Wir werden alle sterben!!

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Manchmal stelle ich mir aus Langeweile schlimme Dinge vor. Apokalyptische Szenen und andere Katastrophen. Ich spiele nicht mal eine heldenhafte Rolle in diesen Tagalbträumen, aber es ist ein unglaublich gutes Gefühl, danach einfach tief durchzuatmen und munter weiterleben zu können. Weil es uns gerade nämlich allen ziemlich gut geht.

Letzten Donnerstag befand ich mich mal wieder auf einem Flug von Berlin nach Düsseldorf. Platz 28B. Eingerahmt von zwei Fremden, die links und rechts meine Arme berührten. Ein paar Reihen weiter vorne saß ein älterer Herr mit einem weißen Pferdeschwanz. Wäre die Hälfte seines Deckhaars nicht blau gefärbt gewesen, hätte ich nachgucken müssen, ob es Karl Lagerfeld war, der dort Zeitung las. Doch der farblichen Experimentierfreudigkeit zufolge (ich tippe auf „Midnight Blue“ von Directions), hatte der Mann die Kontrolle über sein Leben bereits verloren, bevor er die Holzklasse betreten hatte. Ich schaute mich um, wer sonst noch mit an Bord war. Schräg hinter mir saß eins dieser allein reisenden Kinder, die ein Schild um den Hals tragen, damit sie nicht verloren gehen (warum auch immer ein Schild sie daran hindern soll). Es war ein Mädchen, das mich mit seiner großen Brille und einem hellblauen Haarreif an „Little Miss Sunshine“ erinnerte. Ich taufte sie Olive und stellte zum Leidwesen ihrer Sitznachbarin fest, dass sie auch mindestens genauso gern redete wie ihre Doppelgängerin. Gerade als ich kurz davor war herauszuhören, was Olive dazu veranlasste, mit ihren zehn Jahren alleine jetzusetten, verlangte eine Stewardess von mir, mich zwischen etwas Süßem und etwas Salzigem zu entscheiden. Trick or Treat?! In solchen Momenten kann man nur verlieren. Ich überlegte eine gefühlte Viertelstunde lang,  um dann auf Kommando die falsche Antwort zu geben: „Schokolade, bitte.“ Fünf Minuten später schielte ich auf den noch vollen Becher Tomatensaft meiner Sitznachbarin, während sich der Schokoriegel in meinem Mund zu einer klebrigen Masse transformierte. Wieso hatte ich mein Wasser bloß wieder vor dem Snack runtergekippt?

Tag(alb)traum

Mit einer Prise Pfeffer garniert, erinnerte mich der Tomatensaft nebenan an einen riesigen Mexikaner und ich spielte kurz mit dem Gedanken, mir einen Drink zu bestellen. Nach einem Blick auf die Uhr – 10:00 Uhr vormittags – verwarf ich diese Idee wieder und fand mich damit ab, dass meine Zunge dank des widerlichen Schokofilms bis zur Landung an meinem Gaumen pappen würde. Um die Zeit zu überbrücken, griff ich auf ein altbewährtes Gedankenspiel zurück: Den tragischen Flugzeugabsturz. Ich weiß, das klingt erst mal nach „nicht alle Tassen im Schrank“, doch aus irgendeinem Grund erwische ich mich auf Reisen öfter dabei, mir Katastrophen auszumalen. Der Hergang des Unglücks spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Triebwerkbrand, Entführung, total egal. Hauptsache, am Ende sind alle tot. Ich fragte mich also, wer von meinen Mitreisenden im Leben etwas anders machen würde, wenn er die Chance hätte, noch einmal mit einem blauen Auge davon zu kommen. Was würde über uns – Karl Lagerblue, Olive und mich – am nächsten Tag in der Zeitung stehen? Welche Geschichten verbargen sich hinter all diesen Menschen? War Olive vielleicht ein Scheidungskind, dass das lange Wochenende beim Vater in Düsseldorf verbringen sollte? Würde sich dieser nach dem Absturz Vorwürfe machen, weil seine kleine Tochter niemals mit einem Schild um den Hals in den Flieger gestiegen wäre, wenn er ihre Mutter nicht mit einer Kollegin aus der Marketing-Abteilung betrogen hätte?

Happy End

Und wen würde der Verlust des Mannes mit dem weiß-blauen Pferdeschwanz treffen? Den Sänger einer Oldie-Coverband, die nun ohne Bassist dastand oder doch eher die Jungs im Schalke-Fanclub? Einmal angefangen „erfuhr“ ich interessante Dinge über meine Mitreisenden. Ich malte mir aus, wie der schlafende Typ neben mir letzte Nacht auf die Tanzfläche eines Touristenclubs in Mitte gekotzt hatte, weil er zuvor schlechtes Koks am Görlitzer Bahnhof gekauft hatte und dass die Frau im Gang gegenüber gerade zum dritten Mal durchrechnete, ob sie sich die Brustvergrößerung bis Ende des Jahres leisten konnte. Der Stewart, der aussah wie Joko Winterscheidt hatte einen schlechten Tag, weil ihm am Abend ein Essen bei seinen Eltern bevorstand, die seit acht Jahren glaubten, dass seine Homosexualität bloß eine Phase sei und dann war da noch ich – die tragische Verlobte, die ihrer Fernbeziehung zum Opfer gefallen war. Ich fragte mich, wo man wohl über mein dramatisches Ableben berichten würde. Komischer Weise war das Erste, was mir in den Sinn kam, ein WAZ-Artikel, der via Facebook geteilt werden würde: „Flugzeugunglück: 31-jährige Essenerin hinterlässt ihren Verlobten und einen flauschigen Hund!“ Darunter würden sich die Kommentare nur so stapeln: Weinende Smileys, R.I.P.-Wünsche, Treibhausgas-Tabellen wütender Umweltschützer, ein verlinkter Artikel („Wie Tiere trauern“) und ein „Du fehlst“-Kommentar von einer Person, die ich vor vier Jahren zuletzt gesehen, aber nicht gegrüßt hatte. Was für eine Scheiße. Dann landeten wir. Ich war mega erleichtert, wünschte Olive beim Aussteigen einen schönen Tag und nickte dem Pferdeschwanzmann zu. Beide schauten mich irritiert an. Ahnungslos, wie glücklich sie sich schätzen konnten.

 

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