Jubiläum: Ein Jahr Blog und zurück

Am Anfang war die Idee.

Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich mit URBAN LIFESTYLE TRASH online gegangen. Manche Dinge liefen wie erhofft, andere gestalteten sich schwieriger als gedacht und einige übertrafen sogar alle Erwartungen. Zeit, tief durchzuatmen und Bilanz zu ziehen. Ein Rückblick auf zwölf spannende Monate, meine persönlichen Highlights und die erfolgreichsten Artikel.

Ich weiß noch genau, wie aufgeregt ich war, als ich nach monatelanger Arbeit auf den „Veröffentlichen“-Button drückte. Wir waren gerade in Holland, um für ein paar Tage den Kopf frei zu kriegen. Nervös aktualisierte ich den Browser im Sekundentakt und wartete auf eure Reaktionen bei Facebook – und als sie dann kamen, war ich stolz wie Bolle. Ihr mochtet ihn, meinen Blog. Zwei Tage später dann der Ritterschlag in Form eines Likes: „Jan Böhmermann gefällt das.“ Ich war erleichtert, blamiert hatte ich mich offenbar nicht. In den folgenden Wochen experimentierte ich herum und fand bald heraus, dass nicht nur prominente Gesichter für Aufmerksamkeit sorgten – im Gegenteil. Oft bescherten mir gerade meine persönlichen Texte besonders viel Feedback. Um ehrlich zu sein, fand ich das ziemlich absurd. Denn ich hatte nie geplant, öffentlich aus dem Bierkästchen zu plaudern. Doch immer wenn ich eine Anekdote aus meinem Leben erzählte, erreichten mich im Anschluss Nachrichten von Leuten, die sich darin wiedererkannten. Manche von ihnen kannten mich nicht einmal, doch sie alle baten mich, weiterzumachen. Also schrieb ich von vertanen guten Taten und heimlichen Selbstzweifeln. Und plötzlich fing es an, mir Spaß zu machen, all das zu teilen.

Popstars mit Profil

Dass Musik ein Thema werden würde, war hingegen von vornherein klar. Überrascht hat mich jedoch, welche meiner Interview-Partner mich nachhaltig beeindruckt haben. Denn am Ende war es nicht etwa eine Punkband, die mir durch kluge Antworten und eine klare Haltung gegen Rechts in Erinnerung blieb – sondern Silbermond! Ich muss zugeben, dass ich mit einer gewissen Skepsis in das Gespräch gegangen bin. Ich erwartete zwei aalglatte Popstars, die ich für ein Kundenmagazin zu ihrem neuen Nummer-1-Hit und einer ausverkauften Tour befragen sollte. Doch Stefanie Kloß und Andreas Nowak waren das komplette Gegenteil. Was folgte, war kein normales Interview, sondern ein angeregtes Gespräch. Die beiden stellten auch mir dauernd Fragen. Sie wollten wissen, auf welchem Konzert ich zuletzt war und welche Popmusik ich heimlich höre. Wir lachten viel und es stellte sich heraus, dass wir dieselben Kneipen im Friedrichshainer Nordkiez mochten. Es war verrückt. Als der offizielle Popstar-Teil des Interviews geschafft war, warf ich einen Blick auf die Uhr: Wir waren eine Viertelstunde früher fertig als geplant. Also erzählte ich ihnen spontan von meinem Blog und fragte, ob sie Lust hätten, mir dafür ein paar „andere Fragen“ zu beantworten. „Na klar“, antwortete Steffi. Dann redeten wir über ihre Heimatstadt Bautzen. Über brennende Flüchtlingsunterkünfte, Facebook-Faschismus und das Engagement der Band gegen Rechts. Erst als wir uns verabschiedeten, dämmerte es mir: Bestimmt würden all die guten Aussagen im Zuge der noch anstehenden Autorisierung rausfliegen. Denn welche Band aus der Pop-Branche bekannte schon so deutlich Flagge zu einem politisch heiklen Thema wie diesem? Doch ich täuschte mich ein zweites Mal in ihnen: Denn sie ließen mir über ihr Plattenlabel noch einmal Grüße ausrichten und gaben alles ohne Änderungen frei!

Haltung zeigen

Überhaupt hat Politik auf URBAN LIEFSTYLE TRASH eine wichtigere Rolle eingenommen als ursprünglich geplant. Denn politische Zeiten erfordern politisches Handeln – da ist es das Mindeste, öffentlich Stellung zu beziehen. Auch im Falle der Teilräumung des Berliner Wohnprojekts Rigaer94 habe ich mich zu Wort gemeldet. Denn als direkte Nachbarin war ich von der dauerhaften Polizeipräsenz und den damit einhergehenden Konflikten vor meiner Haustür direkt betroffen. Wochenlang konnte ich vor Protestrufen bis in die späte Nacht nicht schlafen und die Polizei, die es sich in unzähligen Wannen unter meinem Balkon gemütlich gemacht hatte, schien dem Irrglauben zu unterliegen, die Nachbarschaft schützen zu müssen. Woher sollten sie auch wissen, dass es dort immer nur dann Ärger gab, wenn sie da waren? Mit der Polizei in der Rigaer Straße verhielt es sich ähnlich wie mit der Lampe im Kühlschrank: Brennt das Licht, wenn die Tür zu ist? Randalieren die Linken, wenn die Polzei nicht da ist? Also beschloss ich, ihnen auf die Sprünge zu helfen und das Rätsel zu lösen: Polizei weg – Rigaer ruhig! Der Artikel wurde zum erfolgreichsten Beitrag, den mein Blog bisher hervorgebracht hat. Bis heute ist er über 4.600 Mal gelesen und in zahlreichen linken Foren zitiert und geteilt worden. Ruhiger wurde es trotzdem nicht.

Weitermachen

Auch auf der Facebook-Seite des Blogs ist seit dem 21. März letzten Jahres allerhand passiert. Doch der erfolgreichste Post hatte leider einen sehr traurigen Anlass: Ich schrieb ihn am Abend des LKW-Anschlags in Berlin und ich richtete ihn an all die Arschlöcher, die sich mal wieder bei Angela Merkel bedankten und den furchtbaren Vorfall für ihren blinden Hass instrumentalisierten, anstatt auch nur eine Minute den Toten und deren Angehörigen zu gedenken. 389 Menschen reagierten auf diesen Post – so erreichten meine Worte an dem Abend über 15.000 Personen. Die vergangenen zwölf Monate haben viele Überraschungen bereitgehalten. Ich durfte mit zahlreichen tollen Menschen sprechen und Einblicke in viele spannende Projekte erhalten. Ich musste mir eingestehen, dass in den Rubriken „Soundtrack“ und „D.I.Y. & Artefakte“ seit dem Launch der Seite nichts mehr passiert ist und ich diese überdenken muss. Und ich habe mich selbst von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Ohne euer Feedback hätte ich wahrscheinlich nie angefangen, über persönliche Dinge zu schreiben – dabei bereiten mir mittlerweile gerade die Beiträge eine diebische Freude. Ich freue mich auf ein weiteres Jahr, in dem mir die Augen zufallen, wenn ich nach einem langen Tag in der Redaktion zuhause weiterschreibe. Ich freue mich auf spannende Projekte und interessante Gesprächspartner. Und ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit euch, denn dieser Blog war definitiv einer meiner besseren Ideen.

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