Überflüssig: „Seltsamageddon“

Sie nennen sich selbst die kleinste Band der Welt und machen bereits seit 1996 zusammen Musik: Gerade hat das Fun-Punk-Duo Überflüssig aus Herne mit „Seltsamageddon“ sein achtes Album herausgebracht. Höchste Zeit, sich die Ruhrpott-Nachbarn mal etwas genauer anzusehen. Denn wer seinem Bandvorhaben 20 Jahre lang treu bleibt, hat definitiv etwas Aufmerksamkeit verdient.

Sagen wir mal so, hätte ich die Band mit 15 entdeckt, hätte ich Songs wie „Wo bist Du?“ und „Wandelnder Wald“ wahrscheinlich ziemlich abgefeiert. Lustige Melodien und Kinderreime, die an Die Ärzte von damals erinnern und sich im Partykeller der Eltern bestimmt prima mitgrölen lassen, sobald der Apfelkorn die ersten Runden macht. Aus heutiger Sicht dürfte es inhaltlich für meinen Geschmack jedoch ruhig etwas mehr in die Tiefe gehen. Denn die schlagerpunkigen Refrains sorgen bei mir, mit über 30, nur noch bedingt für Begeisterung und auch ihre Liebe zum Fußball kann ich nicht teilen. Doch da ich auch gar nicht zur Zielgruppe der beiden „Happy Punker“ zähle, möchte ich diese Geschmacksfragen gar nicht weiter vertiefen, sondern auf einen anderen Punkt eingehen.

Ist das noch Punk?

Die Frage, ob dieses oder jenes noch Punk ist, ist so alt wie die Subkultur selbst. Chlorexhose oder Nietenjacke? Sex Pistols oder Slime? Anarchie oder politisches Engagement? Eine Band wie Überflüssig wird sich der großen Berechtigungsfrage mit Sicherheit öfter stellen müssen, dabei sind Joscha und Makke auf ihre Art mehr Punkrock als so manche der aktuell gehypten Newcomerbands. Denn ein 20-jähriges Bandjubiläum muss man erst einmal erreichen. 1996 wurden wahrscheinlich mehrere hundert Punkformationen gegründet, von denen es die meisten nicht mal zur zweiten Probe geschafft haben. „2016 – und wir sind immer noch hier und das nach feinster Spaß-Manier“, verkündet das Duo auf der neuen Platte. Und auf genau diesen Fakt können die beiden stolz sein.

Do! It! Yourself!

Wie viel Spaß die beiden tatsächlich an ihrer Musik haben, ist ihnen in ihren D.I.Y.-Videos deutlich anzusehen. Und am Ende sind es Bands wie Überflüssig, die den Nachwuchs animieren, selbst zur Gitarre zu greifen. Denn sie zeigen, dass man Punk nicht neu erfinden muss, um eine eigene Band zu gründen und dass zwei Instrumente und ein Smartphone ausreichen, um ein eigenes Musikvideo zu basteln. Das Ergebnis muss weder der Punkerpresse noch den selbsternannten Experten gefallen. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass es in Herne zwei Typen gibt, die auf der richtigen Seite stehen und nie das Interesse an Punkrock verloren haben. Und wenn sie es schaffen, dass auf irgendeiner Teenie-Kellerparty da draußen demnächst der „Anti-Fascho-Song“ statt FreiWild gegrölt wird, dann stellt sich mir nach einer Daseinsberechtigung dieser Band keine Frage. Weitermachen! Weiterlachen!

 

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