Bela B.: Ein Tausendsassa im Alleingang

Foto: Konstanze Habermann

Er war eine Ikone der Punkrock-Szene, ist ein Star der Popkultur und hört selbst gern Musik der alten Schule. Im April 2014 brachte Bela B. sein drittes Soloalbum „Bye“ heraus, das er zusammen mit der Nürnberger Americana-Band Smokestack Lightnin‘ aufgenommen hat. Grund genug, Herrn Felsenheimer zum Gespräch zu bitten. Am Telefon entpuppte sich der Ärzte-Drummer als ein gesprächiger Musikliebhaber, der bereitwillig von seinem ambivalenten Verhältnis zu den USA erzählte und verriet, wie es dazu kam, dass er Wanda Jackson beim Zähneputzen erwischte.

Über vier Jahre sind seit deinem letzten Album „Code B“ vergangen und in der Zwischenzeit ist das zwölfte Album der Ärzte erschienen. Wie ist das für dich, nun wieder in den Solo-Modus umzuschalten?
Bela B.: Das ist kein Problem. Bei den Ärzten passiert alles in einem eigenen Kosmos, in dem grundsätzlich alles möglich ist. Das heißt, jeder von uns ist alleine an seinen Songs tätig. Beim letzten Album war es extrem, allein ich hatte neunzehn Songs für das Album „auch“ geschrieben. Ich hätte theoretisch alleine eins aufnehmen können – was jetzt nicht heißen soll, dass alle gut genug waren. Schon während der Entstehung des letzten Albums hatte ich immer wieder Kontakt zu Smokestack Lightnin‘, so haben wir uns langsam angenähert. Mit dem neuen Album „Bye“ haben wir uns schließlich verwirklicht.

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Eine meiner schöneren Coverstorys.

Neunzehn Songs sind eine Menge. Weißt du bereits bevor du einen Song schreibst, ob es sich dabei um einen Ärzte- oder einen Solo-Song handelt?
Bela B.: Es gab eine Zeit, in der ich gezielt geschrieben habe. Doch beim letzten Ärzte Album, habe ich das geändert und einfach drauf los geschrieben. „Zeitverschwendung“, die erste Single des Albums, handelt zwar von den Ärzten, hätte aber genauso gut auf ein Soloalbum von mir gepasst, musikalisch wahrscheinlich sogar noch besser. Insgeheim hatte ich gehofft, dass die anderen beiden den Song ablehnen, damit ich ihn für „Bye“ benutzen kann. Doch die fanden ihn gut und so ist es ein Ärzte Song geworden. Für mein neues Album habe ich Smokestack Lightnin‘ immer wieder neue Songs zukommen lassen, aber auch übrig gebliebene Ärzte Songs, B-Seiten und was sich sonst noch angesammelt hatte. Ich wollte gucken, was sie daraus machen, denn wir waren zwar befreundet, aber hatten vorher noch nie zusammen gearbeitet.

Warum war es dir diesmal so wichtig, mit einer bestehenden Band zusammen zu arbeiten?
Bela B.: Meine Idee war es, eine komplette Band zu buchen, samt eigenem Groove und Sound. Das ist ein amerikanisches Modell, es unterstreicht die Authentizität, die ich mit meinem Solosound bereits vorher angestrebt habe. Smokestack Lightnin‘ sollten meine Stücke arrangieren und in ihren Sound ummünzen. Das ist leicht gesagt, hat im Endeffekt aber gedauert. Nachdem wir im Januar 2012 eine Woche im Studio waren, war ich dann im richtigen Modus für die Platte. Frieder Graef war bereits ausgestiegen und wir hatten uns Walter Broes von den Seatsniffers aus Belgien dazu geholt, es passte einfach alles und so habe ich für die nächste Session noch drei Songs gezielt für das Album geschrieben. „Peng!“, „Immer So Sein“ und „Streichholzmann“ sind daher relativ kurzfristig entstanden.

Prominente Unterstützung

Wer hat dich außer Smokestack Lightnin‘ und Peta Devlin sonst noch auf dem Album unterstützt?
Bela B.: Die beiden Wichtigsten hast du damit bereits genannt. Peta Devlin habe ich erst im April letzten Jahres kennengelernt. Ich war direkt begeistert von ihrer Musikalität und habe sie bei fast jedem Lied eingesetzt. Bei dem Song „Peng!“, der durch die Streicher, Mariachi und Trompeten sehr pathetisch ist, hat Peter Hintertür mitgewirkt, ein netter Arrangeur aus Hamburg, der auch schon für die Ärzte gearbeitet hat. Ihm habe ich freie Hand gelassen und musikalisch das Beste bekommen, was ich kriegen konnte. Außerdem bin ich seit einiger Zeit mit den Dinosaur Truckers befreundet, die in eurem Magazin ja auch schon hervorgehoben worden sind. Als sie das letzte Mal in Hamburg waren, hat Daniel bei mir zuhause eine Slide-Gitarre eingespielt, die ich schnell mit dem Mikro aufgenommen habe. Von solchen „Zwischen Tür und Angel Aktionen“ gab es mehrere. King Khan hat zum Beispiel nach einem Konzert in Hamburg eine Textzeile eingesungen, die jetzt auf der B-Seite der neuen Single zu hören ist und Rummelsnuff spricht das Ende eines Liedes.

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Erzähl mir, was Lucinda Williams, Eleni Mandell und Lisa Simpson mit deiner Platte zu tun haben.
Bela B.: Ich habe jedes Lied auf dem Album von einer anderen weiblichen Künstlerin einzählen lassen, u.a. auch von Sabine Bohlmann, der deutschen Synchronstimme von Lisa Simpson. Die Idee zu diesem Konzept hatte ich auf einem Eleni Mandell Konzert. Nach der Show habe ich Eleni gefragt, ob sie mir einen Einzähler auf mein Handy spricht, den ich am nächsten Tag in einen Song eingebaut habe. Das hat so gut funktioniert, dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, das bei jedem Lied zu machen. Doch damit hatte ich mir ein ganz schönes Ei gelegt. An manchen habe ich mir echt die Zähne ausgebissen. Keine Ahnung, wie viele Mails ich alleine an Joan Jett geschrieben habe. Ein anderes Mal stand ich neben Patti Smith, aber niemand wollte mich ihr vorstellen…

Aber du konntest die Queen of Rock’n’Roll gewinnen. Wie bist du an Wanda Jackson rangekommen?
Bela B.: Richard Weize von Bear Family Records ist ein Freund von mir und der hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich in meinem Vorhaben zu unterstützen, besonders, was die legendären Damen anging. Er hat sogar mit dem Management von Doris Day telefoniert, was am Ende leider nicht geklappt hat. Doch mit Wanda Jackson ist er befreundet und er hat sie am Ende nahezu gezwungen, mich einzuzählen. Ich hatte ihr schon eine Menge Emails geschrieben, doch die sind immer im Spam-Ordner gelandet, wo ihr Mann, der ja auch schon über Achtzig ist, sie nie gefunden hat. Irgendwann wurde es Richard zu bunt, da hat er Wanda gesagt, dass ich sie anrufen werde. Als ich das schließlich zu der vereinbarten Zeit in Oklahoma getan habe, war Wanda gerade beim Zähneputzen, also habe ich es eine Viertelstunde später noch mal versucht und dann hatten wir ein sehr nettes, siebenminütiges Gespräch. Sie hat den Einzähler gemacht und am Ende sogar „Auf Wiedersehen“ gesagt, was ich auch mit auf die Platte genommen habe. Wenn man überlegt, dass diese Frau bereits in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen wurde und Elvis Presley heiß auf sie war, sollte man meinen, dass sie es sich leisten könnte, wesentlich abgehobener zu sein.

Angekommen

Zurück zu dir. Das Cover deines neuen Albums vermittelt vor allem eins – Aufbruchsstimmung. Ein letzter Blick in den Rückspiegel, bevor es in ungewisse Ferne geht. Wovon verabschiedest du dich mit „Bye“?
Bela B.: Es standen auch andere Titel im Raum. Meine Soloplatten beginnen immer mit einem „B“ und mein favorisierter Titel war „Beutekunst“, das hat mir sehr gut gefallen, zumal sich das Album auf vergangene Musik bezieht. Doch dann hat die Fotografin die Songs gehört und meinte sofort, dass das Album viel mit Weite und all dem zu tun hat, was du einleitend beschrieben hast. Sie machte dann den Vorschlag, Fotos mit einem Chevy Van in einer Kalkgrube aufzunehmen, unter dem Motto „Bela B. unterwegs“ und in dem Zusammenhang kam mir die Idee, das Album „Bye“ zu nennen. Der Grafiker war begeistert, die Fotografin auch und das Ganze passte perfekt zu dem Song „Abserviert“ in dem es darum geht, sich von alten Freunden zu lösen und nach vorne zu schauen. Ich bin mit dieser Platte an einem Punkt angekommen, den ich erst mal nicht mehr verlassen will.

Neben einigen Country Anleihen, sind auf der Platte außerdem die 50er Jahre nicht zu leugnen, der Song „Peng!“ ist in den 60er Jahren verwurzelt und „Abserviert“ geht in Richtung Northern Soul. Ist das die Musik, die du dir nach Feierabend anhörst?
Bela B.: Ja, ich höre gerade viel Bluegrass, Neofolk und sowas. Eine Platte, die mir zum Beispiel Bernie von Smokestack Lightnin‘ ans Herz gelegt hat, ist die von JD McPherson, der in den USA megaerfolgreich ist, auch unter euren Lesern wird es wohl niemanden geben, der ihn nicht kennt. Sowas höre ich sehr gerne. In England gibt es momentan viele Sängerinnen wie Amy Lavere, die in der Bluegrass Ecke einzuordnen sind, vielleicht ist das dem Einfluss von Mumford And Sons zu verdanken. Mein Lieblingsplattenladen in Berlin, Mr. Dead & Mrs. Free, beliefert mich immer und dort empfiehlt man mir viel Neues. Doch ich höre diese Musik schon eine ganze Weile. Es war ein schleichender Prozess, dass all die tätowierten Hardcore Musiker durch Latzhosen tragende Frauen ersetzt wurden. Ist ja auch nicht überraschend, schon zu Zeiten als ich noch mit Farin Urlaub zusammen wohnte, haben wir viel Eddie Cochran, Buddy Holly und solche Sachen gehört.

Schmalzlocken-Schwund

In Deutschland haftet Country noch immer etwas Altmodisches an, was sich in den letzten Jahren durch Musiker wie Dick Brave oder The Bosshoss nun langsam ändert. Was hältst du davon, dass Country und auch Rock’n‘Roll auf diese Weise modernisiert und somit etabliert werden?
Bela B.: Ich habe Sasha mal kennengelernt und ihn gefragt, ob er eine Rockabilly-Vergangenheit hat, doch er meinte, dass er nicht mal Elvis Fan gewesen sei. Trotzdem hat er es gut gemacht und er hatte Spaß daran. Ich finde es super, dass solche Acts die Szene ein bisschen geöffnet haben, denn die Musik sollte nicht nur Leuten vorbehalten sein, die in der Tanzschule Rock’n’Roll Tanzschritte lernen. Ich war neulich auf dem Rockabilly Allnighter hier in Hamburg und es war ein sehr gemischtes Publikum dort, sehr wenig Schmalztollen – aber vielleicht sterben die ja auch aus, wegen zunehmendem Haarausfall. Hat mir jedenfalls sehr gut gefallen. Als Mittel zum Zweck ist es also ganz gut, doch aktuelle Chart Hits zu nehmen und im 50er Jahre Gewand zu spielen wie die Baseballs es machen, finde ich nicht sonderlich abendfüllend. In den 80er Jahren gab es eine Band namens Big Daddy, die waren eine der ersten, die das gemacht haben und als Punker mit Teddyboy Freunden fand ich das damals ganz originell, heute würde ich eher sagen, geht so. Bei Bosshoss ist es etwas Anderes, denn ich weiß, dass die meisten von denen wirklich aus der Szene sind und ihre Musik von Herzen kommt. Doch Smokestack Lightnin‘ waren mir immer irgendwie näher, weil sie dem Traditionellen sehr verbunden sind. Wenn die Cover-Versionen spielen, dann eher unbekanntere Sachen und keine Chart Hits. Insgesamt weniger populistisch das Ganze.

Smokestack Lightnin‘ haben meines Wissens aber auch ein Cover von der Popstars-Band Monrose gemacht…
Bela B.: Uhhh…, haben sie? Oh je, das ist mir irgendwie entgangen. Am besten werde ich das mal laut im Tourbus laufen lassen und sie fragen, was das soll. Ich befürchte, ich muss diese Freundschaft überdenken.

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Vor drei Jahren habe ich dich in der Berliner Columbiahalle bei einem Kitty, Daisy & Lewis Konzert gesehen. Die sind wiederum sehr authentisch, obwohl sie damals nicht einmal volljährig waren. Wie wichtig findest du es, dass sich jüngere Generationen für den alten Sound begeistern können?
Bela B.: Ich finde Musik generell wichtig. Kitty, Daisy & Lewis vereinen gleich mehrere Aspekte, die sie interessant machen. Sie sind wahnsinnig jung, touren mit Vater und Mutter, kreieren mit einer Sammlung von antiken Geräten diesen alten Sound und haben alles von der Pike auf studiert, was die Kompositionen betrifft. Doch gerade ältere Leute aus der Szene rümpfen ihnen gegenüber die Nase und sagen, es sei nicht authentisch, sondern bloß lausig gespielt. Ich bin da toleranter, wahrscheinlich, weil ich nicht in dieser Szene groß geworden, sondern durch Punkrock sozialisiert worden bin und ich habe mich auf deren Konzerten immer bestens unterhalten gefühlt

Durch Punkrock sozialisiert

Du bist eine Punkrock-Ikone, es gab dich bereits als Bravo-Starschnitt und du füllst seit Jahrzehnten Riesenhallen. Hat dich all der Zuspruch zu einem egozentrischen Menschen gemacht?
Bela B.: In meinem Fall ist die Egozentrik schon allein deshalb gegeben, weil sie zu meiner Show gehört. Ich war immer jemand, der sich eine Platte nach der Auffälligkeit des Covers ausgesucht hat und sich für Musiker interessierte, die stark aussahen, sich extrem gebärdet haben oder ein fieses Image hatten. Was den Perfektionismus betrifft, klar, es ist schon immer mein Bestreben gewesen, eine Platte so gut wie möglich zu machen, doch ich mag auch nicht ewig an einer arbeiten. Diesmal hat es nur so lange gedauert, weil ich nur in der Zwischenzeit dazu gekommen bin, etwas aufzunehmen. Doch im Prinzip bin ich ein Freund davon, gut vorbereitet ins Studio zu gehen und es schnell durchzuziehen. Man neigt sonst dazu, kein Ende zu finden. Hier noch ein bisschen und da und schließlich ist der Schritt zur Überproduktion nur noch sehr klein und den will ich auf keinen Fall gehen.

Du inszenierst dich gerne im pompösen Las Vegas Stil und schmeißt dich in Elvis Schale. Bist du ein großer USA Fan?
Bela B.: Ich bin ein großer Fan von der Entertainment-Auffassung der Amerikaner und ich finde, dass es ist eins der schönsten Länder überhaupt ist, wenn nicht das Schönste. Du hast dort Meer, Seen, Berge, Wüste und alle Klimazonen, doch wenn ich überlege, was die Industrienation USA mit dem Rest der Welt anstellt, entsteht bei mir schnell ein recht ambivalentes Verhältnis zu diesem Land. Als linksdenkender Punkrocker steckt daher auch immer ein Stück Antiamerikanismus in mir. Das macht es natürlich schwierig, besonders jetzt, da meine neue Platte sehr von amerikanischer Musik geprägt ist.

Wie viel des linksdenkenden Punkrockers steckt sonst noch in dir?
Bela B.: Eine ganze Menge. Ich stehe ständig unter meiner eigenen Beobachtung, möchte immer politisch korrekt handeln – nach eigenem Gutdünken. Natürlich ist es anderseits langweilig, immer alles korrekt zu machen und Regeln können nerven, aber ich habe eine ganze Liste persönlicher No Gos, die noch aus dieser Zeit rühren.

Check:
bela-b.de
www.facebook.com/BelaB
bademeister.com

Diskografie:
Bingo, Bpx 1992 (Sony Music), 2006, CD
Code B, Bpx 1992 (Sony Music), 2009, CD
Bye, B-Sploitation, 2014, CD

Diana Ringelsiep / VÖ: März 2014, Dynamite Magazine

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