Meine Karriere beim Fernsehen

Böhmermanns #Verafake hat gerade eine Diskussion über die fragwürdigen Produktionsmethoden des deutschen Privatfernsehens losgetreten. Mit denen durfte auch ich vor einigen Jahren eine kurze Bekanntschaft machen. Eigentlich hatte ich diese Erfahrung längst verdrängt, doch nun habe ich sie noch mal ausgegraben. Es folgt: Mein persönlicher #JuliaLeischikFail.

Schon wieder ein paar Tage her, dass Böhmermann mit #Verafake einen neuen Coup gelandet hat. Ausgerechnet der beliebteste Kandidat der aktuellen Staffel „Schwiegertochter gesucht“ war auf seinem Mist gewachsen. Robin der schüchterne Schildkrötensammler und sein Alkoholiker-Vater René: zwei frei erfundene und maßlos übertrieben konzipierte Charaktere. Doch RTL legte noch ein paar Schüppen drauf („Wir haben da mal ein paar Schildkrötenfiguren mitgebracht.“) und forderte von den beiden grenzdebilen Kandidaten eine Unterschrift, mit der sie bestätigen sollten, entgegen aller Vermutungen nicht geistig behindert zu sein. Klasse! Nach der Ausstrahlung der „Neo Magazin Royale“-Enthüllungsstory feuerte RTL kurzerhand das verantwortliche Team, um ein paar obligatorische Köpfe rollen zu lassen und ging zur Tagesordnung über. Zur Zukunft von Vera Int-Veen äußerte sich der Sender nicht. Wahrscheinlich ist das pausbäckige Grinsen der moppeligen Moderatorin zu vertrauenserweckend, um auf sie verzichten zu können. Umso ungeheuerlicher, dass im Netz tatsächlich erste „Auf dem falschen Fuß erwischt“-Rufe laut werden. Ich meine, ernsthaft?! Wenn das so ist, möchte ich euch gerne davon erzählen, wen ich mal „auf dem falschen Fuß“ erwischt habe.

Privatfernsehen-Prostitution

Zugegeben, meine Geschichte beginnt weit weniger ruhmreich als die von Böhmermann. Denn ich schleuste mich nirgends ein, um die bösen Machenschaften der Privatsender aufzudecken, sondern bewarb mich – wohlgemerkt aus Verzweiflung. Ich hatte mein Journalismus-Studium gerade abgeschlossen und war bereit, die Welt zu erobern. Doch die Welt brauchte mich nicht. Ich drohte sozusagen mit der Printkrise unterzugehen, bevor ich mein erstes Gehalt gesehen hatte. Schon bald bewarb ich mich nicht mehr bloß auf Traumstellen, sondern wahllos auf alles, was den Begriff „Redaktion“ enthielt. Und so fand ich mich schließlich in einem Vorstellungsgespräch bei der Fernsehproduktionsfirma Endemol wieder, um dem Teufel für ein halbjähriges 500 Euro-Praktikum „mit Aussicht auf Übernahme“ meine Seele zu verkaufen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Art Redaktionsassistenz des „Bitte melde dich“-Teams um Julia Leischik. Die Vorgesetzten waren skeptisch aufgrund meiner Arbeitsproben: „Du hast u.a. für die taz und den Tagespiegel geschrieben, kannst du dir überhaupt vorstellen, für Endemol zu arbeiten? Bei uns laufen die Dinge ja schon etwas anders.“ Um ehrlich zu sein, konnte ich mir das nicht vorstellen. Doch ich redete mir ein, es sei bloß eine Zwischenstation und erzählte den Recruitern schließlich irgendeinen Blödsinn von solider Redaktion und großem Entertainment. Noch am selben Nachmittag rief man mich an: Ich hatte den Job.

Dumm gelaufen

Wie ich damals von 500 Euro und dem bisschen, was durch meine freie Schreiberei rumkam, in Köln überleben wollte, ist mir heute nicht mehr ganz klar – doch ich sagte zu. An meinem ersten Tag wurde ich am Empfang des sterilen Gebäudes von der Frau aus dem Vorstellungsgespräch abgeholt und nach oben gebracht. Mein Schreibtisch befand sich im Büro der gescheiterten Träume. Denn bereits nach dem ersten Kaffee erzählten mir meine neuen Kolleginnen, die alle in meinem Alter waren, wie sie zu dem Job gekommen waren und was sie stattdessen lieber täten (PR/ Moderation/ irgendwas mit Schreiben). Doch sie versicherten mir, es sei eine Riesenchance und manchmal würde man sogar Günther Jauch auf dem Flur begegnen. Wow. Wenn das mal nicht der Einstieg ins schillernde Show-Geschäft war. Ich gab mir alle Mühe Begeisterung zu zeigen, während ich es gedanklich erstmals in Erwägung zog, auf 450 Euro Basis bei Netto an der Kasse anzufangen – denn da musste man wenigstens nicht so tun, als hätte man das große Los gezogen. Kurz darauf wurde ich abgeholt, Julia Leischik wollte mich kennenlernen. Die Chefin saß in einem ebenso schmucklosen Büro nebenan. Ihr mondgesichtiges Lächeln stand dem ihrer Kollegin Vera in nichts nach. Ihr Händedruck war feucht. Sie sagte irgendwas wahnsinnig Herzliches („Schön, dass du da bist.“), drückte mir ein fingerdickes Einarbeitungsskript in die Hand und eine Minute später machte ich ihre Tür wieder von außen zu.

Die Familien-Fee

Geil, ein Einarbeitungsskript – das wäre ja auch was, wenn man mit den Praktikanten am Ende noch reden müsste. Wider Erwarten richtete dann doch noch jemand das Wort an mich. Das Skript dürfe ich nicht mit nach Hause nehmen, nur im Beisein meiner Kollegen lesen und nicht abfotografieren. Mein Interesse war geweckt. Ich zog mich also mit dem ominösen Schriftstück an meinen Schreibtisch zurück und staunte nicht schlecht. Dass Julia Leischik die Menschen, die sie stets in einem tränenreichen Akt der Barmherzigkeit zusammenführte nicht selbst suchte – geschenkt! Wozu sonst waren all die Büros mit zahlreichen Redakteuren besetzt, die alle unterschiedliche Fremdsprachen beherrschten? Natürlich waren sie es, die den ganzen Tag am Telefon hingen und das Internet nach leiblichen Müttern, verschollenen Geschwistern und vermissten Schwippschwagern durchforsteten. Julia Leischik selbst kam also immer erst dann ins Spiel, wenn die Arbeit getan war. Ausgestattet mit einer Mappe, die sämtliche Recherche-Ergebnisse ihrer Handlanger enthielt, begab sie sich dann mit ihrem Kamerateam auf Reisen, um das zu tun, was sie am besten konnte: Nämlich auf Deutsch und mit einer furchteinflößenden Fröhlichkeit auf ostbrasilianische Indios und thailändische Passanten einreden, bis sie am Ende vor der richtigen Haustür stand. Bis hierhin hatte ich nichts anderes erwartet. Das änderte sich jedoch, als ich beim Thema Emotionen ankam. Dass die herzliche Familien-Fee beim Showdown einer jeden Sendung gerne Taschentücher verteilte, war kein Geheimnis – dass es jedoch eine Anleitung gab, wie man die ohnehin bemitleidenswerten Menschen zum Weinen brachte, fand ich dann doch etwas befremdlich.

Der Gipfel des Scheißbergs

Besonders der Punkt des Mitweinens ist mir in Erinnerung geblieben. Zeigt man nämlich selbst Emotionen, animiert das den anderen dazu, sämtliche Dämme brechen zu lassen. Ich versuchte mir vorzustellen, was es für mein Karma bedeuten mochte, verzweifelte Menschen für Geld zum Weinen zu bringen – vor laufender Kamera! Mir wurde schlecht. Dabei kam das beste Kapitel erst: Das Adoptionsgeheimnis. Wie ich erfuhr, schützt dieses Gesetz Adoptivfamilien vor Ausforschungen (oder „Recherchen“) Außenstehender (z.B. Endemol). Oder um es mit den Worten des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) §§ 1758 zu sagen: „Tatsachen, die geeignet sind, die Aufnahme und ihre Umstände aufzudecken, dürfen ohne Zustimmung des Annehmenden und des Kindes nicht offenbart oder ausgeforscht werden, es sei denn, dass besondere Gründe des Öffentlichen Interesses dies erfordern.“ Ein Umstand, der die schönste und tränenreichste Suche zunichte machen konnte, noch bevor sie im Fernsehen lief. Im Skript folgten Tipps, wie man diesen Punkt geschickt umschiffen und so am Ende dennoch eine Genehmigung der Adoptionsfamilie erhalten konnte, auch wenn diese zu Beginn noch dagegen war. Das reichte mir an „Einarbeitung“. Ich fuhr nach meinem ersten Tag nach Hause und kam nicht zurück. Denn ich war vielleicht verzweifelt, was meine Jobsituation betraf, doch ich war zum Glück selbst damals nicht bereit, das Leid anderer Menschen als „berufliches Sprungbrett“ zu nutzen. Es hätte mich ohnehin direkt in die Hölle katapultiert. Und ganz ehrlich, Günther Jauch habe ich auch nicht gesehen.

1 Kommentar zu Meine Karriere beim Fernsehen

  1. herrschaftszeiten! ich weiß gar nicht, wieso du diesen tollen job hast sausen lassen 😀 du könntest mittlerweile eine eigene show haben und leiseseufzende liebeshungrige aus ludwigsburg & ruhelose romantiker aus dem rheinland auf kommando heulen lassen… so geht die karriere flöten, liebe durchhalte-diana!

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