KIZ: Eskalation in der Grugahalle

Vergangenen Freitag habe ich mein vertrautes Punkrockterrain verlassen und das K.I.Z.-Konzert in der Essener Grugahalle besucht. Ein ereignisreicher Abend zwischen Schnapsleichen, Hurensöhnen und einer blutigen Bühnengeburt.

Mit K.I.Z. verhält es sich bei mir ähnlich wie mit Harry Potter: Nachdem ich mich jahrelang gegen den Hype gewehrt habe, wurde mein innerer Widerstand vor einiger Zeit gebrochen und jetzt bin ich ziemlich begeistert. So stand ich letzten Freitag also mit ein paar Freunden und einem 36 Euro-Ticket in der Hand vor der ausverkauften Grugahalle und fühlte mich älter als an anderen Wochenenden. Die Kids um uns herum tranken mitgebrachte Wodka-Energy-Mischungen und feierten den Weltuntergang. Drinnen reihten wir uns direkt in die nächste Schlange ein, an deren Ende uns der Schlag traf: „Fünf Bier – das macht dann 22,50 Euro.“ Um die band des Abends zu zitieren: Wir schmissen das Geld zum Fenster raus und unten standen die Veranstalter und fingen es auf. Nach dem Passieren einer weiteren Endlosschlange in Richtung Garderobe, bahnten wir uns dann endlich einen Weg zur Halle hinauf. Die ersten waren bereits wortwörtlich auf der Strecke geblieben.

Let the weirdness begin

Auf den Stufen vor uns lag ein Mädel mit dem Gesicht voran in ihrer eigenen Kotze. „Das Konzert schafft sie noch“, versicherte ihre Freundin dem Security-Mann, der an ihre Vernunft appellierte. Wir hielten die Luft an, bis sie frei von Magensaftdünsten war und betraten schließlich die rappelvolle Halle, aus der uns ein süßlicher Geruch der anderen Art entgegenschlug. Auf einem der Ränge fanden wir noch fünf freie Plätze mit ausgezeichneter Sicht und ließen uns nieder. Prompt ging es los. Das Bühnenbild, das sich uns bot, als der Vorhang fiel, war gewohnt gigantisch – überdimensionale Statuen der Rapper und ein Panzer, dessen Luke DJ Craft als Turntable-Pult diente. Wie auf Knopfdruck drehten die Leute im Innenraum durch und besangen einen gewissen „Hurensohn“, um den es an diesem Abend noch öfter gehen sollte. Zusammen mit der Lichtshow machte das Ganze schon einiges her – auch wenn die Sache mit dem Blitzdings meiner Meinung nach etwas übertrieben wurde, denn ich hatte kurzzeitig Angst, mein Gedächtnis zu verlieren. Die Berliner begrüßten das Ruhrgebiet auf ihre Art und forderten zum gemeinsamen Sprechchor auf: „Und jetzt alle: FEIN! STAUB! FEIN! STAUB!“ Entgegen aller Hip Hop-Vorurteile ging es bei den folgenden Songs dann ziemlich punkig zur Sache. Immer wieder bildeten sich Mosh-Pits in der Menge und anstatt vom Kiffen zu reden, glorifizierten die Rapper das Biertrinken und riefen zum Blutpogo auf. Letzteres dürften sie sich von ihren Freunden – der Terrorgruppe – abgeguckt haben, doch es stand ihnen ausgesprochen gut!

Abschuss-Kommando

Spätestens bei ihrer Ansage gegen Rechts und dem darauffolgenden Song „Boom, Boom, Boom“ war Gänsehaut angesagt, als die ganze Halle mitsang: „Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?“ In Momenten wie diesen, wenn ich realisiere, wie viele wir sind, die auf der richtigen Seite stehen – in diesen Momenten habe ich Hoffnung, dass die Welt doch noch nicht so bald untergeht. Abgesch(l)ossen wurde dieses Gefühlsfeuerwerk im Anschluss von einer Reihe Soldaten, die mit ihren Maschinengewehren von der Bühne aus Luftschlangen in die Menge ballerten. Kurze Zeit später war mit „Ein Affe und ein Pferd“ mein persönlicher Höhepunkt des Abends erreicht – Zeit auszurasten: „Ich war in der Schule und habe nix gelernt, doch heute habe ich ein’ Affen und ein Pferd!“ Die Halle bebte unter der springenden Menge, während sich in der Mitte eine ordentliche Wall of Death bildete – wahrscheinlich ein Mitbringsel der vielen Festivals auf denen K.I.Z. bereits gespielt haben. Richtig verstörend wurde es dann, als einer der Rapper aus einer überdimensionalen Vagina geboren wurde und mit Nachgeburtsschleim an Kopf und Körper den nächsten Song zum Besten gab, um anschließend wieder zurück in den Schoß seiner „Mutter“ zu kriechen. Das Wort „widerlich“ trifft es an dieser Stelle ganz gut. Versöhnt wurde ich gegen Ende dann mit einem überwältigenden „Hurra, Die Welt Geht Unter“, bevor die Show mit einer „Hurensohn“-Version von „We Are The World“ schließlich ein spektakuläres Ende fand. War gut. Weiter so!

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