Revolutionäres Mojitotrinken

Myfest 2016: Coretex Bühne in Kreuzberg

Um kaum ein anderes Datum ranken sich so viele Mythen wie um den 1. Mai in Berlin: Mollies, Steine, Bullenschweine, Cocktails, Wurst und müde Beine. Doch wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ein Eventbericht zwischen Kiezfest und Straßenschlacht, Frühlingsschwips und Tränengas, 2016 und 2006.

Zehn Jahre sind seit meinem ersten Myfest-Besuch in Kreuzberg vergangen. Damals war ich erst seit einem halben Jahr in Berlin und noch ziemlich niedlich, um nicht zu sagen komplett naiv. Begriffe wie „Schwarzer Block“ und „Polizeigewalt“ prägten damals zwar meine punkromantische Vorstellung einer „Revolutionären 1. Mai Demonstration“, doch dass es dort tatsächlich gefährlich werden konnte, realisierte ich erst, als ich mich 2006 plötzlich mittendrin befand. Vom Tränengas in die Enge getrieben, suchte ich Schutz in einem Hauseingang, während einen Meter weiter die ersten Flaschen einschlugen. Ich weiß noch, dass die Erdbeerbowle damals schlagartig ihre Wirkung verlor und ich dachte: „Fuck!“

Myfest in Kreuzberg

Berlin For Bernie! Unser zweitliebster Stand - nach dem mit dem Bier.

Berlin For Bernie! Unser zweitliebster Stand – nach dem mit dem Bier.

Als ich mich letztes Wochenende, auf den Tag genau zehn Jahre später, mit einer Freundin auf den Weg nach Kreuzberg machte, müssen es Szenarien wie diese gewesen sein, die sie mit dem 1. Mai in Berlin assoziierte. Denn ich sage mal so: Entspannt sah sie nicht gerade aus. Am Tag zuvor war sie aus unserer gemeinsamen hessischen Kleinstadtheimat angereist, wo man sich am Tag der Arbeit noch mit Freunden auf eine Wiese setzt und Stockbrot ins Feuer hält. Flaschen werden dort ausgetrunken und zurück in die Kiste gestellt. Gibt ja Pfand. Und der Polizei begegnet man höchstens in einer Verkehrskontrolle, der Hass hält sich also in Grenzen. Was es mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Hamburg und Berlin auf sich hat, war auch für mich damals ein einziges Großstadtmysterium, das ich bloß aus dem Fernsehen kannte.

Mein taff-Trauma

Ich habe dich gerade im Fernsehen gesehen“, verkündete meine Mutter vor zehn Jahren am Telefon und sie klang – wie soll man sagen – not amused! „Ein Beitrag von dem Straßenfest, auf dem ich gestern war?“, ich wusste nicht, ob ich die Antwort wirklich hören wollte. „Genau genommen hast du getanzt, während die Vermummten neben dir einen Müllcontainer auf die Straße gezerrt und ihn angezündet haben.“ Sie beschrieb den Moment, in dem es eskaliert war. Kurz darauf hatte ich mich in den nächsten Hauseingang gerettet. Ein paar Meter weiter ging ein Journalist in die Knie und ließ seine Kamera fallen. Das Tränengas hatte ihn direkt im Gesicht getroffen. Flaschen schlugen neben ihm ein. Ich rannte zu ihm herüber, wollte ihn aus der Schusslinie bringen. Im selben Moment stürmte eine Truppe Polizisten den Kessel und einer von ihnen trat mich um. Einfach so, mit einem gezielten Tritt ins Kreuz. Ich landete der Länge nach auf dem Asphalt und hustete in der Wolke Pfefferspray, die sich über alles gelegt hatte. „Ganz Berlin hasst die Polizei!“, schrie die wütende Menge im Chor. Und plötzlich verstand ich warum.

Wurst-Wolken

Polizei am Schlesischen Tor

Polizei am Schlesischen Tor

Die einzigen Rauchwolken, die am vergangenen Sonntag zwischen den Altbaufassaden aufstiegen, rochen nach Bratwürstchen. Eine Tatsache, die meinen Besuch aus der Heimat gleichermaßen überrascht wie erleichtert aussehen ließ. Cocktail-Stände, Live-Musik und Kinder-Schminken: Das war nicht der 1. Mai, den man in Hessen aus dem Fernsehen kannte. Gut gelaunt schlenderten wir die Oranienstraße hinunter und tranken große Schlücke Radler aus ungefährlichen Plastikbechern. Ein wunderbarer Tag zwischen glitzernden Studenten und gut gelaunten Falafel-Verkäufern. Aus Radler wurde Bier, aus einem wurden acht. Erst als nach sechs Stunden unsere schwachen Füße schmerzten, machten wir uns auf den Weg nach Hause. Und dann, gerade als wir das letzte Minzblatt unseres Abschluss-Mojitos durch den gurgelnden Strohhalm saugten, kreuzte die Demo unseren Weg. Meine Freundin erstarrte. Die Polizisten, die die Schlesische Straße abriegelten, scharrten mit den Hufen. Mein Herz schlug höher und eine Ladung Adrenalin schoss durch meinen Körper. „Say it loud and say it clear, refugees are welcome here!“ Ich stimmte mit ein. Ende gut. Alles gut.

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