Grace Risch: Die schöne Mücke

Foto: Warner Music

Schon seit Jahren arbeitet sie mit Künstlern wie Max Herre, Samy Deluxe und Seeed zusammen. Jetzt startet Grace Risch solo durch. „Du hast ja tolle Haare“, begrüßt sie mich in Berlin zum Interview, während ich dasselbe denke. Wir verstehen uns. Ein Gespräch über eine bewegende Reise zu ihren Wurzeln nach Nigeria, norddeutsche Kindheitserinnerungen und rassistische Opas im öffentlichen Nahverkehr.

Dein neuer Song „Mücke“ thematisiert deinen Lebensdurst. Welche Punkte stehen noch auf deiner To-Do-Liste?
Grace Risch: Da fallen mir direkt super viele Länder ein, die ich gerne bereisen möchte. Doch Prioritäten verschieben sich und es kommen jeden Tag neue dazu. Deshalb mache ich mir nicht mehr so viele Gedanken darüber, was ich noch abhaken möchte. Denn mir passieren jeden Tag so viele tolle Dinge, die mich zu neuen Zielen inspirieren, dass ich beschlossen habe, das Leben einfach passieren zu lassen. So habe ich für das Video von „Mücke“ zum Beispiel fechten gelernt, obwohl das nie auf meiner Liste stand.

Gutes Stichwort. Wie lange musstet du üben, bis du fit am Degen warst?
Grace: Ich hatte einen Profi-Trainer an meiner Seite, mit dem ich viermal vor dem Dreh trainiert habe. Er hat das wirklich gut vermittelt, die Grundhaltung hatte ich bereits nach der ersten Unterrichtseinheit drauf. Für die komplizierteren Moves gab es aber auch ein Double.

Schüchtern wie Beyoncé

Du hast eine außergewöhnlich klare Stimme. Gab es in deiner Kindheit einen Schlüsselmoment, in dem du gemerkt hast, dass du besser singen kannst als deine Freundinnen?
Grace: So ein Vergleichsmoment ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Doch ich habe schon immer eine starke Sehnsucht danach verspürt, eine gute Sängerin zu werden. Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis, das ich im Alter von vier Jahren beim Radiohören hatte. Es lief ein Song von Whitney Houston und auf einmal hatte ich eine Vision von mir selbst. In dem Moment war mir klar, dass das Singen meine Zukunft sein würde. Später habe ich angefangen, zuhause Musik zu machen und Songs einzustudieren, die ich toll fand. Ich war jedoch sehr schüchtern und habe das nur für mich alleine gemacht. Gesangsunterricht und erste Banderfahrungen kamen erst viel später dazu.

Wie kam es, dass du deine Schüchternheit irgendwann überwunden und dich vor ein Publikum gestellt hast?
Grace: Um ehrlich zu sein, ist es bis heute eine Überwindung. Jedes Mal.

Du warst gerade mit Sarah Connor auf Tour und bist im Vorprogramm vor ausverkauften Arenen aufgetreten. So schüchtern kannst du doch gar nicht sein.
Grace: Ich bin wirklich sehr aufgeregt vor jedem Auftritt. Doch in der Zwischenzeit habe ich gelernt, mit dieser Aufregung umzugehen und sie zu meiner Verbündeten zu machen. Denn letztendlich sorgt sie auch dafür, dass ich fokussierter bin. Ich bin mal in einem Jazz-Club in New York gewesen. Auf der Website habe ich später gelesen, dass Beyoncé dort einmal unfreiwillig auf die Bühne geholt worden war und dass sie überredet werden musste, weil sie sehr schüchtern war. Das hat mich beruhigt, denn so wurde mir klar, dass es vollkommen in Ordnung ist, Lampenfieber zu haben und nicht immer im Mittelpunkt stehen zu wollen. Schüchternheit sagt nichts darüber aus, wie gut man im entscheidenden Moment auf der Bühne ist. Mittlerweile genieße ich es sogar richtig, den Schalter ab und zu mal umlegen und da oben jemand anders sein zu können.

Viele Musiker empfinden Deutsch als eine sehr sperrige Sprache. Warum hast du dich musikalisch dennoch für deine Muttersprache entschieden?
Grace: Ganz früher habe ich schon mal versucht, deutsche Songs zu schreiben. Doch es ist mir damals sehr schwergefallen und irgendwann habe ich Englisch als Abkürzung entdeckt. Auf Englisch lassen sich selbst schlimme Gedanken schön formulieren. So musste ich mich nicht mehr so lange mit dem Texten aufhalten und konnte meine Songs schneller singen. Als Max Herre mich dann einlud, ihn auf seine „Hallo Welt“-Tour zu begleiten, habe ich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder auf Deutsch gesungen und prompt ist der Knoten geplatzt. Plötzlich ist mir zu seinem Song „Solang“ eine deutsche Strophe eingefallen. Einfach so. Ich durfte den Song dann jeden Abend mit ihm singen und auf einmal empfand ich die deutsche Sprache gar nicht mehr so sperrig, sondern weich und fließend.

Angst vor Nigeria

Du hast einmal gesagt, du seist zwischen Schlagern und Heimatfilmen aufgewachsen. Was sind deine schönsten Kindheitserinnerungen?
Grace: Ich fand’s immer besonders toll, mit meiner Oma zusammen zu sein. Sie hatte ein Haus in Norddeutschland und war eine richtige Powerfrau. Sie hat nicht nur genäht und gekocht und den Garten gemacht, sondern auch die Wände gefliest, wenn es sein musste. Von ihr habe ich viel gelernt und ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück. Es war ein sehr ruhiger Ort, in dem sie wohnte und ich habe viel Zeit mit ihr in der Natur verbracht. Als Kind war das perfekt, besser als jede Stadt.

Als du zwei Jahre alt warst, ist dein Vater zurück nach Nigeria gegangen und erst beim Video-Dreh zu deinem Song „Papa Kiste“ hast du ihn vor einem halben Jahr wiedergesehen. Wie groß war das Gefühlschaos, das diese Begegnung in dir ausgelöst hat?
Grace: Natürlich war es aufregend, meinen Vater nach so langer Zeit wiederzusehen, doch es war nicht so, wie man es aus „Bitte melde dich“ kennt. Es war unglaublich aufregend für mich, nach Nigeria zu reisen, in diese riesige Stadt, daher habe ich mich vorher bereits intensiv damit auseinandergesetzt. Ich hatte Angst, denn Lagos ist nicht gerade ein sicherer Ort. Im Endeffekt war die neuntägige Reise ein viel längerer Prozess als der Aufenthalt an sich. Wir haben viel gedreht, viel erlebt und ich habe meine Familie getroffen. Das alles habe ich immer noch nicht verarbeitet.

Wie habt ihr euch dort zurechtgefunden?
Grace: Adé Bantu, einer der Mitbegründer der Initiative Brothers Keepers, ist vor sechs Jahren nach Nigeria zurückgegangen. Er hat dort alles für uns geregelt, wir haben bei ihm wohnen dürfen und er hat uns an viele tolle Orte gebracht, die wir ohne ihn nie gefunden hätten. Lagos ist ziemlich rough und kein schöner Ort im eigentlichen Sinne. Doch es gibt dort einige Künstler, die richtige Oasen fernab der Straßen geschaffen haben. Das hat mich sehr beeindruckt.

Wie war es für deine nigerianische Familie, von dir samt Kamera-Team besucht zu werden?
Grace: Die waren vorbereitet. Mein Onkel aus London wollte unbedingt, dass wir dort zusammenkommen. Doch ich war mir bis zum Schluss nicht sicher, mir war das alles zu gefährlich und ich wollte eigentlich nicht. Auf der anderen Seite war es natürlich eine einmalige Gelegenheit und als die Plattenfirma dann auch noch mit im Boot war, habe ich kurzfristig zugesagt. Mein Onkel hat die Familie bezüglich der Kameras und all dem dann vorgewarnt und am Ende war das alles kein Problem.

Rassismus im Bus

In Deutschland ist die Stimmung dank Pegida & Co. seit einiger Zeit deutlich angespannt. Hast du aufgrund deiner afrikanischen Wurzeln Erfahrungen machen müssen, auf die du lieber verzichtet hättest?
Grace: „Geh’ dahin zurück, wo du hergekommen bist“, habe ich mir natürlich auch schon mal von einem Opa im Bus anhören müssen. So was hat mich jedoch nie besonders mitgenommen. Wirklich schlimme Dinge sind mir bisher zum Glück noch nicht passiert. Ich bin immer darauf bedacht, nicht am Thema Rassismus hängenzubleiben, denn für mich ist dieser bloß Teil eines größeren Problems. Wir alle sollten unsere Sichtweisen und Vorurteile hinterfragen, das fängt im Kleinen an. Was sind meine Ideale und wen verurteile ich, bloß weil er diese Ideale nicht erfüllt? Daran muss jeder von uns arbeiten. Ich will mich nicht bloß in irgendeine Rolle begeben und das Rassismus-Thema füttern.

Du hast bei „The Voice of Germany“ in der Backing-Band gesungen und sicher einige Teilnehmer kennengelernt, die alle denselben Traum träumen. Welchen Rat kannst du denen geben, die kurz davor sind, ihren Traum aufzugeben?
Grace: Aufgeben ist vollkommen okay, wenn man das möchte. Aber vielleicht träumen auch gar nicht alle denselben Traum. Denn Träume haben verschiedene Facetten. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, bei einer Casting Show mitzumachen. Denn mir ging es nie darum, vor der Kamera oder super vielen Leuten zu stehen, sondern viel mehr um das Songschreiben und die Musik an sich. Daher hätte mir so eine Show gar nichts gebracht.

 

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