blue Ribbon getrunken. Wir sind mit einem Leihwagen durch die Wüste gefahren und haben fettige Pizza in einem Highway-Diner gegessen. Wir haben 40 Dollar an einem Einarmigen Banditen gewonnen und davon die kitschigsten Souvenirs gekauft, die wir finden konnten. Und wir hatten einen gigantischen Blackout. Den besten unseres Lebens.

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