Refused are fucking – what?!

Zugegeben, die schwedischen Hardcore-Ikonen sind nach 24 Jahren Bandgeschichte – wenn auch mit Pause – nicht gerade das, was man heute noch als „Fundstück“ bezeichnen kann. Immerhin haben sie 1998  mit „The Shape of Punk to Come“ Musikgeschichte geschrieben. Von der Show, die ich vergangene Woche im Berliner Columbia Club besucht habe, möchte ich trotzdem berichten. Denn während ich so ziemlich genau das bekommen habe, was ich erwartet hatte, war mein Begleiter… Nennen wir es entsetzt.

Als wir den Columbia Club erreichen, stapeln sich die Menschen darin bereits. Und das ist gut, denn wir haben richtig Bock! Ich lotse meinen Arbeitskollegen durchs Gedränge, bis wir im Treppenhaus auf dem Weg zur „unterirdischen Garderobe“ steckenbleiben. Eine Viertelstunde später sind wir unsere Jacken los und stehen mit Kaltgetränken ausgestattet mitten im Getümmel. Die Band kommt heraus und mit den ersten Klängen ihres Comeback-Songs „Elektra“ macht sich ein unruhiges Kribbeln in mir breit: Es geht los. Geil! Ich schaue zu meinem Kollegen herüber, er zieht irritiert die Augenbrauen hoch: „Oh Mann, lange Haare und Schnorres – echt jetzt?“ Ich proste ihm zu. Er wird drüber weg kommen.

Mikro-Akrobatik

Die Leute um uns herum stürzen ihr Bier hinunter und schmeißen ihre Becher in die Luft, um besser springen zu können. Dennis Lyxzén schleudert sein Mikro ein paar Meter von sich weg, um es durch einen Zug am Kabel im richtigen Moment wieder am Mund zu haben. Doch der Platz auf der kleinen Bühne ist begrenzt. Bei der Reunion-Show auf der Main-Stage des belgischen Groezrock Festivals, wo ich die Schweden 2012 gesehen habe, wirkte die ganze Mikro-Nummer irgendwie imposanter. Doch der Sound, der uns entgegenschlägt, ist genauso brachial wie eh und je und auch die riesigen Schatten, die die Musiker an die Wände werfen, machen schon was her. Es dauert nicht lange und Lyxzén springt in die Menge, in der er schließlich schreiend untergeht. Also alles gut.

Pychedelic Dennis

Meine Begleitung scheint das anders zu sehen, seine Augenbrauen sind offenbar am Haaransatz hängengeblieben. Es ist der ungläubige Blick des Entsetzens. „Oh Mann, das sind die Helden meiner Jugend“, jammert er zwischen den Songs in mein Ohr, „Refused waren die Antithese zum Rock-Klischee, wann haben die sich diese furchtbare Slayer-Attitüde zugelegt?!“ Ich kann ihm nicht folgen und zucke mit den Schultern. Lyxzén ist wieder an der Bühne angekommen. Statuenhaft steht er mit gestreckter Faust da, als „Liberation Frequency“ ertönt. Der Moshpit breitet sich aus – wie es sich für einen „The Shape Of Punk To Come“-Klassiker gehört. Die Tanzeinlagen des Frontmanns erinnern hingegen zunehmend an Jim Morrison auf LSD. Er dreht unbeholfene Pirouetten und macht psychedelische Dancemoves mit den Händen. Ich kenne das bereits aus Belgien und finde den Kontrast zu seinem druckvollen Protestgeschrei ziemlich unterhaltsam.

Time For Revolution

Neben mir nehme ich ein Kopfschütteln wahr: „Ich weiß nicht, wie ich dieses Erlebnis jemals verarbeiten soll – das ist der reinste Körper-Klaus-Konformismus.“ Mein Kollege wirkt nun wirklich verzweifelt. Als wolle Lyxzén dem etwas entgegensetzen, folgt nun sein obligatorischer Aufruf zur Revolution: „Wir leben in einer patriarchischen Welt, in der Frauen nach wie vor unterdrückt und vergewaltigt werden und es liegt nicht an ihnen, das zu ändern, sondern an uns Männern!“ Das ist mal ne Ansage. Einzig der Nachsatz, dass wir, sobald das geschafft ist, auch den Kapitalismus zerstören müssen, klingt irgendwie albern aus dem Mund eines anzugtragenden Mittvierzigers mit Cowboy-Gürtelschnalle, dessen Band im Nebenraum einen gigantischen Merchandise-Stand mit „Freedom“-Shirts aufgebaut hat.

Der Abriss kommt zum Schluss

Als die Band schließlich schweißgebadet von der Bühne geht, spart sich das erschöpfte Publikum die Zugabe-Rufe. Denn dass „New Noise“ der letzte Song des Abends sein wird, hat Lyxzén bereits nach dem ersten Song angekündigt: „Den spielen wir erst ganz am Ende, damit ihr nicht vorher nach Hause geht.“ Dann ist es soweit. Lyxzén rastet komplett aus und Berlin reißt die Columbia-Hütte ab. Meine Begleitung gibt sich versöhnlich: „Ach, wahrscheinlich nervt mich das alles bloß so, weil nicht nur die alt geworden sind. Wir sind es auch.“ Ich für meinen Teil hatte einen guten Abend. Fazit: Refused immer wieder gerne, beim nächsten Mal dann aber wieder auf einer großen Bühne!

2 Kommentare zu Refused are fucking – what?!

  1. katja wintermoonmelody // 8. April 2016 um 16:55 // Antworten

    ha! es gab technische probleme, abeer jetzt gehts! yay

    „MIKRO AKROBATIK“
    1A, virtuos, individuell, animierend, unterhaltsam und unbedingt virtuos!! 😉

    „Pychedelic Dennis“
    exzentrisch und irgendwie unterhaltsam, auf jeden fall anarchisch! 😉

    „time for revolution“
    cause nothing is changed! die sache mit dem merchandise ist warscheinlich notwendig, damit man die „useless europians“ erstmal erreicht?!

    und sonst so?!
    das thema des albums ist super empathisch und true und deep.
    die show war unterhaltsam, animierend, motivierend.
    das highlight für mich war die mikro-wurf-aktion und die performance beim rather be dead song („wanna be alive“ mosh) und das faust zeigen, dass zum peace wird etc..

  2. Diana Ringelsiep // 9. April 2016 um 10:38 // Antworten

    Hi Katja, danke für deine Sicht des Abends!
    Klar, Merch ist für Bands ja auch überlebenswichtig und hey: Ich lieeeebe Merch! Ich bin bloß nicht der größte Fan solcher „Wir müssen den Kapitalismus zerstören“-Reden, denn so funktioniert unsere Welt nun mal. Stattdessen sollte man seine Energie besser darauf verwenden, „faire“ Produkte zu konsumieren. Da haben am Ende des Tages alle mehr von. Andererseits sind es ja genau diese Aussagen, die die Leute von Refused erwarten – der Kampf gegen den Kapitalismus ist also quasi ihre Marketingstrategie 😉

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