Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin

Nach Hause kommen ist ein gutes Gefühl. Der vertraute Geruch, die altbekannte Umgebung und die Wärme geliebter Menschen lassen uns ankommen. Ich habe das Glück, drei solcher Orte zu haben. Nach der Arbeit fahre ich jeden Tag nach Hause in meine geliebte Altbauwohnung, in der Chewie seit einigen Wochen sein Winterfell und mein Freund bei Bedarf Streicheleinheiten verteilt. An den Wochenenden fahre ich regelmäßig nach Hause, um Zeit in dem hessischen Fachwerkhaus zu verbringen, in dem ich aufgewachsen bin. Und ungefähr zweimal im Jahr fahre ich nach Berlin, um zu Hause für eine Weile ich selbst zu sein.

Als wir Gründonnerstag nach sechseinhalb Stunden den Berliner Bären am Autobahnkreuz Zehlendorf passieren, kribbelt es in meinem Bauch. Erst fliegt Schöneberg an meinem Fenster vorbei, dann der beleuchtete Innsbrucker Platz in all seiner Hässlichkeit. Kurz darauf pilgern Touristenscharen vor unserer Kühlerhaube zum Sony Center hinüber. Schließlich wird der Fernsehturm vor uns größer und größer, bis er im Rückspiegel wieder Teil der Skyline wird. Und dann schließen die Stalinbauten der Frankfurter Allee ihre Arme um uns. Home Sweet Home. Zugegeben, es ist ein komisches Gefühl, fünfzig Meter von der Wohnungstür entfernt, an der einmal mein Name stand, in ein Hotel einzuchecken. Aber irgendwie fühlt es sich auch sehr undercovermäßig an. Der Rezeptionist heißt uns in Berlin willkommen. Er empfiehlt, mit dem Hund in den kommenden Tagen das Tempelhofer Feld zu besuchen. Den ehemaligen Flughafen hätten die wenigsten Touristen auf dem Schirm. Wir bedanken uns für den Tipp und rollen unsere Koffer zum Aufzug hinüber. Unser Zimmer ist klein, aber gemütlich. Beim Schließen der Vorhänge fällt mein Blick auf die Videothek auf der gegenüberliegenden Straßenseite, für die ich seit zehn Jahren eine Mitgliedskarte mit mir herumtrage. Ich bin zurück.

Mein Friedrichsheim

Am nächsten Morgen gehen wir in dem Café unter meiner alten Wohnung frühstücken. Es hat einen neuen Namen, doch die Karte ist unverändert. Ich bestelle dasselbe wie immer und streiche über den wackeligen Holztisch. Erinnerungen an Katerfrühstücke meiner Studienzeit kommen hoch. Ich erspare dem Mann weitere Details und schlürfe an meinem Mango-Minz-Shake. Beim Jungesellinnenabschied am Nachbartisch fliegt ein Sektglas durch die Luft. Es landet klirrend vor unseren Füßen. Ein vorbeilaufender Gast stößt sich vor Schreck mit einem lauten Gong den Kopf an unserer Lampe. Wir lachen über das plötzliche Chaos und beschließen zu zahlen. Der obligatorische „Spätirgang“ führt uns am Boxi vorbei, über die Oberbaumbrücke, direkt in die Arme eines guten Freundes. Im neuen Ramones Museum stoßen wir mit Bier und Fritz-Kola auf unser Wiedersehen an. Der Laden ist runtergerockter als der vorherige in Mitte. Und eine Ecke größer und gemütlicher als der erste im Bergmannskiez. Ich klopfe auf das gehäkelte „Hey ho, let’s go„-Kissen, das neben mir auf der alten Couch liegt, und freue mich über die Erkenntnis, dass es das Ramones Museum genauso lange in Berlin gibt, wie mich: seit 2005. Der neue Standort in der Oberbaumstraße ist mein persönlicher Beweis dafür, dass nicht alle Veränderungen scheiße sind. Ich bin beruhigt. Drei Stunden später sitzen wir an einem Esstisch in Friedrichshain, der viele Geschichten über uns erzählen könnte… Auf meinem Schoß quiekt ein Baby mit Sturmfrisur, das aussieht wie die perfekte Mischung aus zwei meiner besten Freunde. Die beiden strahlen trotz müder Augen. Ich erkläre sie zu Beweisstück Nummer Zwei meiner Theorie der positiven Lebensgentrifizierung und lasse mir Pasta und Garnelen schmecken. Am nächsten Tag ist es unsere eigene bevorstehende Veränderung, die mich strahlen lässt. Ich sitze im Vintage-Sessel eines 20er-Jahre-Ausstatters in Charlottenburg und beobachte meinen eigenen Freund dabei, wie er ein potenzielles Hochzeitsoutfit nach dem anderen anprobiert. In dem Moment wird es mir bewusst: Wir werden verdammt noch mal heiraten! Und es macht mir keine Angst.

Happy Zwischenstand

Im Gegenteil, die Vorstellung macht mich wahnsinnig glücklich. Ein paar Stunden später lassen wir uns in Pankow selbstgemachte Burger im Wohnzimmer zweier Lieblingsmenschen schmecken und gucken tief ins Gin-Tonic-Glas. Wir reden über absurd erwachsene Zukunftspläne und gleichzeitig ist alles wie früher. Die Ironie der Tatsache, dass ich zehn Stunden später ausgerechnet an dem Tag verkatert aufwache, an dem ich einen Termin für ein Bierchen-Bärchen-Tattoo habe, lasse ich jetzt mal unkommentiert. Doch als am Nachmittag in Hohenschönhausen die Nadel summt, bin ich wieder fit. Ein wundersüßes wie sinnfreies Tattoo reicher und ein paar Mark ärmer, mache ich mich mit dem Hund auf den Weg nach Friedrichshain, um drei weitere tolle Menschen zu besuchen. Wie immer werde ich herzlich empfangen und fest gedrückt. Ich erzähle aus meinem Ruhrpottleben, während die Kleine Chewies Fell inspiziert und ich fühle mich von ihren Eltern verstanden und lieb gehabt. Wie immer, wenn ich sie sehe. Ich bin froh, dass ich sie habe. Es folgt ein letzter Abend im Kreise der gebeutelten Ginchillas beim Lieblingsitaliener und ein Abschiedsbrunch am nächsten Morgen bei dem Baby mit der Sturmfrisur. Wie immer habe ich mir die letzte Umarmung, bevor es zurück auf die Autobahn geht, für meine beste Freundin aufgehoben. Doch diesmal macht es mich nicht so traurig wie die letzten Male, wieder fahren zu müssen. Denn selten habe ich all meine Berliner so glücklich gesehen. Und ich bin es auch, bloß mittlerweile in einem anderen zu Hause.

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