MoinMoin, Christian Gronewold!

Foto: Herrmann Jansen

Habe ich eigentlich schon mal meine Abneigung gegenüber Tattoo-Conventions erwähnt? 20 Euro Eintritt sind ein stolzer Preis, um in eine Messehalle zu gelangen, in der Tätowierer wie reisende Zirkustiere in engen Parzellen ausgestellt werden. Doch manchmal lohnt es sich, über die Umstände hinwegzusehen und die Manege zu betreten. Denn oft bietet sich dort die Gelegenheit, die Bekanntschaft besonders talentierter Exemplare aus exotischer Ferne zu machen: in diesem Fall die von Christian Gronewold aus Hamburg.

Im ersten Moment glaube ich, wir sind falsch, als wir die Dortmunder Westfalenhalle betreten. Sneaker-Stände soweit das Auge reicht, ein paar Jungs in Trikots der Harlem Globetrotters, die sich um einen Basketballkorb tümmeln, tiefergelegte Tuning-Karren mit Metalliclackierung im Hintergrund. Über eine Rolltreppe gelangen wir in die obere Etage, wo uns das eintönige Surren zahlloser Tätowiermaschinen empfängt. Der Geruch von Desinfektionsmitteln hängt in der Luft und auf einer Bühne, die sich irgendwo außerhalb unseres Sichtfeldes befindet, plärrt eine Moderatorin ins Mikrofon. Wohin man auch schaut, schieben sich Menschen durch die Gänge, die aller Wahrscheinlichkeit nach „Ruhrpott“-Schriftzüge in Sütterlin auf ihren Wampen spazieren tragen oder sich nicht entscheiden können, welcher Tätowierer die größte Kompetenz in Sachen „Unendlichkeitszeichen auf dem Handgelenk“ mitbringt. Der Grund für unseren Sonntagsausflug an diesen Ort des Schreckens heißt Christian Gronewold.

In Hamburg sagt man Digga

Vor rund einem Jahr habe ich den gebürtigen Ostfriesen auf Instagram entdeckt. Seither steht er auf meiner Wanna-Have-Liste ganz oben. Ob maritime Motive wie Buddelschiffe oder detailverliebte Lückenfüller – sobald Christian die Nadel ansetzt, ist es um mich geschehen. Also fragte ich irgendwann unverbindlich nach, ob er nicht mal einen Guest-Spot in Ruhrgebiet plane. Das war leider nicht der Fall, umso mehr freute ich mich, als er mir Monate später schrieb, dass er zur Convention nach Dortmund kommen würde. Der Termin bei dem sympathischen Pauli-Fan war somit Ehrensache. Hinter dem Stand, den er sich mit seinem Duisburger Kumpel Kevin Novak teilt, ist es eng, doch die beiden nehmen es mit Humor. Während ich auf einem Stuhl Platz nehme, muss Kevins Kunde auf einem Bein stehen, bis der „In Hamburg sagt man Digga“-Schriftzug auf seiner Wade fertig ist. Für Lacher unter den vorbeiströmenden Besuchern ist somit gesorgt. Christian ist vor Jahren als Zivi nach Hamburg gekommen. Doch anstatt im Anschluss in die große weite Welt hinaus zu ziehen, was der eigentliche Plan war, lief ihm in der Hansestadt seine heutige Frau Kati über den Weg. Mittlerweile haben die beiden eine Tochter und ein gemeinsames Studio in Altona, wo der Tätowierer und die Grafikdesignerin ihre Kunden in einem stilvollen Altbau empfangen.

Tattoo & Design

„Hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen, mit 31 ein verheirateter Vater zu sein, der seinen eigenen Laden hat“, schmunzelt Christian und streicht konzentriert den Stencil auf meinen Oberarm. Als es losgeht, bin ich von mir selbst überrascht. Obwohl ich bei meinen letzten Terminen zunehmend zu einer Memme geworden bin, ist der Schmerz heute super auszuhalten. Wir reden über unsere Arbeit, den letzten Urlaub und das Leben im Ruhrgebiet. „Ich mag die Mischung aus Natur und Industriekultur hier“, verrät das Nordlicht. „Außerdem sind die Leute echt cool, auch wenn ich den Dialekt echt lustig finde.“ Seinen eigenen hört er wahrscheinlich nicht, aber ich könnte ihm ewig zuhören. Neugierig schaut Andi mir über die Schulter, dem Christian zuvor einen außerordentlich schönen Kraken-Seemann auf den Unterarm gesetzt hat. Seinem anerkennenden Nicken zufolge muss auch mein Girlpower-Molotowcocktail die hochgesteckten Erwartungen erfüllen. Nach eineinhalb Stunden habe ich es geschafft. Erschöpft vom Tätowiertwerden, Rumlaufen und der allgemeinen Reizüberflutung machen wir uns auf den Weg nach Hause. Christian wird an dem Abend noch zurück zu seinen Lieben nach Hamburg fahren – jedoch nicht, ohne uns vorher noch eine Einladung zu einem Ostfriesentee in seinem heimischen Studio auszusprechen. Auf den Tee werden wir bei unserem nächsten Besuch in der Hafenstadt zurückkommen. Und definitiv auch wieder ein Tattoo mitnehmen. Meine Meinung? Ausnahmetalent!

Mehr Infos
Website: gronewold-tattoo.de
Facebook: facebook.com/Gronewold-Tattoo-Design
Instagram: istagram.com/christiangronewold_tattoo

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