Shut the fuck up, #MerkelDanker!

Ich hatte gehofft, dass der Hashtag #prayforberlin niemals trenden würde. Und jetzt sitze ich hier, höre Fernsehreportern zu, die sich in einer mir bestens vertrauten Kulisse bewegen und zähle die „In Sicherheit“-Meldungen meiner Freunde, die bei Facebook hereinfliegen – es sind 92 bisher.

Ich bin erleichtert, weil ich mittlerweile die meisten meiner Freunde in Sicherheit weiß. Doch gleichzeitig fühle ich mich schlecht – in Gedanken bei denen, die heute die schlimmste aller Nachrichten erreicht hat. Heute Abend sind Menschen gestorben, die nach Feierabend noch schnell die letzten Geschenke besorgen oder einfach bloß einen Glühwein mit Schuss trinken wollten. Manche von ihnen haben vielleicht gerade ein Foto von ihrer dampfenden Stiefeltasse gepostet, als der Sattelschlepper zu „Jingle Bells“ in die Menge raste. Andere klärten vielleicht gerade per WhatsApp, was es zum Abendessen geben sollte. Leute wie wir: Brüder, Freundinnen und Ehemänner, die am Ende dieser Woche irgendwo unter einem Weihnachtsbaum sitzen sollten, doch stattdessen zu Grabe getragen werden.

MarkenMerkelzeichen

Und als wären diese Nachrichten aus meiner Stadt – meinem Berlin – nicht schlimm genug, werden gerade wieder die Stimmen der Arschlöcher laut. Die „da oben“ seien schuld, sagen sie, während AfD-Politiker bereits von „Merkels Toten“ sprechen. Anstatt Mitgefühl zeigen sie ihr hässlichstes Gesicht. Ein weiteres Mal instrumentalisieren die Wütenden ein erschütterndes Ereignis, um den Hass, der sie seit Monaten von innen zerfrisst, für einen Moment zu kanalisieren und sich einen Augenblick lang stark zu fühlen – in der digitalen Gruppe der Vollidioten. Wie im Rausch schmieren sie ihre widerlichen Kommentare unter die Todesmeldungen und wünschen sich wahrscheinlich auch noch Zuspruch in ihrem Wahn. Sie erinnern an die „Feuchten Banditen“ – bloß dass sie keine Keller fluten, nachdem sie etwas Dummes getan haben, sondern ein #DankeMerkel als Markenzeichen hinterlassen.

Hashtag-Durchfall

Ich weiß nicht, wann all den #MerkelDankern ihr Gehirn abhanden gekommen ist. Doch anders kann ich mir ihr offensichtliches Defizit in Sachen Menschlichkeit nicht erklären – nicht mit Gehirn. Über fünfzig Menschen sind heute Abend verletzt worden, neun weitere gestorben! Menschen, die andere hinterlassen, deren Leben nie wieder dasselbe sein wird. Wem dazu nichts besseres einfällt, als auf offiziellen Nachrichten-Seiten Hasskommentare und Hashtag-Durchfall zu hinterlassen, ist kurz gesagt ein schlechter Mensch. Ich möchte das nicht länger verstehen oder ergründen. An Tagen wie diesen möchte ich meine kostbare Zeit nicht eine Minute länger an Leute verschwenden, die ich verachte. Denn das tue ich, ich verachte alle, die ihren Frust über ihr Mitgefühl stellen. Meine Gedanken gelten der Stadt, die ich zehn Jahre mein Zuhause nannte und den wunderbaren Menschen, die dort leben.

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