Kitty, Daisy & Lewis – Retro for Life

Foto: Graeme Durham

Beim Ausmisten meines alten Laptops sind so einige Schätzchen zu Tage gekommen. Unter anderem dieses Interview, das ich vor zwei Jahren mit Daisy, der Ältesten der drei Durham-Geschwister, geführt habe. Ein Gespräch über das dritte Album der Londoner Multiinstrumentalisten und After-Pub-Partys in ihrer Geschwister-WG.

Drei Jahre ist es her, dass wir uns kennengelernt haben. Damals habe ich dich und deine Geschwister in einer Berliner Hotel-Lobby getroffen und ihr wart ein bisschen verkatert. Wie ist es euch seitdem ergangen?
Daisy: Oh, ich erinnere mich. Es ist eine Menge passiert seitdem. Zuviel, um alles zusammen zu kriegen. Doch die meiste Zeit haben wir wohl damit verbracht, ein neues Studio zu bauen und unser drittes Album darin aufzunehmen.

Ihr habt das Studio selbst gebaut?
Daisy: Ja, wir haben uns für ein altes Indisches Restaurant in Camden Town entschieden. Es war bereits seit zehn Jahren geschlossen, als wir es übernommen haben. Die Räume waren in einem miserablen Zustand und am Ende hat es tatsächlich fast drei Jahre gedauert, die Bruchbude in Schuss zu bringen. Zudem liegt es direkt an der High Street und musste gut isoliert werden. Es war eine Heidenarbeit, das Studio schalldicht zu machen. Doch es hat sich gelohnt. Wir fühlen uns sehr wohl dort, haben viel Platz und der Sound ist wirklich gut.

Inwiefern hat das neue Studio euer drittes Album beeinflusst?
Daisy: Es handelt sich um ein 16-Spur Analog-Studio, was uns besonders in Sachen Soundüberlagerungen neue Möglichkeiten eröffnet hat. Denn bisher haben wir immer bloß mit acht Spuren gearbeitet. Wir haben auch nicht mehr alles gemeinsam aufgenommen, sondern die Songs zum ersten Mal separat eingespielt, um den bestmöglichen Sound herauszuholen. Außerdem konnten wir unser Equipment erweitern, so viel sei verraten, es sind einige neue Instrumente hinzugekommen.

Fast Food Nostalgie

Beim letzten Mal habt ihr mir erzählt, dass ihr große Fans vom White Trash Fast Food in Berlin seid, was wiederum einmal ein China Restaurant gewesen ist. Habt ihr euch dort inspirieren lassen?
Daisy: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht, aber stimmt. Hoffentlich ist das ein gutes Omen.

Hast du schon davon gehört, dass das White Trash umgezogen ist und sich jetzt in einem anderen Stadtteil an der Spree befindet?
Daisy: Ja, wir sind sogar schon da gewesen. Es ist zwar immer noch irgendwie cool, aber es hat überhaupt nichts mehr mit dem Laden zu tun, den wir so geliebt haben. Der Vibe ist ein komplett anderer. Es ist jetzt viel größer und hat eine Art Industrie-Flair. Auch nicht schlecht, für mich hat das jedoch nichts mehr mit dem White Trash zu tun, das ich kannte. Das ist schade.

Insgesamt klingt eure neue und dritte Platte etwas weniger nach Jam-Session. Würdest du sagen, dass euer drittes Album weniger experimentell ist als die Vorgänger?
Daisy: Nein, im Gegenteil. Durch die Möglichkeiten, die das neue Studio mit sich gebracht hat, konnten wir sogar mehr herumprobieren als zuvor. Die alten Songs sind dagegen wesentlich simpler gehalten. Das Ergebnis mag vielleicht nicht unbedingt „experimentell“ klingen, ich würde dennoch sagen, dass wir sehr experimentierfreudig waren und viel Neues versucht haben.

Die Vintage-WG

Ihr seid Multiinstrumentalisten. Wie entstehen eure Songs?
Daisy: Das ist ganz unterschiedlich, wir setzen uns jedoch nie bewusst hin und sagen, heute schreiben wir einen Song. Klar kann es sein, dass wir mal zusammen jammen und dabei ein Song entsteht. Doch in der Regel sind es andere Dinge die mich inspirieren. Eine Idee kommt oft aus dem Nichts und plötzlich ist die Grundlage da. Bei meinen Geschwistern ist es ähnlich. Wir schreiben jeder unsere eigenen Songs und wenn wir fertig sind, proben wir sie gemeinsam. Dabei kommen dann die Ideen der anderen hinzu und so wächst ein Lied dann allmählich zu einem Kitty, Daisy & Lewis Song heran. Es entwickelt sich.

Als ihr angefangen habt, Musik zu machen, seid ihr noch Kinder gewesen und ihr tourt bis heute in Begleitung eurer Eltern, die zum Teil auch mit euch auf der Bühne stehen. Wohnt ihr noch zu Hause oder seid ihr mittlerweile flügge geworden?
Daisy: Nein, wir wohnen nicht mehr bei unseren Eltern. Ich wohne mit Kitty und Lewis in einer WG, sodass wir immer Musik machen können, wenn wir Lust dazu haben.

Macht ihr das jeden Tag?
Daisy:
Momentan schon, weil wir für die Tour üben. Normalerweise spielen wir nicht nach Plan und jammen viel zusammen. Besonders wenn wir betrunken aus dem Pub kommen. Dann sitzen wir oft noch in der Küche, spielen Gitarre und singen – immer dieselben Songs.

Welche Songs sind das?
Daisy:
Ach, da gibt es einige. „A World Without Love“ von Peter and Gordon ist zum Beispiel einer von ihnen.

Wenn ich mir euer Zuhause vorstelle, denke ich an Vintage-Möbel, alte Tapeten und unzählige Instrumente. Liege ich richtig?
Daisy:
Oh ja, wir haben eine Menge Vintage-Kram und eine Menge Gerümpel. Aber wir haben jeder unseren eigenen Style. In Kittys Zimmer sieht es aus wie in einem Pub, bei Lewis stehen die 40s und 50s im Mittelpunkt und mein Zimmer ist eher modern, doch ich habe eine Menge Zeugs…

Familienbande

Ihr tretet immer als Familie auf, sodass es schwer vorstellbar ist, dass ihr noch ein anderes Leben habt, mit Freunden und Partnern. Wieviel Solo-Zeit verbringst du ohne deine Geschwister?
Daisy: Definitiv weniger als ich sollte. Wir wohnen über einem Pub und wenn wir viel gearbeitet haben und abschalten wollen, gehen wir runter, weil es so bequem ist. Oft kommt dann auch unsere Mutter vorbei. Doch das stört uns nicht, im Gegenteil, sie ist unsere beste Freundin. Wir hängen gerne zusammen rum. Sie setzt uns nie unter Druck, deshalb haben wir auch nie das Bedürfnis ihr aus dem Weg gehen zu müssen.

Wohin geht ihr, wenn ihr feiern wollt?
Daisy:
London ist eine Pub-Stadt. Clubs, in denen immer gute Musik läuft, gibt es so gut wie keine mehr. Die meisten haben Schwerpunkt-Tage, das heißt, man muss sich vorher informieren, welche Musik läuft. Wir gehen gerne in einen alten Blues-Club in SoHo, ansonsten sind wir jedoch meistens im Pub. Und wenn der zu macht, kaufen wir im Laden um die Ecke noch was zu trinken und nehmen unsere Freunde und das Bar-Personal mit zu uns nach Hause. Da geht es dann weiter – After-Pub-Party.

Zurück zum Album. The Clash Gitarrist Mick Jones hat es produziert. Wie kam es dazu?
Daisy:
Wir wollten dieses Mal mit einem Produzenten arbeiten, um alles so gut zu machen wie möglich. An einen bestimmten hatten wir dabei erst einmal gar nicht gedacht, es ging vielmehr darum, wer verfügbar ist. Irgendwann saßen wir dann nach einer Show in Italien zusammen und unser Tour-Manager hatte plötzlich die Idee, Mick Jones zu fragen. Wir kannten ihn, weil wir vor Jahren einmal bei seiner Club-Night aufgetreten sind. Das ist eine Veranstaltung, mit der er junge Bands supported. Jedenfalls hat mein Bruder ihn schließlich in Nottinghill getroffen und ihn gefragt, ob er Interesse hätte. Er besuchte daraufhin unsere Proben und war bei der Entstehung der Songs dabei. Er strahlt etwas Beruhigendes aus, wir haben uns sehr wohl mit ihm gefühlt. Er hat wirklich das Beste uns allen rausgeholt, ohne alles auseinanderzunehmen und zu analysieren. Er hat unsere Musik genossen und uns inspiriert. Es war toll mit ihm zu arbeiten. Wir waren ein gutes Team.

Der Fifties-Overkill

Wie stehst du zu The Clash?
Daisy:
Ich liebe The Clash schon immer und meine Mutter auch. Deshalb war es anfangs ganz schön verrückt, Mick Jones im Haus zu haben. Aber als wir ihn erst mal kennengelernt hatten, hat sich die Aufregung gelegt.

Ihr seid eine sehr durchgestylte Band. Kauft ihr nur Vintage-Klamotten, oder gibt es auch aktuelle Labels, die euch gefallen?
Daisy:
Viele Sachen, die ich trage sind neu. Ich kombiniere viel. Zum Beispiel trage ich momentan ein Secondhand-Shirt aus den Sixties und dazu eine neue Jeans. Bei unseren Auftritten ist das andere. Die meisten Bühnenoutfits von Kitty und mir hat unsere Mutter genäht. Zum Beispiel auch die 70er Jahre Jumpsuits von der letzten Tour.

Eure Mutter ist also nicht nur Musikerin sondern auch Designerin?
Daisy: Designerin wäre zu viel gesagt. Sie besitzt jedoch eine riesige Sammlung von alten Schnittmustern. Die passt sie für uns an und näht uns individuelle Sachen. Die Pencil-Kleider war ich irgendwann leid, weil ich eine Weile nichts anderes getragen habe. Da musste was Neues her und die 60er und 70er haben mir modisch gleich zugesagt. Es war erfrischend nach dem jahrelangen Fifties-Look in den Jumpsuit zu steigen. Ich habe mich gefühlt wie eine Superheldin.

Was wünschst du dir für das kommende Jahr?
Daisy: Natürlich wünsche ich mir, dass die Leute das neue Album mögen werden. Doch ich bin immer vorsichtig mit Erfolgswünschen. Denn wenn man immer nur auf die nächste Review fixiert ist, verpasst man all die tollen Momente dazwischen und man verlernt, sie zu genießen. Deswegen wünsche ich mir lieber, dass wir eine unvergessliche Zeit zusammen haben werden.

Diskografie:
Kitty, Daisy & Lewis, Sunday Best Recordings, 2008, CD, LP
Smoking in Heaven, Sunday Best Recordings, 2011, CD, LP
Kitty, Daisy & Lewis – The Third, Sunday Best Recordings, 2015, CD, LP

Check:
kittydaisyandlewis.com
facebook.com/kittydaisyandlewis

Diana Ringelsiep / VÖ: Dynamite Magazine, Februar 2015; Zweitveröffentlichung: Stadtmagazin 07, Jena, Juli 2015

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