Die Illusion der Zeit

„Je älter du wirst, desto schneller rast die Zeit an dir vorbei.“ So lange ich denken kann, habe ich Erwachsene diese Worte sagen hören: Eltern, Lehrer, Omas, Opas – sie alle waren sich einig, dass die Uhrzeiger mit zunehmendem Alter einen Zahn zulegen.

In meinen Augen waren sie selbst jedoch die einzigen, die nicht richtig tickten. Eine Woche bestand schließlich aus sieben Tagen, daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern. Also verstaute ich die Theorie der Zeitverschiebungsillusion in einer imaginären Schublade mit der Aufschrift „Binsenweisheiten“ – direkt neben „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Doch irgendwann zwischen Erstsemesterparty und letztem Wochenende ist es passiert: die Zeiten haben sich im wahrsten Sinne des Wortes verändert. Urlaube fühlen sich nicht mehr nach unendlichen Sommern an. Sie sind vorbei, ehe ich mich ans Ausschlafen gewöhnt habe und der erste Sonnenbrand abgeklungen ist. Gleichförmige Tage reihen sich nahtlos aneinander wie eine gut sitzende Siebzigerjahre-Tapete und ehe ich dazu komme, einen Adventskranz zu besorgen, sitze ich auch schon wieder unterm Weihnachtsbaum. Es stimmt, die Zeit rast mit einem Affenzahn an mir vorbei.

Netflix-Zombies

Manchmal habe ich Angst, dass ich alt werde – und zwar von heute auf morgen. Denn während ich mich von Wochenende zu Wochenende hangele, um an den ersehnten zwei Tagen erschöpft auf der Couch wegzudösen, zieht die Zeit ohne mich ins Land. Ich werde mich nicht an den Tag zurückerinnern, als das Abendbrot besonders lecker und die Filmauswahl auf Netflix mal wieder schwierig war. Tage wie diese verschwimmen schon kurze Zeit später zu einem erinnerungslosen Alltagsbrei. Ich habe keine Lust, morgen zu merken, dass schon wieder Silvester ist und mich fragen zu müssen, wo die Zeit geblieben ist. Wie ich das verhindern will? Ich zwinge mich, den Arsch hochzukriegen! Ich gehe spazieren, um den Wechsel der Jahreszeiten hautnah mitzuerleben. Ich treffe Freunde zu Kaffee, Kuchen und Cocktailtomaten, um mich auszutauschen und Unsinn zu reden.

Arsch hochkriegen

Ich besuche Ausstellungen, Konzerte und (neue) Familienmitglieder, um Eindrücke und Inspirationen zu sammeln. Und ich fahre so oft wie möglich weg, um den Alltagstrott zu durchbrechen und so bleibende Erinnerungen zu schaffen. Ich weiß, es ist schwer, sich aufzuraffen. Doch ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, an dem ich es bereut habe, etwas unternommen zu haben. Aus diesem einen Grund habe ich in letzter Zeit verschiedene Freunde nach Feierabend getroffen, obwohl ich müde war. Ich habe eine Ausstellung besucht, die seit zehn Monaten auf meiner To-Do-Liste stand, obwohl ich selbst nicht mehr damit gerechnet habe. Ich habe Blog-Artikel geschrieben, obwohl mir nach Schlummern zumute war und ich habe mit leerem Magen gegen die AFD demonstriert, obwohl ich im Schlafanzug hätte brunchen können. Silvester werde ich mich an jeden einzelnen dieser Tage erinnern. Und jetzt – jetzt fahre ich nach Berlin! Und du?

2 Kommentare zu Die Illusion der Zeit

  1. Ich gehe jetzt lecker essen. Und werde am Samstag zum ersten mal das Baby meiner allerersten besten Freundin sehen und drücken. Und du hast recht damit, dass man es danach nie bereut, den Arsch vom Sofa bekommen zu haben. Habt eine gute Zeit und denkt dran: Die Zukunft gehört uns <3

  2. Diana Ringelsiep // 19. April 2017 um 10:26 // Antworten

    Das tut sie! Dir und mir und all den anderen <3
    GRLPWR!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*