Andra Day: Eine Diva in Kreuzberg

Foto: Myriam Santos

Sie war bereits zweimal für einen Grammy nominiert und ist auf Wunsch von Präsident Obama bereits im Weißen Haus aufgetreten, trotzdem kennt sie hierzulande fast niemand. Ich durfte mir von dem 31-jährigen Ausnahmetalent Andra Day bei einer exklusiven Club-Show in Kreuzberg gestern selbst ein Bild machen. Ein Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Ich habe wirklich keine Ahnung, was mich erwartet, als Andra Day die Bühne des Berliner Bi Nuu Clubs betritt. Sie ist schön. Verdammt, sie ist ichkanngarnichtweggucken-schön! Mit der Klasse von Billie Holiday und der Coolness von Lauryn Hill steht sie da und nimmt den ganzen Raum ein. Andra trägt roten Lippenstift zu ihren dramatischen Wimpern und Creolen so groß wie CDs. Unter ihrem kunstvoll gebundenen Kopftuch, blitzen wassergewellte Haare hervor. Worte wie „Diva“ und „Gänsehaut“ wabern durch den Raum. Dann greifen ihre klunkerbesetzten Finger zum Retro-Mikrofon und ihre Stimme trifft mich unerwartet und mit voller Wucht. Binnen weniger Sekunden strecken sich die Härchen auf meinen Armen in alle Himmelsrichtungen aus. Die Stimmen von Amy Winehouse und Adele haben ein Kind bekommen. Ich bin überwältigt.

Von den Grammys ins Weiße Haus

Cassandra Monique Batie, wie sie im wahren Leben heißt, wurde 1984 in San Diego geboren, wo sie bis vor wenigen Jahren noch regelmäßig in Kirchen aufgetreten ist. Ihre Songs klingen stark und ausdrucksvoll, dann wieder leise und verletzlich, um anschließend ein oft gewaltiges Ende zu nehmen. Stevie Wonder war es, der ihr schließlich zum großen Durchbruch verholfen hat. Es folgten zwei Grammy-Nominierungen sowie Auftritte bei Ellen DeGeneres und bei den Obamas im Weißen Haus. Immer wieder muss ich an dem Abend im Berliner Bin Nuu Club an Amy Winehouse denken. Das niedliche Lachen, der extravagante Auftritt, die nippenden Schlückchen, die sie zwischen den Songs aus ihrem Glitzerbecher nimmt. Doch das Teebeutelfähnchen lässt vermuten, dass Andra keinen Whisky schlürft, um sich Mut anzutrinken. Und dann tut sie etwas, das Amy niemals getan hätte: Sie schminkt sich ab. Andernfalls könne sie ihr Cover von Kendrick Lamars Song „No Makeup“ nicht glaubhaft interpretieren, erklärt sie, während sie sich mit feuchten Tüchern durchs Gesicht wischt und mit dem kussechten Lippenstift kämpft.

Nichts zu verbergen

„You look gorgeous!“, ruft jemand aus den hinteren Reihen. Andra kichert auf ihre glucksende Art. Den restlichen Abend bestreitet sie ungeschminkt, mit ein paar Pickelchen auf der Stirn und dem verschmierten Lidstrich, der nicht abgehen wollte – doch kein bisschen weniger schön und selbstbewusst. Mit „Rise Up“ erreicht die Show schließlich ihren Höhepunkt. Schon nach den ersten Zeilen spüre ich wie meine Stirnfalte zuckt und meine Augen feucht werden. Spätestens jetzt ist klar, dass es ihr nicht gerecht wird, sie bloß mit anderen Diven zu vergleichen. Denn Andra Day ist selbst der geborene Megastar. Und dann weiß ich, dass ich den Moment genießen muss, denn wahrscheinlich werde ich nie wieder die Gelegenheit bekommen, Andra Day in einem so familiären Umfeld zu erleben.

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