Schulterblick: Ein Jahr im Exil

Hallo Essen, ich bin zurück. Eineinhalb Wochen schon. Und obwohl meine Umzugskartons noch vollgepackt in der Ecke stehen, bin ich schon wieder mittendrin – in meinem alten Leben. Der Hund schlägt keine Saltos mehr, wenn ich abends von der Arbeit komme und wir sind wieder dazu übergegangen, über das Fernsehprogramm und das Abendessen zu diskutieren – wie es normale Paare tun. Das vergangene Jahr in Berlin gleicht einem etwas zu realistischen Traum, den man nach dem Aufwachen noch eine Weile mit sich herumträgt. Und obwohl es sich manchmal so anfühlt, als sei ich nie weg gewesen, war die Zeit in meiner weit entfernten Lieblingsstadt auf unzählige Weisen sehr wichtig – und das nicht bloß aus beruflicher Sicht. Zeit, mich bei ein paar besonderen Menschen zu bedanken.

Als ich Berlin 2011 nach sieben Jahren verließ, um meine Masterarbeit im heimischen Kinderzimmer zu schreiben, dachte ich, ich käme zurück. Doch dann kam mir unplanmäßig die Große Liebe dazwischen und eh ich mich versah, fand ich mich in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Essen wieder. Ich hatte damals Lust auf was Neues, fand es spannend, zu meinen Ruhrgebietswurzeln zurückzukehren und war verknallt wie ein Teenager. Doch gleichzeitig vermisste ich meine Freunde, meine Kneipen, meinen Kiez und schon bald nagte das Berlinweh mit fauligem Mundgeruch an mir. Mit der Zeit wurde es weniger, doch ganz aufgehört hat es nie. Daher musste ich nicht lange überlegen, als nach drei Jahren das Jobangebot aus Kreuzberg kam. Leicht fiel mir trotzdem nicht zurückzugehen. Die Fernbeziehung, der neue Job in einer großen Agentur, die ungewisse Zukunft – das alles machte mir Angst. Dabei hatte ich dazu gar keinen Grund, denn ich war die ganze Zeit über von unfassbar tollen Menschen umgeben, die meine Rückkehr auf Zeit zu einem unvergesslichen Lebensabschnitt gemacht haben, den ich nicht mehr missen möchte.

Ein Stück Heimat

Im Grunde lief es so wie immer, wenn sich mir eine entscheidende Chance bietet – nämlich Hals über Kopf. So musste ich den neuen Job in meiner über 500 Kilometer entfernten Ex-Heimat bereits zwei Wochen nach Vorstellungsgespräch antreten. In der Zeit eine bezahlbare Wohnung aus der Ferne zu finden: unmöglich. Doch ehe ich an der Situation verzweifeln konnte, empfing mich eine alte Freundin mit offenen Armen und richtete mir ein Gästezimmer in ihrem Zuhause ein. Fast 20 Jahre nachdem wir in der hessischen Heimat zusammen Volleyball gespielt und uns anschließend aus den Augen verloren hatten, zog ich bei ihr ein. Von da an wurde ich morgens von ihren Zwillingen geweckt, wenn sie bei wilden Bobby Car-Manövern versuchten, meine Tür zu durchbrechen und freute mich, wenn sie zum Kuscheln in mein Bett krabbelten. Meine alte Volleyballfreundin war da, wenn ich abends überfordert nach Hause kam und all die neuen Eindrücke und Überstunden verarbeiten musste. Sie kochte mir Hühnerbrühe, als ich im Fieberwahn ihre Laken durchschwitzte und sie löffelte mit mir aus einem Ben & Jerry’s-Eimer, während wir uns zum Entsetzen ihres Liebsten nach Feierabend  „The Voice“ reinzogen. Liebe Midori, ohne dich und deine Bande wären diese ersten Wochen so viel härter gewesen. Danke für ein Stück Zuhause. Deine Mila.

Agenturleben

Ich will euch keinen Scheiß erzählen, mehr Vorurteile hätte ich nicht haben können, als ich meinen ersten Arbeitstag in der Agentur antrat. Einige davon wurden bestätigt, andere nicht. Fangen wir mit den Agentur-Wahrheiten an: Ja, es geht wahnsinnig hip in solchen Läden zu. Dank eines exorbitanten Anglizismengebrauchs versteht man zunächst kein Wort und obwohl alles super entspannt und kreativ aussieht, handelt es sich in Wahrheit um einen Haufen wahnsinniger Arbeitssüchtiger, die selbst ihren Feierabend im agentureigenen Bällchenbad verbringen. Kein Witz. Doch viel mehr überraschten mich die Nicht-Wahrheiten: Denn selbst nach zwei Wochen hatte ich noch keine Koks-Reste auf dem Klodeckel gefunden. Nie rastete jemand aus, weil er seit vierzehn Tagen nicht geschlafen hatte und die Kollegen waren nicht die egozentrischen Karriereaffen, die ich erwartet hatte. Die meisten jedenfalls. Stattdessen wurden mir die herzlichsten Menschen zur Seite gestellt, die ich mir hätte wünschen können. Wir haben uns gegenseitig unterstützt wo es nur ging, fast täglich voneinander gelernt und uns wenn nötig auch gegenseitig die schmerzenden Herzchen ausgeschüttet. Der Kollege, mit dem ich die Redaktion erst aufbaute und später leitete, wurde zu meinem Partner in Crime. Wir waren nicht bloß ein Team, wir waren DAS Team und bald darauf gute Freunde. Ohne ihn und die anderen hätte ich das nicht geschafft. Ihr wart mein Antrieb, um nach einem Wochenende in Essen wieder in den Flieger zu steigen. Ihr alle: Die Rätselkönigin, der Whiskeymann, meine Blogger-Schwester im Geiste, Lady Trash-TV, der Kaffeeschokoladenmann, meine Souffleuse, das Cheerleader-Girl, meine nölende Refused-Begleitung, die schönste Projektmanagerin im Haus und natürlich mein zu Unrecht gefeuerter Partner in Crime. Ein ziemlicher Hammer, dass ich euch kennenlernen durfte und behalten darf.

Best Friends Forever

Und dann wären da noch die Menschen, ohne die ich Berlin nie vermisst hätte und ohne die ich wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, dorthin zurückzugehen. Meine BFFs. Drei Jahre in Essen hatten nichts geändert: Sie waren da, wenn ich sie brauchte und jetzt liebe ich sie noch mehr. Sie opferten ihre Wochenenden, um meine neue Wohnung stundenlang mit der Bohrmaschine zu bearbeiten und sperrige Möbel in winzige Aufzüge zu quetschen. Ich lachte über die winzigen Patschehändchen ihrer niedlichen Babies und wir schlugen uns ganze Nächte mit cineastischen Meisterwerken wie „Eine wie keine“ und „Titanic“ um die Ohren. Wir betranken uns auf meinem Küchenfußboden und kauften Plattenläden leer, dann tanzten wir von einem Konzert zum anderen. Ich brachte künftige Brautjungfern zum Weinen und brach dann selbst bei einer guten Nachricht in einer Pizzeria in Tränen aus. Wir haben jede Minute genossen und sind uns näher denn je. Ihr seid die Freundschaftsliebe meines Lebens: Miss Missy, die Frisch-Verlobten, mein Gin- und Platten-Buddy, die Panino-Züchter, Mallorca-Girl, die Kita-Gründer und die schönen Schöneberger. Kommt mich bald besuchen. Es war mir ein Fest.

 

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