Homestory: Mein Friedrichsheim

Ich bin in einer hessischen Kleinstadt namens Frankenberg aufgewachsen. Es gab drei weiterführende Schulen, eine jeder Art, und die Kneipen konnte man damals (noch) an einer Hand abzählen – doch im Laufe der Jahre ist selbst die überflüssig geworden. Schon als Kind träumte ich in meinen Tagebüchern von einem Leben in einer „richtigen Stadt“. Mit 20 folgte ich meinem Bauchgefühl nach Berlin. Eine Liebeserklärung an das Großstadtleben und eine Bitte an alle, die das nicht nachvollziehen können.

Also ich könnte da ja nicht wohnen – viel zu groß.“ Wie oft ich diesen Satz schon hören musste, seit ich vor über zehn Jahren nach Berlin gezogen bin, kriege ich nicht mehr zusammen. Aber mal ganz davon abgesehen, dass diese Aussage unfassbar unhöflich gegenüber jemandem ist, die sich an dem besagten Ort zuhause fühlt und gerne dort lebt – ist es auch eine ziemlich dumme Bemerkung. Was um Himmels Willen stellt ihr euch denn vor? Dass wir hier jeden Tag in einem Radius von 20 Kilometern zwischen Alt- und Plattenbauten umherirren, eine gute Kneipe nie wiederfinden und in den Urlaub fahren müssen, um uns Grasflecken an der Hose zu holen? Ihr habt zuviel Fernsehen geguckt, denn auch wenn es euch enttäuschen wird, ich wohne nicht in einer WG mit den Kindern vom Bahnhof Zoo und Herrn Lehmann.  Als ich 2005 meine erste Wohnung in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain bezogen habe, war das mein erstes eigenes Zuhause. Ich war angekommen – unter hohen Stuckdecken, in der Mauerstadt ohne Grenzen. Nie habe ich mich freier gefühlt und um nichts in der Welt wollte ich Friedrichshain wieder verlassen. Der Stadtteil im ehemaligen Ostberlin hatte sich mein Herz geschnappt. In den ersten Monaten tobte ich mit den anderen Neuankömmlingen durch die weiten Straßen der Stadt mit dem hohen Himmel. Wir probierten verschiedene Kneipen, Spätis und Pizzen aus, bis wir am Ende wussten, wo wir hingehörten. Denn hingegen der wahnwitzigen Vorstellung, täglich Gefahr zu laufen, zwischen den anderen dreieinhalb Millionen Menschen verloren zu gehen, kauft man am Ende des Tages auch hier sein Klopapier im Lieblingssupermarkt um die Ecke und trinkt das erste Bier des Wochenendes meistens in derselben Kneipe. Weil es an dem Tisch in der Ecke so gemütlich ist und man den Barkeeper beim Namen kennt.

Die Berliner Luft – Luft Luft

Berlin Tattoo von Niklas Hecht

Berlin, ich trink‘ auf dich!

Schon wieder Prüfungsphase?„, fragte mich mein Späti-Verkäufer vor Jahren einmal, als ich mir Zigaretten und einen Red Bull-Vorrat vor einem Lernmarathon kaufte. Ich nickte müde und merkte erst zurück am Schreibtisch, dass er mir einen Lutscher zur Aufheiterung eingepackt hatte. Ein anderes Mal schloss mich die türkische Verkäuferin in „meiner Bäckerei“ in die Arme, nachdem ich von einem dreimonatigen Praktikum in einer anderen Stadt zurückgekehrt war. „Da bist du ja, mein Herz“, sagte sie, „ich dachte schon, du bist weggezogen, ohne dich zu verabschieden.“ Das, liebe Heimatmenschen, nennt man Kiez. Im eigenen Kiez kennt man sich, es lebt sich dort wie in einer Kleinstadt – umgeben von einer Großstadt. Man kennt sich und man grüßt sich. Meins ist das Samariterkiez im Friedrichshainer Norden. Und das schon ziemlich lange. Ich habe dort Lieblingsgeschäfte und Stammkneipen, gieße die Balkonpfanzen der Nachbarn, wenn sie im Urlaub sind und habe manchmal nicht mal Lust, zu einem Konzert in den Nachbarstadtteil zu fahren (denn das käme für mich als Frankenbergerin ja einem Ausflug nach Marburg gleich). Doch wenn mich die Lust überkommt, dann stehen mir in dem Speckgürtel meines Kiezes – also im restlichen Berlin – sämtliche Türen offen. Optionen, die mir in der Kleinstadt immer gefehlt haben, denn um genau zu sein, gab es dort keine. Entweder besuchte man die einzige lokale Rockband bei ihrem 26. Auftritt des Jahres oder ließ es bleiben. Alternativen Fehlanzeige. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Grün. „Ich könnte ja nicht in so einer Riesenstadt wohnen – viel zu grau.“ Ich weiß ja nicht, in was für Städten ihr bisher gewesen seid, aber euren Erzählungen nach muss es dort schlimm gewesen sein. Hier in Berlin ist das anders, denn auch wenn es für manche bloß schwer vorstellbar ist: Wir haben Parks. Und zwar viele. In denen treffen wir uns nach Feierabend und schmeißen den Grill an, während überall Hunde und Kinder herumtollen und dutzende Federbälle fliegen. Wir sitzen an der Spree oder am Landwehrkanal und wenn wir richtig gut drauf sind, fahren wir auch mal mit der S-Bahn zu einem der Seen hinaus, wo man sich ein ruhiges Plätzchen in einem Waldstück suchen und ungestört schwimmen kann, wenn man keine Lust auf Strandbad hat.

Home is wherever you want

Am Ende ist Zuhause sowieso immer da, wo die Mama ist.

Am Ende ist Zuhause sowieso immer da, wo die Mama ist.

Weshalb ich euch das alles erzähle? Keine Angst, ich will niemanden von einem Leben in Berlin oder einer anderen Großstadt überzeugen. Im Gegenteil. Wer sich wohl in seiner heimischen Kleinstadt fühlt, sollte unbedingt dort bleiben. Herzlichen Glückwunsch, so ein Schwein muss man erst mal haben, ausgerechnet an dem Ort geboren worden zu sein, den man für den schönsten der Welt hält! Es geht aber nun mal nicht jedem so, also hört auf, anderen ihre Herzensorte schlecht zu reden. Vor allem mit diesen vorurteilsbehafteten Plattitüden. Das ist peinlich. Davon ab komme ich gerne nach Hause, sehr gerne sogar. Ihr müsst mir nicht jedes Mal, wenn ihr mir nach Jahren auf einem Parkplatz über den Weg lauft, die Vorteile eures Kleinstadtlebens aufzählen und betonen, dass ihr es in einer Stadt wie Berlin keine drei Tage aushalten würdet. Ich kenne sie, die Vorzüge, die ihr so gerne anpreist, denn ich habe selbst die Hälfte meines Lebens in eurer Kleinstadt verbracht. Deshalb komme ich auch so gerne zurück. Doch ich erinnere mich auch an die Nachteile, die mich dazu bewogen haben wegzuziehen. Und so egoistisch es klingt, diese Entscheidung hatte nichts mit euch, sondern nur mit mir zu tun, also hört bitte auf, mein Wegziehen als persönliche Beleidigung aufzufassen. Denn ich kann euch versprechen, folgendes werdet ihr mich niemals sagen hören: „Keine Ahnung, wie ihr da leben könnt – viel zu klein und grün alles.

 

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