Interview: Happy Ruhrpott Rodeo!

Unser Herzensfestival wird dieses Wochenende zehn Jahre alt! Und das soll in Hünxe mit Krachern wie NOFX, Leftöver Crack und Wizo gebührend gefeiert werden. Ich habe Veranstalter und Slime-Drummer Alex Schwers letztes Jahr zuhause besucht und mit ihm über die Arbeit gesprochen, die hinter dem Spektakel steckt. In diesem Sinne: Hut ab vor allen, die uns dieses Knallerwochenende Jahr für Jahr ermöglichen – man sieht sich später vor der Bühne.

Welches war das erste Festival, auf dem du je warst?
Alex:
Mit 17 bin ich mit meinen Kumpels aufs Burg Herzberg Open Air nach Bad Hersfeld gefahren. Das war ein Hippie-Festival mit 10.000 Leuten, wo jeder gemacht hat, was er will. Da gab’s noch LSD an der Pizza-Bude zu kaufen. Das war schon prägend.

Wie viel Zeit steckst du jedes Jahr in die Planung deiner Festivals Punk Im Pott und Ruhrpott Rodeo?
Alex Schwers: Das lässt sich nicht mal annähernd miteinander vergleichen. Das „Punk Im Pott“ mache ich komplett alleine. Beim Ruhrpott Rodeo bin ich hingegen auf viel Unterstützung angewiesen, um alles stemmen zu können. Ich habe zum Beispiel jemanden, der die komplette Logistik übernimmt. Fluchtwege, Zäune, Sanitäranlagen, Stromversorgung und all die technischen Geschichten. Denn die Planung ist eine Sache, die Umsetzung ist jedoch eine ganz andere Herausforderung. Insgesamt verbringen wir für das Rodeo jedes Jahr einen kompletten Monat mit 25 Leuten auf der Wiese.

Was sind die größten Unterschiede bei der Organisation eines Indoor– und der eines Outdoor-Festivals?
Alex: Indoor stellst du ein spannendes Line-Up zusammen, kümmerst dich um die Werbung vorab und maximal noch um die Tonanlage, sofern keine vorhanden ist. Und dann ziehst du für ein paar Tage in der Location ein. Eine Outdoor-Veranstaltung beginnt dagegen jedes Jahr auf einer grünen Wiese im Nichts. Zu allererst muss man jede Menge Anträge stellen. Im Grunde braucht man eine Art Baugenehmigung, als hätte man vor, ein Haus auf die Wiese zu setzen. Um so was muss ich mich bei Punk Im Pott nicht kümmern. Denn die Turbinenhalle hat eine Konzession, die sie dazu berechtigt, Konzerte zu veranstalten. Beim Ruhrpott Rodeo müssen wir uns mit jedem Mal aufs Neue um Dinge wie Fluchtwege und kümmern und die nötigen Genehmigungen einholen.

Ohne Moos nix los

Mit meiner Crew beim Rodeo 2014

Mit meiner Crew beim Rodeo 2014

Das Ruhrpott Rodeo ist über die Jahre sehr groß geworden. War es schwer, sich mit der steigenden Verantwortung den Spaß an der Sache zu bewahren?
Alex: Ich stehe immer mal wieder an einem Punkt, an dem ich überlege, wie es weitergehen soll. Ständiges Wachstum will man ja auch nicht. Dafür bin ich auch gar nicht der Typ, ich habe nämlich eigentlich ganz gerne meine Ruhe. Aber es ist natürlich eine Herausforderung, diese oder jene Band zu bekommen. Bekommt man sie dann, kickt das die Sache nach vorne und so kommt eins zum anderen. Beim Rodeo gab es bisher ein bis zwei Jahre, mit denen wir einen großen Sprung gemacht haben, danach ist es aber auch wieder zurückgegangen.

Was waren bisher deine Highlights?
Alex: 2014 war ziemlich fett. Es lief vom Booking bis zum Wetter ziemlich rund. Und auch das Publikum war schön durchmischt. Das mag ich lieber, als wenn alle bloß zurückgezogen in ihrer Szene rumhängen. Und 2010 war ein besonderes Jahr. Das erste mit Slime und Wizo, damals hat es sich mit 6500 Besuchern riesig für mich angefühlt. Dabei war es im Nachhinein ein finanzieller Flop. Wir hatten zum ersten Mal mit diesen Genehmigungen und Anträgen zu tun und obwohl das Wetter super war und wir so viele Besucher wie nie zuvor da hatten, haben wir am Ende blöd aus der Röhre geguckt.

Was sind die größten Kostenpunkte bei einem Festival und was die größten Einnahmen?
Alex: Der größte Kostenpunkt setzt sich aus den Band-Gagen zusammen. Aber natürlich ist es damit nicht getan, denn unterm Strich machen die Gagen bei einem Outdoor-Festival vielleicht 40% der Gesamtkosten aus. Der zweitgrößte Kostenfaktor ist die Security. In der Spitzenzeit laufen 120 von denen auf dem Gelände herum. Da kommt schon was zusammen. Die größten Einnahmen erzielen wir durch die Eintrittskarten, gefolgt von der Gastronomie. Allein durch die Tickets sind wir noch nie ins Plus gekommen, die Gastronomie ist daher überlebenswichtig für uns. Umso wichtiger, dass das Wetter mitspielt. Denn wenn es pisst, kommt es in der Gastro zu großen Einnahmeeinbußen, weil die Leute lieber auf dem Campingplatz abhängen. Dazu kommt, dass auch die Tageskasse bei Regen nicht läuft, weil viele spontan zuhause bleiben. Fährt sich beim Aufbau dann auch noch ein LKW fest, ist am Ende auch noch die Wiese im Arsch. Also müssen wir zig dieser teuren Bodenplatten auslegen. Wetter törnt echt ab.

Business Punk

Dixie-Klo, Dixie-Klo, ja, das macht die Punker froh!

Dixie-Klo, Dixie-Klo, ja, das macht die Punker froh!

Stichwort Szene-Polizei: Hast du den Punkrock verkauft?
Alex: Sobald du etwas öffentlich machst, wirst du immer jemanden gegen dich aufbringen. Das ist einfach so. Ehrlich gesagt ist mir das total egal. Ich bin dem Punkrock sehr verbunden und die Werte dieser Subkultur liegen mir am Herzen. Ich bin kein Unternehmer und verfolge keine Gewinnmaximierung in einer Branche namens „Punkrock“. Wir sind ein Familienbetrieb. Das Ganze ist langsam gewachsen, wir werden nicht reich damit, sondern sind froh, wenn es gut läuft. Und daher kann ich mir eine Kritik von jemandem, der selbst in keiner Weise wirtschaftlich tätig ist, nicht zu Herzen nehmen. Denn wenn dann jemand ohne jeglichen Bezug auf den Platz kommt und anfängt rumzupöbeln, weil ein Bier 2,50 Euro kostet… Dann lebt er offenbar eine andere Form des Punkrock und soll von mir aus zuhause bleiben. Was will man da erklären? Ich finde es ja nicht mal unsympathisch, wenn mir ein Sechzehnjähriger so kommt. Doch ab einem gewissen Alter sollte man vielleicht einfach mal nachdenken, bevor man etwas sagt. Ich finde es schade, wie viel Energie von Punks aufgebracht wird, um Feindbilder auszumachen, die keine sind. Es bringt doch nichts, den ganzen Tag das Haar in der Suppe zu suchen.

Wo wir gerade bei Vorurteilen sind, was ist der größte Irrglaube, den die Leute in Bezug auf deinen Job haben?
Alex: Es gibt wahrscheinlich einige, die glauben, dass ich mir auf meinen Festivals drei Tage lang den Arsch zusaufe und nur Party mache. Das ist leider nicht so. Andere haben die wahnwitzige Vorstellung, dass wir hier in loftartigen Büroräumen sitzen und ein Stab von Sekretärinnen alles für mich regelt. Auch das muss ich leider verneinen. Trotzdem genieße ich es jedes Mal total. Klar, wenn die Chancen gut stehen, dass wir nicht mit roten Zahlen aussteigen, gelingt mir das besser als in Jahren, in denen wir auf den Kosten sitzenzubleiben drohen. Aber meistens macht es wirklich Spaß.

Was passiert, wenn ihr mit roten Zahlen aussteigt – wie fangt ihr das auf?
Alex: Beim ersten Mal 2007 haben wir richtig in die Scheiße gegriffen. Es war zwar noch alles sehr klein, doch es hat zwei Tage durchgeregnet und am Ende mussten wir unsere privaten Konten leerräumen und den Urlaub ausfallen lassen, um einigermaßen heile aus der Nummer rauszukommen. Uns war aber klar, dass man einen langen Atem braucht, wenn man so etwas aufziehen will. Später gab es dann auch noch mal ne Nullrunde. Und 2010 mussten wir unser Minus mit ins nächste Jahr nehmen. Macht dann natürlich keinen Spaß, mit dem Verkauf der ersten 500 Karten erst mal die Vorjahresschulden zu bezahlen. In dem Fall kann man bloß hoffen, dass es im Folgejahr wieder besser läuft und kein Schneeballeffekt daraus entsteht. Denn dann wäre es gelaufen. Die Karten werden jedes Jahr neu gemischt.

Beruf-ung

Treffpunkt Ruhrpott Rodeo, hier mit unserem alten Kumpel Jacho von der Terrorgruppe

Treffpunkt Ruhrpott Rodeo, hier mit unserem alten Kumpel Jacho von der Terrorgruppe

Wie viele Bands schreiben dich an, die auf dem „Ruhrpott Rodeo“ spielen wollen?
Alex: Pro Festival bekomme ich ca. 300-400 Anfragen von unbekannten Bands, denen ich fast allen schweren Herzens absagen muss. Ich kenne die Situation ja auch aus Musiker-Sicht und es tut mir wirklich oft sehr leid. Doch am Ende muss ich gucken, dass die 50 Bands, die ich buche, auch Leute ziehen.

Du selbst hast geschafft, wovon viele andere träumen und deine Hobbies zum Beruf gemacht. Wie fühlt sich das an?
Alex: Für mich fühlt sich das alles überhaupt nicht beruflich an. Wenn ich zum Beispiel privat auf ein Konzert gehe, quatsche ich auch oft den ganzen Abend über das Ruhrpott Rodeo. Das lässt sich schwer trennen. Mit der Musik ist es dasselbe. Du kannst eine Band nicht plötzlich zu einem Beruf stilisieren, das geht einfach nicht. So gesehen habe ich einfach großes Glück, mein Ding machen zu können.

Festivals oder selbst Musik machen?
Alex: Ich könnte damit leben, keine Festivals mehr zu veranstalten. Aber ich könnte niemals aufhören, Musik zu machen.

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