Silbermond: Aktiv gegen Nazis

In Zeiten von AfD, Pegida & Co. sind Vertreter rechten Gedankenguts längst nicht mehr nur am Rande unserer Gesellschaft zu finden – ihre Gegner glücklicherweise auch nicht. Weshalb also immer nur mit Musikern aus der Punkrock-Szene über das Thema sprechen? Silbermond gehören zu den erfolgreichsten Pop-Bands Deutschlands. Gegen Nazis engagieren sich die gebürtigen Bautzener bereits seit ihrer Gründung 1998. Ich habe Stefanie Kloß und Andreas Nowak in Berlin getroffen und mit ihnen über Rechtsradikalismus, Ängste und Haltung geredet.

Euer aktuelles Album heißt „Leichtes Gepäck“. Wovon musstet ihr euch befreien?
Nowi: Man muss immer wissen, was einem als Person und als Band wichtig ist und wenn nötig, muss man sich trennen – sowohl von Gewohnheiten als auch von materiellen Dingen. Denn gerade letztere nehmen uns seelisch oft mehr ein als uns gut tut.
Stefanie: Irgendwann saßen wir da und dachten: „Wir waren doch mal Schlagzeuger, Bassist, Gitarrist und Sängerin – was machen wir denn hier?“ Wir fanden uns in einer festgefahrenen Situation wieder, in der die Musik in den Hintergrund gerückt war und wir dauernd Entscheidungen treffen mussten, die nichts mehr mit dem zu tun hatten, weshalb wir einmal anfangen haben. Das hat uns als Band ausgebremst, und wir mussten uns entscheiden, ob wir aufhören oder den schmerzhafteren Weg gehen, und uns unseren Problemen stellen. Wir haben uns für letzteren entschieden, was nicht leicht war. Es war eine Zeit, in der viel Wein und Pizza nötig waren, um weitermachen zu können.

Wie begegnen euch die Leute, wenn ihr zurück nach Hause fahrt?
Nowi: Natürlich werden wir in Bautzen auch schon mal von fremden Leuten beim Bäcker begrüßt, „Coole Platte“ oder manchmal auch „Gefällt mir gar nicht“. Wir sind gerne dort und es ist schön, dass zu unseren Konzerten dort oft auch Leute aus Bayern, Hessen und sonst woher anreisen, die Bautzen sonst nie kennengelernt hätten.
Stefanie: Mir passiert es öfter, dass irgendwelche Leute von früher erzählen, sie würden mich kennen. Meine Schwester will mir dann manchmal auf die Sprünge helfen, wenn ich die Leute nicht zuordnen kann: „Na das ist doch die Soundso, die ist mit dir in eine Klasse gegangen.“ Ich denke mir dann immer: Wenn ich mich nicht an diese Person erinnern kann, hat sie definitiv nicht neben mir gesessen.

Laut gegen Nazis

Steffi, was war die größte Herausforderung für dich, als du letztes Jahr als Jury-Mitglied bei „The Voice of Germany“ eingestiegen bist?
Stefanie: Das sieht so easy aus, in diesem roten Sessel zu sitzen und zu allem seinen Senf dazuzugeben. Aber ich war extrem nervös vor der ersten Sendung. Ich hatte noch nie zuvor so eng mit Musikern zusammen gearbeitet, die nicht meine Jungs waren. Und plötzlich saß ich da mit diesen ganzen Typen, alles Frontmänner, und ich dachte mir: „Meine Jungs sind irgendwie nicht so laut und drängen sich nicht dauernd in den Vordergrund.“ Ich hatte überhaut keinen Bock darauf, die ganze Zeit mitzugackern – ein Scherz hier, ein cooler Prollspruch da – und so musste ich erst mal herausfinden, welche Rolle ich in der ganzen Sache einnehmen wollte. Davon ab war es auch so eine Herausforderung, denn Fernsehen funktioniert ganz anders als alles, was ich bisher gemacht habe. Das ist schon krass für mich gewesen, den Mut aufzubringen, zu reden, wenn alle Augen auf mich gerichtet waren und dabei nicht nur Quatsch von mir zu geben.

In den Punkrockkreisen aus denen ich komme, gehört es zum guten Ton, sich gegen Nazis auszusprechen, während in der Popmusik zu solchen Themen lieber geschwiegen wird. Bei euch ist das anders, ihr engagiert euch bereits seit Jahren für „Laut Gegen Nazis“. Warum?
Nowi: Wir haben das von der ersten Platte an gemacht. In Bautzen hat es oft rechte Aufmärsche gegeben und da war es uns als junge Band ein regelrechtes Bedürfnis, bei den Gegenveranstaltungen zu spielen. In unseren Familien ist das Gedankengut ein ganz anderes. Wir fanden es furchtbar, dass Rechte so viel Platz bekommen, daher haben wir früh damit angefangen, Stellung zu beziehen. Später kam die Zusammenarbeit mit „Laut Gegen Nazis“ dazu und wir haben viele gemeinsame Aktionen gestartet. Uns ist das schon immer sehr wichtig gewesen.
Stefanie: Ich will auch, dass die Leute wissen, was hinter unserer Musik steckt. Viele denken sich wahrscheinlich (fängt an zu sächseln): „Ach Silbermond tut mir immer so gut bei Liebeskummer, die schreiben so schöne Schmonzetten.“ Aber da stecken ja echte Menschen dahinter, also wir! Wir machen uns Gedanken zu Dingen, die in der Welt passieren. Das war damals mit 18 schon so, und daran hat sich auch mit über 30 nichts geändert. Es ist mir einfach wichtig, dass die Leute wissen, was das für Menschen sind, die da vorne auf der Bühne stehen. Danach kann dann jeder für sich entscheiden, ob er noch zu unseren Konzerten kommen möchte oder nicht.

Refugees Welcome – Basta!

Kommt es vor, dass eure Fans darüber diskutieren wollen?
Stefanie: Es gibt ein paar Grundsätzlichkeiten im Leben, über die ich nicht diskutiere. Und wenn es um Menschlichkeit geht, weil Leute, die verzweifelt sind und um ihr Leben fürchten, bei uns vor der Tür stehen, dann können wir nicht erst drei Jahre lang den Kriegsursachen auf den Grund gehen – dann müssen wir handeln. Jetzt gerade ist es wichtig, dass wir Prioritäten setzen, dass wir denen helfen, die in Not sind. Und erst dann können wir in Ruhe analysieren, um daraus zu lernen. Mir ist total wurscht, ob und wie sich andere Bands dazu äußern, das muss jeder für sich selbst entscheiden, doch wir wollen unsere Präsenz in der Öffentlichkeit dazu nutzen, die Menschen da draußen darauf aufmerksam zu machen, dass da draußen gerade Dinge passieren, bei denen es wichtig ist, dass wir alle an einem Strang ziehen.

Viele Prominente, die öffentlich Stellung beziehen, werden in den sozialen Netzwerken angefeindet. Welche Erfahrungen habt ihr dahingehend gemacht?
Stefanie: Wenn man sich zu einem solchen Thema äußert, ist es schwer, das nur in einem Satz zu tun. Journalisten studieren jahrelang, um die Geschichte der Religionen in einen Zusammenhang mit vergangenen Kriegen, aktuellen Konflikten und weltweiter Politik zu bringen. Und dann gibt es Menschen, die von uns erwarten, dass wir mal eben einen Dreiminutenzwanzig-Song zur aktuellen weltpolitischen Lage schreiben. Das ist einfach nicht möglich, also tun wir, was wir können. Und wenn es nur ein Facebook-Post mit einem „Refugees Welcome“-Bild ist. Natürlich springen immer ein paar Idioten drauf an, die drunter schreiben: „Die können doch jetzt nicht einfach alle herkommen, das geht doch nicht…“ Klar, dabei gibt es viele Facetten zu berücksichtigen, doch in dem Moment, wenn wir so etwas posten, ist das ein Statement, über das wir nicht diskutieren wollen.

Machtlose Radikale

Macht ihr es euch so nicht etwas einfach?
Stefanie: Selbstverständlich reden wir mit Leuten, die persönlich auf uns zukommen, dann erklären wir unseren Standpunkt sogar sehr gerne. Doch die Kommentar-Funktion unter einem Facebook-Post ist einfach nicht der richtige Ort dafür. Davon ab gibt es Menschen, mit denen lohnt es sich mehr, über solche Dinge zu reden und mit anderen eben weniger. Viele von letzteren stehen im Netz nicht mal zu sich und ihrer Meinung. Ich habe mir einige Profile angeschaut, weil ich wissen wollte, wer hinter dem einen oder anderen fragwürdigen Kommentar steckte. Doch die meisten davon hatten offensichtliche Fake-Namen und nicht mal ein Profilbild.

Es ist noch nicht lange her, da wurde in eurer Heimatstadt Bautzen eine geplante Flüchtlingsunterkunft angezündet. Wie erklärt ihr euch den Fremdenhass, der besonders in den östlichen Bundesländern immer drastischere Formen annimmt?
Nowi: Das ist eine sehr komplexe Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt. Ich glaube jedoch, dass das Thema „Entmündigung“ eine große Rolle spielt. Viele Menschen in den neuen Bundesländern haben im DDR-Regime noch am eigenen Leib erfahren, wie es ist, der Freiheit beraubt zu werden und fremdbestimmt zu sein. Das steckt noch in den Köpfen drin und wurde auch an die nächste Generation weitergegeben. Vielleicht spiegelt sich in der aktuellen Situation einfach ein Gefühl der Machtlosigkeit in ihnen wider. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch der Grund für „radikales Wählen“ ist – der Wunsch, mitentscheiden und sich bemerkbar machen zu können. Ob das der einzige Grund dafür ist, dass wir in Sachsen und anderen Bundesländern im Osten ein Problem mit Rechtsradikalismus haben, kann ich nicht beurteilen. Es kommen ja auch Menschen aus München, Köln und Hamburg angereist, um in Dresden mitzumarschieren. Ich glaube dennoch, dass die DDR-Vergangenheit eine Rolle spielt.
Stefanie: Ich bin immer dafür, genauer hinzuschauen. Viele Leute fangen in Zeiten wie diesen an, alle über einen Kamm zu scheren, doch auch das ist gefährlich. Nicht alle Sachsen sind rechts und nicht alle Leute, die auf die Straße gehen, sind Radikale. So einfach kann man es sich leider nicht machen, denn zwischen Schwarz und Weiß befinden sich unzählige Graustufen. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, denen das, was sie in den Nachrichten sehen, eine wahnsinnige Angst bereitet, weil sie nicht wissen, wo das alles hinführt. Vielleicht haben sie einfach nicht das Wissen, das wir haben. Vielleicht hatten sie nie einen Ansprechpartner, der ihnen dieses Wissen vermitteln konnte und nun sind sie enttäuscht von den überforderten Politikern, die nicht wissen, wie sie mit der Lage umgehen sollen.

Die Angst der Rechten

Wie können wir diese Menschen abholen?
Stefanie: Ich bin dafür, diesen Ängsten offen entgegenzutreten. Denn natürlich ist es nicht falsch, Angst zu haben. Es gibt bloß falsche Möglichkeiten, auf Angst zu reagieren. Manche Menschen wissen sich vor lauter Angst vielleicht einfach nicht zu helfen und schließen sich den falschen Leuten an, weil sie glauben, in der Gruppe stärker zu sein. Die traurige Wahrheit ist, dass es Leute, die sich aus Angst auf die falsche Seite schlagen, mittlerweile nicht mehr nur im Osten sondern in ganz Deutschland gibt. Daher müssen wir die Augen offen halten und uns immer zwingen, genau hinzusehen.
Nowi: Das Schlimmste ist, dass gerade wieder eine Religion herhalten muss, um den angestauten Unmut abzubauen. Das hatten wir in Deutschland schon einmal, und wir wissen alle wie das ausgegangen ist.

Was wollt ihr den Menschen da draußen mit auf den Weg geben?
Nowi: Wichtig ist, dass wir uns alle immer wieder fragen, was uns wichtig ist. Viele sind gebeutelt von den Medien, die ihnen implizieren wollen, was richtig und was falsch ist. Oft werden Ängste regelrecht geschürt, daher sollten wir uns immer die Zeit nehmen, alles was wir lesen und im Fernsehen sehen zu hinterfragen. Denn das mulmige Gefühl, dass uns bei manchen Meldungen beschleicht, ist oft vollkommen unbegründet. Und wenn wir das erkennen, lebt es sich meist viel leichter. Und schöner.
Mehr Infos zum aktuellen Engagement von Silbermond findet ihr hier:
cultures-interactive.de

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