Plauderei im Fahrstuhl

Foto: pixabay

Manchmal kann eine kurze Begegnung mit einem Fremden für ein wunderbar-wohliges Gefühl sorgen und einen nachhaltig aufheitern. Wahrscheinlich merken diese Menschen nicht einmal, dass sie einem im Vorbeigehen den Tag retten. Gestern ist es wieder passiert.

Als mich nach einem langen Arbeitstag – mit vier Interviews in drei verschiedenen Städten – die U-Bahn ausspuckte, war ich fix & foxy. Es war bereits nach 21 Uhr und ich trauerte meinem geopferten Feierabend hinterher, während ich fröstelnd den menschenleeren Bahnsteig entlangging und von Ofenkäse träumte. Am Fuß der Treppe, die an dieser Station besonders lang ist, bemerkte ich einen älteren Herren, der auf den Fahrstuhl wartete. Mit einem spontanen Ausfallschritt entschieden sich meine müden Beine gegen die Treppe des Todes und trugen mich zu ihm hinüber. „Besser bequem fahren als angestrengt laufen“, lächelte mich der Mann mit den weißen Haaren an.

Smalltalk

Er war gut gekleidet, trug einen schwarzen Mantel und hielt einen kleinen Koffer in der Hand. „Da haben sie recht“, stimmte ich ihm zu. Besonders nach einem so langen Tag.“ Er nickte höflich, dann schauten wir beide dem herannahenden Lift entgegen. Mit einem „Bing“ öffneten sich die gläsernen Türen und wir stiegen ein. Wieder lächelte er und ich konnte ihm förmlich ansehen, dass unsere Unterhaltung noch nicht beendet war. „Hier ist eine Klarinette drin“, verkündete er und klopfte dreimal auf seinen Koffer. „Toll, haben Sie heute gespielt?“, fragte ich. Jetzt strahlte er. „Ja, ich komme gerade vom Proben. Wir sind bloß ein paar alte Männer, die zusammen Musik machen, aber es ist der schönste Tag der Woche.“

Männerabend

Mit einem Mal wurde mir ganz warm ums Herz. Ich stellte mir vor, wie er und seine Kumpels in ledernen Chippendale-Sesseln saßen und Jazzmusik machten. „Das klingt sehr schön“, erwiderte ich. Mit einem verschmitzten Grinsen fügte er hinzu: „Im Anschluss trinken wir immer noch einen Cognac und sitzen eine Weile zusammen. Ehrlich gesagt, habe ich auch schon leicht einen im Tee.“ Die Aufzugtür öffnete sich und wir gingen noch ein paar Meter zusammen. „Freut mich, dass Sie so einen schönen Abend hatten“, verabschiedete ich mich, als er einen anderen Ausgang ansteuerte als ich. „Kommen Sie gut nach Hause.“ Er blieb kurz stehen und sah mich musternd an. Dann sagte er: „Sie sehen müde aus. Ruhen Sie sich schön aus.“ Am liebsten hätte ich ihn zum Abschied umarmt und ihm noch ein schönes Leben gewünscht.

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