Jeden Tag eine vertane Tat

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Es gibt diese Momente des Zögerns, in denen ich mich selbst nicht leiden kann. Zum Beispiel wenn eine Person Marke „schwangere Omi mit Gipsbein“ in der Bahn zusteigt und ich gerade lange genug innehalte bis jemand anders für sie aufspringt. Nicht, dass ich sie tatsächlich stehen lassen würde, wenn es hart auf hart käme. Doch insgeheim bin ich froh, wenn ich noch mal davon komme. Für drei Sekunden und dann frage ich mich den restlichen Tag, was mit mir nicht stimmt.

Neulich in der U1 ist es wieder passiert. Ein Junge mit Schulrucksack stand auf und ich sah sie sofort: Schwarze Handschuhe, die auf seinem Platz liegen blieben. Ich holte Luft, wollte etwas sagen, doch dann, schon wieder: Ich zögerte. Gehörten sie vielleicht dem Mann, der daneben saß? Ein schneller Blick auf die Handschuhe, ein weiterer auf die Pranken des Mannes. Ausgeschlossen, sie mussten dem Kleinen gehören. Doch der hatte sich mittlerweile schon fast bis zur Tür durchgekämpft. Meine Gedanken überschlugen sich: Wie laut musste ich rufen, um bis zu ihm durchzudringen? Würde er sich überhaupt angesprochen fühlen? Ich war gerade dabei, mir auszurechnen, wie gut die Chancen standen, dass er es in dem vollen Waggon noch einmal zurück an seinen Platz und dann wieder zur Tür schaffte, als sich die Türen bereits öffneten. Er stieg aus. „Hey Junge, sind das deine?“ Der Mann neben mir schien weniger nachzudenken als ich. Dann ging alles ganz schnell. Der Junge hastete zurück, schnappte sich die Handschuhe, bedankte sich im Vorbeigehen und sprang in letzter Sekunde durch die hupenden Türen nach draußen. Ich Idiotin.

Gewissensbisse

Was ist der Grund für diese immer wiederkehrende Schockstarre in banalen Situationen wie dieser? Ich bin doch eigentlich nicht schüchtern und gut erzogen wurde ich auch. Am ehesten ist es wohl zu vergleichen mit einem plötzlichen Anfall von Lampenfieber. Oft nur ein paar Sekunden lang, doch die reichen aus, dass ein anderer handelt und dann fühle ich mich schlecht. Vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen Tegel stand vor Jahren einmal Heike Makatsch vor mir in der Schlange. Sie war wunderschön und aß ein üppig belegtes Sandwich. Dann wurde sie ausgerufen: „Dies ist der letzte Aufruf für die Passagierin Heike Makatsch. Bitte begeben Sie sich umgehend zu Gate A3.“ Heike hatte offenbar nicht zugehört, denn sie kämpfte in Seelenruhe mit einer herausrutschenden Tomate. Mein Puls beschleunigte sich. Ich musste sie ansprechen. Eins, zwei… „Entschuldigung, ich glaube Sie sind gerade ausgerufen worden“, wurde sie, über meine Schulter hinweg, angetippt. Heike verlor prompt die Tomate, lachte, dankte der Frau hinter mir für den Hinweis und schlängelte sich auf ihre charmante Art bis zur Kontrolle vor. Ich Lusche.

Heldentat

Natürlich habe auch ich meine hellen Momente, in denen ich zu Affekthandlungen fähig bin. Ich hebe heruntergefallene Mützen auf, lasse Menschen mit drei Teilen an der Kasse vor und mache auf offene Rucksäcke aufmerksam. Besonders immer dann, wenn sonst kein Robin Hood in der Nähe ist, der einspringen kann. Und manchmal geschehen sogar noch Zeichen und Wunder. So bin letztes Wochenende, erschöpft vom Record Store Day, in der vollen Tram Richtung Friedrichshain gefahren, als der Typ neben mir verkündete: „Schönen guten Tag, die Fahrausweise bitte!“ Während ich mein Monatsticket herauskramte, glaubte ich, ein genervtes Augenrollen bei meinem Gegenüber wahrzunehmen. Hatte er etwa kein Ticket? Oder war er bloß genervt, es herausholen zu müssen? Hatte er die Augen überhaupt verdreht oder vielleicht bloß aus dem Fenster gesehen? Meine Gedanken begaben sich auf die übliche Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich reichte dem Kontrolleur meinen Fahrschein. Der Mann gegenüber machte hingegen noch immer keine Anstalten, nach seinem zu suchen und sah nun richtig schlecht gelaunt aus. „Wir gehören zusammen“, sagte ich plötzlich und deutete auf mein Ticket, mit dem ich am Wochenende jemanden mitnehmen kann. Irritierte Blicke von beiden Seiten. Stirnrunzelnd musterte uns der Kontrolleur, der sich wahrscheinlich bereits auf die Personalien-Aufnahme gefreut hatte. Dann machte er sich mit einem gleichgültigen Schulterzucken auf den Weg in den nächsten Waggon. Mein Gegenüber strahlte. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mir den Tag, ach, mein ganzes Wochenende gerettet!“ „Nichts zu danken“, antwortete ich, „ist doch selbstverständlich.“ Zwei Stationen später verabschiedeten wir uns. Ich Superheldin.

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