AnnenMayKantereit – „Alles Nix Konkretes“

AnnenMayKantereit - "Alles Nix Konkretes", Vertigo Berlin (Universal Music)

Eine Viertelmillion Facebook-Fans, unzählige Youtube-Klicks und eine restlos ausverkaufte Tour – all das haben AnnenMayKantereit noch vor Erscheinen ihres Debütalbums geschafft. Ein beispielloses Phänomen. Am letzten Freitag war es dann soweit, der Postbote stand mit „Alles Nix Konkretes“ vor der Tür. Mann, war ich aufgeregt.

Letztes Jahr im späten Sommer bin ich zum ersten Mal über ein Video der Kölner Straßenmusikerstudenten gestolpert. Genauer gesagt über ihr Beatsteaks-Cover „Hand In Hand“. Zu dem Zeitpunkt schnallte ich noch nicht, dass es sich bei dem angestrengt aussehenden Jungen mit der hervortretenden Halsschlagader um jenen Henning May handelte, der seit einigen Wochen mit K.I.Z. den Weltuntergang bejubelte. Um so mehr überraschte mich die Beliebtheit ihrer Youtube-Videos, denn für irgendeine Studentenband hatten sie eindeutig zu viele Klicks.

Kurz darauf hauten sie „Oft gefragt“ heraus und dem Titel zum Trotz ließ der Song keine Fragen offen. Die Liebeserklärung an Mays alleinerziehenden Vater traf einen Nerv bei mir. „Du hast mich abgeholt und hingebracht. Bist mitten in der Nacht wegen mir aufgewacht.“ Eine Liebeserklärung, die mit jeder Zeile im Rio Reiser-Tonfall den Nagel auf den Kopf traf. Ich leitete das Video direkt an meine Mutter weiter und bestellte vorsorglich schon mal zwei Karten für ein Konzert, das noch in weiter Ferne lag. „Ich hab‘ keine Heimat, ich hab‘ nur dich. Du bist zu Hause für immer und mich.“ Letzten Freitag war es dann ausgerechnet dieses Lied, das mir beim Auflegen des neuen Albums einen ersten Dämpfer verpasste. Denn irgendwer muss es für eine gute Idee gehalten haben, die Platte mit der weichgespülten Radioversion zu eröffnen. Ich war stinksauer.

Doch dann trennte sich May plötzlich von seiner Pocahontas und ich konnte nicht länger böse sein. Ich mag die Erstsemester-Nostalgie, die AnnenMayKantereit in mir wecken und so genoss ich den Ausflug in meine frühen Zwanziger. Denn die ersten Jahre in der fremden Stadt, das waren aufregende Jahre. Weit weg von zuhause, zwischen Hörsaal und Hochbett. Verliebt in das Leben. „Alles Nix Konkretes“ brachte mich direkt dorthin zurück. „Plötzlich bin ich wieder 21, 22, 23 und kann noch gar nicht wissen, was ich will.“ Mir fielen die alten Geschichten wieder ein und mit ihnen auch die Angst davor, Entscheidungen fürs Leben treffen zu müssen und die Schwere der Erkenntnis, dass der langjährige Freund vielleicht gar nicht der richtige ist. Es gibt nicht viele Platten, die in der Lage sind, einen auf eine solche Zeitreise zu schicken. „Alles Nix Konkretes“ hat das geschafft. Zurück blieb die Erleichterung darüber, dass sich nun andere Leute -wie Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit- mit diesen Dingen befassen können. Denn ich bin jetzt Anfang 30. Und ich tanz‘ nicht mehr wie früher.

 

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