Kochbuch: Refugees Kinderküche

Foto: Edition Esspapier

Christine Grabner ist Redakteurin beim ORF und Mitinitiatorin des interkulturellen Projekts »Taste of Syria«, aus dem später »Unity« hervorgegangen ist – ein Verein zur Förderung und Integration von Flüchtlingen. Gemeinsam mit dem Verlag Edition Esspapier hat die Wahlwienerin nun das Buch „Kochen mit Hamed Hummus und Fatima Fallapfel“ herausgebracht, in dem Flüchtlingskinder aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihre Lieblingsrezepte aus dem Orient vorstellen und einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.  Im Interview spricht die Journalistin über interkulturelle Vorurteile und die Macht von Pizza.

Was hat Sie zu der Idee inspiriert und wie kam der Kontakt zu den Kindern zustande?
Als Journalistin und Sozialreporterin möchte nicht nur Probleme aufzeigen, sondern brauche hin und wieder auch ein Happy End – daher engagiere ich mich ehrenamtlich. In diesem Fall hat es als Mitinitiatorin des interkulturellen Projekts „Taste of Syria“ begonnen, woraus später „Unity“ hervorgegangen ist – ein Verein zur Förderung und Integration von Flüchtlingen. Anfangs haben wir zusammen mit Syrerinnen und Syrern Kulturabende veranstaltet und Benefizaktionen gestartet. Dabei war es uns immer wichtig, dass wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen – und nicht Abendland für Orient. So entstanden die ersten Kontakte zu den Familien. Letztlich waren es jedoch die fröhlichen Kinder, die mich durch ihre Energie und Lebenslust inspiriert haben – und dass, obwohl zum Teil traurige Erlebnisse hinter ihnen liegen.

Wie hat den beteiligten Familien das Ergebnis gefallen?
Einige haben sicher erst bei der Buchpräsentation Anfang November realisiert, worum es uns tatsächlich ging. Sie waren alle sehr stolz, ihre Fotos und Geschichten in dem Buch zu finden. Dass das Projekt geglückt ist, habe ich in erster Linie dem Vertrauensvorschuss der Familien zu verdanken. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Interkulturelle Berührungsängste

Welche Berührungsängste gibt es zwischen einander fremden Kulturen?
Ich hatte selbst Vorurteile, zugegebenermaßen besonders gegen Männer. Ich fragte mich, wie sie mit ihren Frauen umgehen und zerbrach mir den Kopf über alltägliche Dinge, zum Beispiel, ob man sie – wie bei uns üblich – zur Begrüßung auf die Wange küssen darf. Natürlich fragte ich mich auch, wie sie auf mich, eine ledige und bewusst kinderlose Frau, reagieren würden. Doch meine Befürchtungen waren unbegründet, denn mir wurden von Beginn an Respekt und Gastfreundschaft entgegengebracht. So durfte ich bereits zahlreiche liberale, tolerante und offene Menschen kennenlernen.

Inwiefern kann gemeinsames Kochen helfen, Vorurteile abzubauen?

Im Buch stellen Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Irak sowie Iran ihre Lieblingsrezepte vor.

Im Buch stellen Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Irak sowie Iran ihre Lieblingsrezepte vor.

Beim Kochen lernt man sich auf Augenhöhe kennen, das bringt beiden Seiten ein gutes Gefühl. Viele junge Menschen haben sich das Buch angeschaut und gesagt: „Die schauen gar nicht aus wie Flüchtlinge.“ Damit ist ein Ziel für mich erreicht, denn offenbar habe ich es geschafft, Individuen zu zeigen, die sich nicht bloß über ihre Notlage und die dadurch bedingte Flucht definieren. Neben dem Kochen ist auch das gemeinsame Essen sehr interessant. Der Umgang in Großfamilien ist sehr entspannt, wahrscheinlich weil sie auch sonst sehr viel gemeinsam machen.

Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Vielleicht, dass auch viele der Männer ausgezeichnet kochen und sich in der Familie besonders für ihre Kinder engagieren. Lernt man die Menschen erst einmal persönlich kennen, bleibt von den gängigen Klischees, die durch den Hetz-Boulevardjournalismus verbreitet werden, nicht mehr viel übrig. Erstaunlich ist zum Beispiel auch die Höflichkeit im Umgang miteinader, was sicher auch durch die hierachischere Gesellschaft bedingt ist. Manchmal ist es richtig schwer, herauszufinden, was der andere gerade möchte, da etwas Negatives oder ein „Nein“  prinzipiell erst ausgesprochen wird, wenn man sich wirklich gut kennt.

Viva la Margherita!

Offenbar teile ich mit den Flüchtlingskindern aus Ihrem Buch ein Lieblingsgericht. Wie erklären Sie sich das „Pizza-Phänomen“?
Wie bei uns lieben auch im Orient die meisten Kinder Fast-Food und Internationales. Dieser irakische Bub konnte sogar alle Zutaten seiner Lieblingspizza aufzählen, dabei ist er gerade mal fünf. Also durfte auch der „Kinderliebling“ nicht fehlen. Ansonsten essen die Kids sehr gern, was daheim auf den Tisch kommt – halt etwas weniger gewürzt, aber nichts Spezielles. Oder wie die Iraker meinten: „Gekochten Pferdekopf geben wir den Kindern nicht.“ Der bleibt dann für die Erwachsenen.

Wem kommen die Einnahmen zu Gute, die mit dem Koch-Lesebuch erzielt werden?
Die Einnahmen gehen an das Rote Kreuz Wien, das uns u.a. in organisatorischen Dingen unterstützt hat, und natürlich auch die mitwirkenden Familien. Wir möchten ihnen das Geld nicht einfach spenden, sondern Kinderwünsche erfüllen. Es ist eine Frage der Wertschätzung, zu fragen, was sie sich wünschen und was für Pläne sie haben. Mit meiner Initiative „Taste of Syria“, die nun zu „Unity“ wurde, haben wir in der Vergangenheit beispielsweise Fotokameras und eine Gitarre gekauft, auch Cello-Unterricht samt Leihgerät konnten wir vermitteln. Außerdem soll der Koch Mahmoud etwas mehr bekommen, da sein Sohn mitgewirkt hat und er Gratis-Buffets für alle Veranstaltungen gemacht hat. Er möchte ein eigenes Lokal aufmachen, vielleicht können wir helfen, den Grundstein dafür zu legen.

Mehr Infos:
Für 14,90€ könnt ihr das Buch hier bestellen.

Alternativ dazu könnt ihr es auch direkt bei Unity bekommen. Schreibt dazu einfach eine Mail an: office@verein-unity.at

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Was lehrt uns das? Die Antilopen Gang hat Recht behalten:
„Oh, ich glaube fest daran, dass uns Pizza retten kann! Sie verbündet diese Welt – Baby, lass uns Pizza bestellen!“

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