Freundinnenzeit auf Mallorca

Gut ein halbes Jahr nachdem eine meiner liebsten Freundinnen nach Mallorca gezogen ist, bin ich vor ein paar Wochen selbst in Palma aus dem Flieger gestiegen. Ich war müde und ausgebrannt und alles was ich wollte, waren weingeschwängerte Mädchengespräche und Tapas. Doch ich bekam soviel mehr als das – nämlich eine wunderbare Zeit mit einem wunderbaren Menschen auf einer wunderbaren Insel. Tagebucheinträge einer glücklichen Woche.

Tag 1: Si, fliegen!

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Und plötzlich war es Urlaub.

Erst im Landeanflug auf die Insel realisierte ich, dass ich nicht bloß Sabrina, sondern auch einen Urlaubsort besuchen würde, wie er im Reisekatalog steht. Unter mir erhob sich eine bergige Landschaft aus dem tiefblauen Meer, die Wasseroberfläche kräuselte sich in weißen Schaumkrönchen vor der Steilküste. Nach einem Jahr Fernbeziehung hatte ich vergessen, dass Flugzeuge einen – anders als Busse und Bahnen – nicht bloß von A nach B, sondern auch in den Urlaub bringen konnten. Beim Betreten des Flughafengebäudes von Palma traf es mich mit voller Wucht: ein längst verblasstes Feriengefühl, wie ich es aus meiner Kindheit kannte. Ich weiß nicht, ob es an dem typischen mediterranen Geruch nach Chlorreinigungsmitteln oder an den braungebrannten Rentnern lag, die mir entgegenkamen, doch plötzlich kribbelte mir die Vorfreude im Bauch. Plaça d’Espanya por favor“, verkündete ich wenige Minuten später beim Betreten des Airport-Shuttles – stolz darauf, immerhin einen Satz mehr als die meisten VOX-Auswanderer in der Landessprache von mir geben zu können. Kurz darauf flogen Palmen und Strandbars an meinem Busfenster vorbei. Der Himmel war blau und der triste Arbeitsalltag zuhause auf einmal ganz weit weg. Als Sabrina mich schließlich in ihrem gelben Sommerkleid in die Arme schloss, fühlte ich mich seltsam fehl am Platz in meinem farblosen Pullover. Palma ist kein Ort für graue Baumwolle. Mallorcas Hauptstadt ist ein Ort für die leuchtenden Farben einer Colorwaschmittel-Werbung. Sabrina und ihre Männer (einer Mensch, einer Mops) leben stilecht: mit spanischen Fliesen, einem schmiedeeisernen Balkon-Geländer und einer Wäscheleine vor dem Fenster. Bereits nach zwei kleinen Dosen Bier hatte ich mich eingelebt und vor lauter Freude einen sitzen. Wir beschlossen, einkaufen zu gehen. Supermarktbesuche gehören im Ausland bekanntermaßen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, so machte mich auch dieser sehr glücklich. Den restlichen Abend verbrachten wir bei Pasta und Bier am offenen Fenster und erzählten uns Horrorgeschichten von bärtigen Welsen bis wir quiekten. Zufrieden fiel ich nach Mitternacht ins Bett. Eine Weile hörte ich noch der WG-Party unter den spanischen Fliesen zu und dachte an unsere gemeinsame Studienzeit in Berlin. Doch die war plötzlich ganz weit weg.

Tag 2: Stadtstreicher

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Unterwegs in Palma

In dieser ersten Nacht habe ich nicht geschlafen, sondern im Koma gelegen. Es war, als hätte jemand einen Reset-Knopf hinter meinem Ohr gedrückt, denn als der Mops zwölf Stunden später auf mir Tango tanzte, war ich so ausgeruht wie lange nicht. Wir brunchten, bis nichts außer einer ausgeleckten Guacamole-Schüssel übrig blieb und machten uns dann in Sommerkleidchen auf den Weg in die Altstadt. Während Sabrina kaum glauben konnte, wie leer die sonst von Touristen überfüllten Gassen waren, realisierte ich langsam, dass ein richtiger Urlaub vor mir lag. Und dann war sie da – die gigantische Kathedrale von Palma, und hinter ihr das Meer. Überfordert mit der Tatsache, ob ich meine Aufmerksamkeit dem imposanten Gebäude oder dem glitzernden Mittelmeer widmen sollte, nahm ich eine Reihe unscharfer Selfies auf und redete wirres Zeug von Glücksgefühlen und Freundinnenliebe. Sabrina freute sich, weil ich mich freute. Das freute mich noch mehr. Als wir die Promenade entlangspazierten, lagen Salzwasser und Möwengeschrei in der Luft.

Die Kathedrale La Seu

Die Kathedrale La Seu

Mit anderen Worten: Es war ziemlich perfekt. Wir kamen an bunten Bullis und unzähligen Hunden vorbei, redeten uns um Kopf und Kragen und landeten schließlich in einem Café hinter einem kleinen Hafen, wo ich in der Aufregung Sangria bestellte. Und da saßen wir dann, bei Sonnenuntergang, und freuten uns. Es war bereits dunkel, als wir nach Hause kamen und mir taten Rücken und Füße vom Laufen weh. Zur Belohnung gab es ein ausgedehntes Abendbrot mit spanischer Salami, Käse und Oliven. Dann zogen wir uns eine Reptiloiden-Doku auf YouTube rein (danke, Domain) und gingen ins Bett.

Tag 3: Spice Rausch Girls

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Immer schön den Überblick behalten

Zwölf Stunden später saßen wir im Auto Richtung Süden, weil ich in einem Marco Polo-Reiseführer gelesen hatte, dass dort die schönsten Strände seien. Wir versuchten, lauter als das Radio zu singen („You can’t always get what you wa-ant!„) und mit den Handflächen im Fahrtwind zu surfen, während Mick Jagger einen nach dem anderen raushaute. Falls es jemandem entgangen sein sollte, es sind die Rolling Stones, die einen Sommerurlaubstag perfekt machen. Immer. Als wir laut Navi bloß noch wenige Meter vom Meer entfernt waren, hielten wir in einem Wohngebiet und gingen zu Fuß weiter. Außer uns war niemand auf dem heißen Asphalt unterwegs und wir stellten uns vor, in einer der Villen zu wohnen, an deren Fassade sich das Wasser eines nierenförmigen Pools spiegelte. Als wir die Straße erreichten, hinter der sich das Meer befinden musste, schlichen wir uns zwischen zwei der feinen Grundstücke hindurch. Und da standen wir: auf einer Klippe. Mehrere Kilometer über dem Meer. Mindestens. Wir ließen unsere Taschen fallen und gingen zur Kante vor. Die Höhe, die Tiefe, die Weite. WoW!

Es Trenc: Welcome to paradise

Es Trenc: Welcome to paradise

Wir setzten uns nebeneinander und schauten eine Weile schweigend in die Ferne. Jedenfalls solange, bis Sabrina die Frage in den Raum warf, wie oft solche Felsen statistisch gesehen abbrechen, während Leute draufsitzen und verträumt in die Ferne starren. Wir beschlossen, das Schicksal genug herausgefordert zu haben und gingen zurück zum Auto. Eine halbe Stunde später hatten wir unseren Strand gefunden: Es Trenc – das Paradies auf Erden. Weißer Sand, glasklares Wasser, fast keine Menschen. Wir warfen unsere Kleider ab, rannten ins Meer und sangen unseren Lieblingssong aus „Der König der Löwen“. Danach wälzten wir uns im Sand und aßen Oliven und Oreo-Kekse bis uns schlecht war. Es war das schönste Halloween aller Zeiten und das noch bevor die Sonne unterging. Wieder zuhause, beschlossen wir, diesen wunderbaren Tag noch nicht enden zu lassen. Im Gegenteil, es war an der Zeit, ihm die Krone aufzusetzen. Mit Bier & Burgern. Als wir dann satt und lustig waren, kam der Mann nach Hause – und er hatte Blut und Gruselschminke dabei. Zehn Minuten später erschreckten wir eine Taxifahrerin, als wir halloweenstilecht in ihr Auto stiegen. Doch sie beruhigte sich wieder und fuhr uns in ein Kneipenviertel, in dem ich wahrscheinlich die einzige Touristin an diesem Abend war. Tätowierte Spanier in Bandshirts, biertrinkende Zombies und richtig gute Musik. Ich war stark beeindruckt und schämte mich heimlich meiner Mallorca-Vorurteile, die sich während des folgenden Punkrock-Konzerts im Kneipenkeller dann endgültig in Bier auflösten.

Homemade Burgerporno

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Nach der Show begann Sabrina zu zu schwächeln und wir machten einen Deal: Noch ein weiteres Bier irgendwo auf dem Heimweg, dann weiter ins Bett. Was soll ich sagen, die nächste Kneipe hatte andere Pläne mit uns: „Yo, I’ll tell you what I want, what I really, really want! So tell me what you want, what you really, really want!“ Unsere Augen weiteten sich. Wir stürmten den Laden und die Tanzfläche wie Posh und Ginger Spice auf Koks: „I wanna – ha! I wanna – ha! I wanna – ha! I wanna – ha! I wanna really, really, really wanna zigazig – ah!“ Bierlimit und Bettvorhaben waren vergessen. Britney und die Alien Ant Farm hatten ein Machtwort gesprochen. Vier Stunden später tranken wir zuhause unser 52. letztes Bier. Und plötzlich waren wir sehr müde.

Tag 4: Töff Töff

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Mit der Bimmelbahn nach Sóller

Als Sabrina mich am nächsten Vormittag mit heiserer Stimme fragte, ob ich weiterschlafen oder den geplanten Ausflug machen wollte, war ich nicht mal sicher, ob ich es in drei Tagen zum Flughafen schaffen würde. Doch dann dachte ich daran, wie außergewöhnlich die letzten Tage gewesen waren und ich stöhnte: „Wir müssen.“ 20 Minuten später rannten wir durch die Mittagshitze zum Bahnhof, um eine Eisenbahn zu erwischen, die seit 104 Jahren über die Insel fährt – nach Sóller, um genau zu sein. Als wir uns völlig außer Atem auf eine der Holzbänke in dem Waggon fallen ließen, bereute ich alles: das Bett verlassen zu haben, den Wodka-Shot bei den Vengaboys und die Wahl meines T-Shirts. Das laute Klacken der Schienen unter uns gab mir den Rest. Dann ließen wir Palma hinter uns. Wir durchquerten weite Täler mit übertrieben behangenen Orangen- und Zitronenbäumen und als wir nach einem der 13 Tunnel wieder hell um uns wurde, befanden wir uns plötzlich in den Bergen. Unsere verkaterten Gemüter waren beeindruckt. In Sóller angekommen, trieb uns der Nachdurst in einen leeren Imbiss, wo ich zu einem mir unbekannten spanischen Getränk in schöner Verpackung griff, das sich leider als eine Art kohlensäurelose Fanta entpuppte. Wir spazierten durch die Gassen des kleinen Ortes und als mir aus beim Atmen versehentlich ein Grunzer entfuhr, wurden wir von einem derartig heftigen Anfall der Nachrauschhysterie gepackt, dass wir lachend auf dem Bordstein zusammenbrachen und unsere Tränen auf das alte Pflaster tropften. Als wir wieder zu uns kamen, nahmen wir die Straßenbahn nach Port de Sóller und fuhren weiter in das fünf Kilometer entfernte Hafenstädtchen. Die von Bergen gesäumte Strandpromenade sah aus, als sei sie einer Postkarte entsprungen. Unecht. Wir setzten uns in das erstbeste Lokal mit Blick über die Bucht und bestellten Dorade vom Grill. Sie war köstlich. Als wir am Abend geschafft auf die Couch fielen, waren wir sehr stolz auf uns. Wir hatten gefeiert wie früher, und den Kater besiegt.

Tag 5: Chillaxen

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Alles, was man braucht

Mittlerweile hatte ich geschätzte 93 Mückenstiche angesammelt, die auf die Größe von Weintrauben angeschwollen waren. Und darunter wütete ein fieser Muskelkater. Wahrscheinlich von unserer nächtlichen Tanzeinlage zwei Nächte zuvor. Ich beschloss, ein bisschen zu lesen und meinen vorletzten Tag langsam angehen zu lassen. Am Nachmittag schlenderten wir durch die Altstadt und kamen an einem Olivenbaum vorbei, dessen Stamm so groß wie ein Späti war. Ich entdeckte ein Disney-Geschäft und kaufte einen Simba für Sabrina, weil wir seit Tagen den „König der Löwen“-Song sangen, dann ging es mit einer Kugel Cheescake-Eis in der Hand weiter zum Meer. Wir setzten uns in einer Strandbar ans Wasser und bestellten Aperol Spritz und Aioli mit Brot. Im Hafen am anderen Ende der Bucht gingen die Lichter der großen Kreuzfahrtschiffe an und der Himmel verfärbte sich kitschig als die Sonne unterging. Zum ersten Mal seit ich auf der Insel angekommen war, fröstelte ich. Mit frischem Knoblauchatem machten wir uns auf den Weg nach Hause und legten unterwegs noch einen Supermarkt-Stop ein, um Salami-Souvenirs für zuhause zu kaufen.

Tag 6: Stimmungswolken

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Nicht schlecht für November

An meinem letzten Tag wollten wir es noch einmal wissen und machten uns zum zweiten Mal mit dem Auto auf den Weg in den Süden der Insel. Abgesehen von der Tatsache, dass wir in dem sandigen Waldstück zwischen Parkplatz und Strand kurzzeitig die Orientierung verloren, verlief der Weg dorthin ohne große Vorkommnisse. Der Strandabschnitt, an dem wir aus den Dünen traten, war mindestens genauso überwältigend wie der einige Tage zuvor. Wieder waren wir fast für uns allein. Nachdem wir unsere Handtücher auf dem puderzuckrigen Untergrund ausgebreitet hatten, stürzten wir uns in das absurd klare Wasser und lachten über den Mops, der die heranwollenden Wellen anbellte. Ohne übertreiben zu wollen, aber dieser 3. November gehört mit Sicherheit zu den schönsten meines Lebens. Trotzdem wollte die Unbeschwertheit unseres ersten Badeausflugs nicht mehr aufkommen. Denn an dem wolkenlosen Himmel über uns zogen erste Alltagswolken auf. Immer wieder drifteten meine Gedanken beim Lesen in Richtung eines anstehenden Kundentermins ab und anstatt Selfies zu machen, erwischte ich mich zweimal dabei, die App der Fluggesellschaft auf Streik-Updates zu prüfen. Sonne, Strand und Mückenstiche gegen Arbeit, Alltag und Kopfschmerzen eintauschen zu müssen, war eine Sache. Aber mich von Sabrina zu verabschieden, ohne zu wissen, wann wir uns wiedersehen, eine andere. An diesem Abend war ich traurig.

Tag 7: ¡Adiós!

Der Wecker klingelte früh. Verschlafen und mit einem Koffer voller Salami folgte ich meiner Freundin zum Auto. Es war das erste Mal, dass sich Mallorca von seiner herbstlichen Seite zeigte. Der Sand im Fußraum wirkte auf einmal wie aus längst vergangenen Tagen. Eine Viertelstunde später standen wir uns vor dem Flughafen gegenüber. Unfassbar glücklich, unglaublich traurig.

 

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