Nennt euch wie ihr wollt, aber…

pixabay.com

Brennende Flüchtlingsunterkünfte, vor denen Menschen applaudieren. Eine Partei, die an innereuropäischen Grenzen auf Frauen und Kinder schießen lassen will. Ein wütender Mob, dessen Mitläufer „keine Nazis sind, aber…“ Jeden Tag erreichen uns neue Meldungen wie diese und zurück bleibt die Wut über die eigene Untätigkeit. 

Aber warum haben denn alle zugeguckt und nichts gegen die Nazis getan?“ Diese Frage habe ich mir und anderen häufig gestellt, nachdem ich in der Schule das Tagebuch der Anne Frank gelesen habe. Es wollte nicht in meinen Kopf rein gehen, wie die Menschen es damals einfach hatten hinnehmen können, dass die Rechte ihrer Nachbarn, Kollegen und Freunde Stück für Stück eingeschränkt wurden, bis die anfängliche Ausgrenzung zu einer Hetze führte, die in Massengräbern endete.

Nie wieder Krieg

Angst. Unwissenheit. Ohnmacht. Die Antworten waren immer dieselben und keine von ihnen war zufriedenstellend. Zurück blieb die bittere Ahnung, dass alle einen kleinen Teil zur großen Katastrophe beigetragen haben – durch aktives Nichtstun, Wegsehen und Mundhalten. Ich war sauer und gleichzeitig froh, in einer Zeit zu leben, in der Meinungsfreiheit und Menschenrechte hochgehalten werden. In einer Zeit, in der so etwas nicht passieren kann.

Keine 20 Jahre sind seitdem vergangen. Menschen, die sich auf ihre Meinungsfreiheit berufen, ziehen nun zu Tausenden durch die Straßen und grölen Nazi-Parolen. Sie sind in ihrer Selbstwahrnehmung zwar keine Nazis, aber sie grölen sie trotzdem. Sie sind voller Hass, wollen Grenzen, wo keine mehr sind, haben Angst vor Menschen in Todesangst. Und was machen wir? Irgendwie nichts so richtig. Klar, wir lesen, was darüber geschrieben wird, schließlich wollen wir nicht weggucken. Wir liken die richtigen Facebook-Beiträge, denn wir wollen uns ja positionieren. Und trotzdem sitzen wir mit einem mulmigen Gefühl zuhause, ratlos, denn wir wissen weder, woher diese wütenden Menschen kommen, noch was wir gegen ihren Hass tun können.

Nie wieder Faschismus

Angst. Unwissenheit. Ohnmacht. Ich verstehe diese Ausreden nun ein bisschen besser. Doch ich will mich noch immer nicht mit ihnen zufrieden geben. Es kotzt mich an, dass keiner etwas dagegen tut, was auf unseren Straßen passiert. Ich kotze mich selbst an, weil ich nicht besser bin. Was soll ich antworten, wenn meine Enkel irgendwann das Tagebuch eines geflüchteten Mädchens in der Schule lesen und sie mich fragen, weshalb wir nichts unternommen haben? Soll ich zu unserer Verteidigung sagen, dass wir über die Pegida-Witze von Jan Böhmermann gelacht und regelmäßig kopfschüttelnd Zeitung gelesen haben? Nein, da muss es noch eine bessere Antwort geben!

Und du, der sich hasserfüllt durch diesen Text gequält hat und sich nun in seiner Wut bestätigt fühlt. Der glaubt, ich würde die Gefahr nicht sehen wollen, die von den geflüchteten Fremden in unserem Land ausgeht. Der es für ein politisches Statement hält, eine Notunterkunft anzuzünden, weil doch endlich mal was passieren muss. Der seiner Wut Luft machen wird, indem er sie gleich in meine Kommentarfunktion kotzt.

Ist mir egal, ob du dich selbst für einen Nazi hältst.
Aber du bist ein Arschloch.

 

 

4 Kommentare zu Nennt euch wie ihr wollt, aber…

  1. Andreas Kreimendahl // 23. März 2016 um 4:54 // Antworten

    Danke und ich tue was. Ca. 50 Naziaussteiger wegen mir und eben auch mal im Krankenhaus gelegen. Zudem auch oft Intoleranz bei den Linken erlebt und trotzdem immer den linken Idealen treu geblieben. Ich plädiere für eine empathievolle, religionsertragende und zudem helfende Linke, die eigentliche Grenzen nur noch als kulturelle Grenzen wahr nimmt, die auch schwimmend sind. Die alle neben sich ertragen können, auch wenn viele konservativ sind.Es geht darum die Freiheit an sich zu verteidigen.

  2. Diana Ringelsiep // 25. März 2016 um 11:35 // Antworten

    Hi Andreas, ich finde es toll, dass du trotz aller Rückschläge den Glauben an das Gute nicht verlierst und dich weiterhin engagierst. 50 Naziaussteiger sind eine Menge, arbeitest du mit einer Organisation zusammen oder wie bist du dazu gekommen? Wie auch immer, Leute wie du machen unsere Welt ein kleines bisschen besser. Danke dafür und weiter so!

  3. Andreas Kreimendahl // 7. Juli 2016 um 23:26 // Antworten

    Nee ich bin Solist wie immer. Manchmalim Verbund mit ein paar echten skinheads und etlichen Punkrockern. Muss man mal sagen. Mache du auch weiter so.

  4. Andreas Kreimendahl // 7. Juli 2016 um 23:27 // Antworten

    Nee ich bin Solist wie immer. Manchmal im Verbund mit ein paar echten Skinheads und etlichen Punkrockern. Muss man mal sagen. Mache du auch weiter so.

3 Trackbacks & Pingbacks

  1. Jahresrückblick: Holy Shit! – Urban Lifestyle Trash
  2. Kleiner 5: Gemeinsam gegen Rechts – Urban Lifestyle Trash
  3. Jubiläum: Ein Jahr Blog und zurück – Urban Lifestyle Trash

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*