Infidelix: The King of the Shit

Foto: Paul Magura

Vor einigen Wochen bin ich in Friedrichshain über einen Straßenrapper gestolpert, der mich für einen Moment stehenbleiben und alles andere vergessen ließ. Was für ein Talent! Ich kaufte seine CD und war davon überzeugt, einen großen Künstler entdeckt zu haben. Auf Facebook erfuhr ich später, dass dem nicht so wahr. Denn vor mir hatten ihn bereits über 36.000 andere entdeckt. Infidelix – den Texaner mit dem roten Bart.

In Berlin stumpft man über die Jahre etwas ab, was die Begeisterung für Straßenmusik angeht. Das Angebot ist zu groß und bald verschwimmt alles zu einer Art Brei allgegenwärtiger Hintergrundbeschallung. Anfangs war das noch anders. Ich erinnere mich an einen schneematschigen Wintermorgen, als ich vor elf Jahren fröstelnd in der U1 an der Warschauer Straße saß und hoffte, dass sie bald losfahren würde. Ich war zu spät dran, wahrscheinlich hatte meine Vorlesung längst angefangen. Als die Türen sich endlich in Bewegung setzten, sprang in letzter Sekunde eine Gruppe hippieesker Backpacker zu uns in den Wagen. Ein paar von ihnen trugen Dreadlocks und neben einer Gitarre hatten sie auch Tamburine dabei. Ach du scheiße, dachte ich mir, auch das noch. Doch dann spielten sie „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones. Und sie waren richtig gut. So gut, dass einige Leute anfingen zu tanzen und zwei Stationen später der komplette Wagen grölend und pfeifend applaudierte. Ich war begeistert von dem aufregenden Großstadtflair, der aufregend und neu für mich war. Doch das ließ nach.

Vor ein paar Wochen bin ich dann wieder einmal an genau dieser Station angekommen. Diesmal war ich elf Jahre älter und Hip Hop lag in der Luft. Guter Hip Hop. Ich lief durch den Bahnhof und fragte mich, ob ich den Rapper kannte, den offenbar irgendjemand aufgelegt hatte. Vielleicht Eminem? Nee, der war es nicht… Doch dann bog ich um die Ecke und dachte, ich seh’ nicht richtig. Auf dem kleinen Vorplatz am Anfang der Brücke saß ein unscheinbarer Typ mit rotem Bart auf dem Boden und der rappte so voller Hingabe in sein Mikrofon, dass ich direkt Gänsehaut bekam. Der Song, der so gut war, dass ich gerade noch geglaubt hatte, ihn kennen zu müssen, war der eines Typen, der auf ein bisschen Kleingeld hoffte! Ich war baff. Ja genau, baff – denn große Emotionen verdienen große Worte. Im Schneckentempo schlich ich an ihm vorbei, um möglichst wenig zu verpassen. Am liebsten wäre ich stehengeblieben, doch da ich versuche, diese Art Menschentrauben tunlichst zu vermeiden (aus Angst bei der nächsten Nummer vom Künstler ins Programm integriert zu werden), umrundete ich die Menschenansammlung und blieb in einigen Metern Sicherheitsabstand hinter ihm am Geländer stehen. Nach zehn Minuten musste ich los. Doch vorher ging ich zurück, traute mich in die Mitte der applaudierenden Traube des Schreckens, legte fünf Euro in den Korb und nahm eine der selbstgebrannten CDs in Klarsichthülle mit.

Riesenidee! Zumindest in Anbetracht der Tatsache, dass ich gar keinen CD-Player besaß. Also verbuchte ich den gespendeten Fünfer als unglaublich gute Tat und vergaß das Ganze kurz darauf. Ein paar Wochen später fiel mir die CD dann wieder in die Hände. „Infidelix“ stand in großen Edding-Buchstaben auf dem Silberling und plötzlich hatte ich einen Geistesblitz namens Laptop. Also schob ich die CD in meinen Computer und war sofort wieder geflasht. Und das ist noch untertrieben, denn eigentlich war ich mir sicher, ein Riesentalent entdeckt zu haben. Hatte er nicht gesagt, man solle bei Facebook nach ihm suchen? Gespannt tippte ich seinen Namen in das Suchfeld: I-N-F-I-D-E-L-I-X. Da war er ja! Moment mal… 36.835 Follower?!? Er war offenbar schon öfter entdeckt worden. Eine Google-Stunde später wusste ich warum. Infidelix stammt aus Texas und heißt mit richtigem Namen Bryan Rodecker. Vor ein paar Jahren hat er etwas getan, was sich nicht viele Menschen trauen. Er hat sich seinem Traum gestellt, um der „King of the Shit“ zu werden wie er es in einem seiner Texte nennt. Nachdem er seinen Job gekündigt hatte, war er mit einem One-Way-Ticket nach Europa gekommen. Und genau das ist es, was seine Texte ausmacht: Sie handeln davon, dass es Mut erfordert, frei zu sein. Bryan ist frei. Seit einer Weile lebt er nun schon in Berlin und gibt Workshops für Jugendliche, die das Reimen und Rappen von ihm lernen wollen. Sein Leben finanziert er durch seinen Straßenrap. Am Alexanderplatz, im Mauerpark und an der Warschauer Brücke – immer mit der Polizei im Nacken, die unangekündigten Konzerte nicht so gut findet wie seine Fans. Nachdenklich schob ich die CD an dem Tag nach dem dritten Hören in ihre Hülle zurück. Klar war, dass ich meine fünf Euro nicht besser hätte anlegen können. Unklar war jedoch plötzlich, welchen Traum ich mich nicht zu leben traue.

Mehr Fotos von Paul Magura gibt es auf Flickr und Facebook.
Und zum 
Facebook-Profil von Infidelix geht es hier.

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Berlin: Kampf dem Kältemonster – Urban Lifestyle Trash

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*