Wiedersehen: Freundschaft 2.0

Foto: Pixabay.com

Es gibt diese Lebensabschnittsfreunde, mit denen man eine Zeit lang alles teilt: Sorgen, Träume und sogar Pizza. Im Schnelldurchlauf werden emotionale Lebensläufe ausgetauscht und gemeinsame Erinnerungen geschaffen – und schon nach wenigen Monaten fühlt es sich an, als hätte man den anderen bereits ein halbes Leben lang an seiner Seite. Und dann plötzlich verändert sich etwas: ein neuer Job, eine neue Beziehung oder ein Umzug bringt alles durcheinander. Prioritäten werden verlagert und mit einem Mal verblasst die Person so schnell wie sie erschienen ist. Zurück bleibt die Erinnerung an eine kurze, aber intensive Zeit, an die man gerne zurückdenkt – wie an eine aufregende Urlaubsromanze.

Als ich vor fünf Jahren nach Essen gekommen bin, fand ich eine solche Freundin. Ich befand mich damals in einem großen Gefühlschaos, doch bekanntlich sind ja genau das die Zeiten, die einem am intensivsten in Erinnerung bleiben. Ich hatte gerade die Uni abgeschlossen und war frisch verliebt. Doch die Jobsuche gestaltete sich schwieriger als gedacht und schon nach kurzer Zeit vermisste ich Berlin wie Hölle – meinen Kiez, meine Freunde, mein Zuhause. Meine neue Kumpanin fing all das auf. Auch bei ihr ging es gerade drunter und drüber, sowohl in der Liebe als auch im Leben. So verbrachten wir unzählige Stunden damit, füreinander da zu sein, uns gegenseitig zu bestärken und Kneipengespräche an unserem Stammtresen zu führen, bis kein Strich mehr auf unsere Deckel passte.

Im Wandel der Zeit

Wir sind zusammen zum See und zum Tätowieren gefahren, waren bei Woolworth [wollwort] shoppen und auf Punkrockkonzerten tanzen. Wir waren BFFs auf Zeit. Ein Umzug innerhalb Essens änderte schließlich alles. Plötzlich waren wir keine Nachbarinnen mehr, der Besuch unserer Stammkneipe war auf einmal mit einer Busfahrt verbunden und unsere Treffen mussten sorgfältiger geplant werden als ein Gynäkologentermin. Wir waren entsetzt, dass fünf lächerliche Kilometer Luftlinie uns dermaßen aus dem Konzept bringen konnten. Kurz darauf zog es uns aus beruflichen Gründen nach Köln und Berlin. Der Zug der guten Vorsätze war ohne uns abgefahren. Aus stundenlangen Gesprächen wurden gelegentliche Instagram-Likes und nostalgische WhatsApp-Nachrichten nach Mitternacht. Unsere zweijährige Superfreundschaft fühlte sich an wie längst vergangene Sommerferien.

Als wäre es gestern gewesen

Hin und wieder verabredeten wir uns, doch meistens kam uns am Ende etwas dazwischen. Wir hatten die Hoffnung fast aufgegeben, als wir es diese Woche dann schließlich doch noch schafften. Keine „Zwischen-Tür-und-Kühlschrank“-Begegnung auf einer Party, sondern ein kompletter Feierabend – nur für uns. Über zwei Jahre lag das letzte Treffen dieser Art zurück. Wir hatten uns verändert, alles hatte sich verändert. Doch schon nach der Begrüßung war klar: unsere Freundschaft war auf ihre eigenwillige Art dieselbe geblieben. Kein vorsichtiges Beschnuppern, kein peinliches Schweigen. Wir setzten da an, wo wir vor einer gefühlten Ewigkeit auseinandergegangen waren. Der Abend begann mit einer Zusammenfassung der letzten Staffel unseres Lebens und endete – nach dem gegenseitigen Anvertrauen neuester Geheimnisse und Lebensziele – mit einem schlichten „Du hast mir gefehlt.“

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*