Zwei Punker wollten Hochzeit machen

Das Gefühl am Tag der Hochzeit: kann man sich nicht ausdenken.

Seit wir aus den Flitterwochen zurück sind, fühle ich mich wie eine gut durchgelüftete Kneipe, an deren Tresen noch ein paar Konfettireste kleben. Über ein Jahr lang hat sich alles um diesen einen Tag gedreht. Wir haben ihn uns immer wieder ausgemalt und unzählige Vorbereitungen getroffen. Dann war er plötzlich da und hat in mehrfacher Hinsicht alle Erwartungen übertroffen. Was bleibt, ist das Glück.

Der absurdeste Moment ist der, in dem man im Brautkleid das Haus verlässt. Bis dahin war ich einigermaßen cool. Schließlich hatte ich es schon mehrfach anprobiert und selbst die Frisur hatten wir vorab geprobt. Doch in dem Aufzug auf die Straße zu treten, ist eine ganz andere Hausnummer. Mit flatterndem Herzen starrte ich aus dem Fenster des Taxis und klammerte mich an meiner Tasche fest. Meine Brautjungfern redeten aufgeregt durcheinander. Doch ich hörte ihnen nicht zu. Ich hörte gar nichts mehr. Als wir das Standesamt erreichten, waren die anderen schon da. Schnurstracks ging ich auf den Mann der Stunde zu und gab ihm einen Kuss. Das tat gut. Erst dann merkte ich, dass bei einigen Familienmitgliedern im Hintergrund bereits die ersten Tränen flossen. Das emotionale Fenster sollte von da an weit geöffnet bleiben. Während der Trauung dann großes Entsetzen: „Was bedeutet es Ihnen, sich heute vor Ihren Angehörigen das Jawort zu geben?“ Die Standesbeamtin sah mich erwartungsvoll an und noch während ich hoffte, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelte, ahnte ich, dass dem nicht so war. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich spürte die Blicke der Anwesenden im Nacken und wie damals im Matheunterricht stieg die blanke Panik in mir auf. Da ergriff der Bräutigam das Wort. Ich weiß bis heute nicht, was er gesagt hat – erst Lou Reeds „Perfect Day“ weckte mich aus meinem Blackout. Es folgten Unterschriften, Ringe, ein Kuss und Applaus, dann standen wir auch schon wieder auf der Straße. Mit einem Cocktail in der Hand nahmen wir die Glückwünsche unserer Lieben entgegen, schlenderten durch die Altstadt und lächelten in fremde Passanten-Handys. Mit dem Bauch voller Kuchen ging es zwei Stunden später schließlich weiter zur Party-Location, wo wir die Bands in Empfang nahmen und letzte Absprachen trafen, bevor die Gäste kamen.

Perfect Day

Acht Stunden hatten wir am Vortag mit unseren Helfern gebraucht, die Tische einzudecken, die Blumen zurechtzuschneiden und alles im Stil der 20er-Jahre zu dekorieren. Und da standen wir nun, inmitten einer perfekten Gatsby-Kulisse. Und plötzlich bekam ich weiche Knie. Nein, mir rutschte das Herz in die Hose. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder auch nur eine weitere Gratulation entgegenzunehmen, schlich ich in einem unbeobachteten Moment zu den Toiletten und sperrte mich in einer der Kabinen ein. Ein paar Minuten lang saß ich einfach bloß da – in einer Wolke aus Tüll und mit dem Puls einer Spitzmaus – auf dem Klo. Bald würden über 100 Gäste aus ganz Deutschland, Belgien, Portugal, Kanada und den USA eintreffen, nur um uns in die Arme zu schließen. Mir ging der Arsch auf Grundeis. Ich zwang mich tief durchzuatmen, dann ging ich zurück auf den Hof, wo ich bereits für ein Fotoshooting gesucht wurde. Andi streckte die Hand nach mir aus und strahlte übers ganze Gesicht. Mein Herz hüpfte, ich war ein gottverdammter Glückspilz. Als die ersten Gäste dann eintrafen, wurde ich ein bisschen ruhiger, wenn auch nicht weniger emotional. Jeder einzelne von ihnen sah umwerfend aus. Beim Anblick einer Freundin in einem pailettenbestickten Charleston-Kleid brach ich ohne Vorwarnung in Tränen aus – und es folgten noch so einige schöne Menschen und Momente. Das Gefühl, das mich an diesem Nachmittag umgab, werde ich nie in Worte fassen können. Umgeben von unseren Familien, engsten Freunden und einzigartigen Menschen aus untschiedlichsten Lebensabschnitten fühlte ich mich unglaublich geliebt. Und zwar von jedem einzelnen – ganz besonders von dem strahlenden Mann an meiner Seite, dem ich ansah, dass er dasselbe fühlte. Die Gläser klirrten im Takt der Akustikband, die für uns spielte und die Sonne tauchte alles in ein warm-kitschiges Licht. Es war genauso wie wir es uns vorgestellt hatten und doch irgendwie besser. Als sich eineinhalb Stunden später alle auf ihren Plätzen einfanden, war es an der Zeit für unsere inoffizielle Hochzeitszeremonie: nacheinander ließen wir uns inmitten unserer Gäste jeder einen Anker auf den Ringfinger tätowieren. Der Schmerz tat gut, er erdete in all der Aufregung. Denn er war beruhigend real. Alle anderen vertrieben sich währenddessen die Zeit damit, die temporäre Variante unseres Tattoos auf ihre Finger zu kleben – das machte uns zu einer ziemlich coolen 120-köpfigen Gang.

Legendäre Eskalation

Und dann wurde die absurdeste aller Hochzeitsforen-Theorien wahr: Das Buffet wurde eröffnet, und ich hatte keinen Hunger. Eigentlich holte ich mir bloß was, weil ich wusste, dass es von mir erwartet wurde. Klar, es schmeckte köstlich, wenn ich mich darauf konzentrierte, aber eigentlich war ich ganz woanders. Soviel zum traurigen Teil der Veranstaltung. Eine andere Weisheit bewahrheitete sich hingegen nicht. Der Tag ging nicht vorbei wie im Flug. Niemand hat geschnipst und alles war gelaufen. Im Gegenteil, rückblickend glaube ich, dass ich nicht viele Tage in meinem Leben so intensiv erlebt habe wie diesen. Im Grunde war es der längste von allen, denn ich spüre ihn noch immer – einen ganzen Monat später. Kein Wunder, schließlich war ich bis über beide Ohren verliebt, überwältigt von Freundschaft und berührt von der Liebe unserer Familien. Und obendrein war ich ständig nervös und musste mich einigen Herausforderungen stellen. So hat es mich all meine Überwindung gekostet, auf die Bühne zu gehen und die Punkrock-Karaoke-Party mit einer Live-Band im Rücken zu eröffnen. Ich war nicht nur ein bisschen nervös – ich habe gezittert wie ein Junkie! Aber auch das habe ich mit dem Supertyp an meiner Seite geschafft. Gemeinsam haben wir einen Song von Feine Sahne Fischfilet zum Besten gegeben und es fühlte sich an wie eine Zugabe in der ausverkauften Westfalenhalle. Danach folgte das mit Abstand beste Konzert unseres Lebens, mit den umwerfendsten Menschen der ganzen Welt am Mikrofon: unseren Freundinnen, Kumpels, Onkels und Trauzeugen. Nass geschwitzt eskalierten sie im feinen Zwirn auf Bühne und Tanzfläche bis auch die letzte Fliege durch den Raum flog. Dass all das nie mehr zu toppen sein würde, wurde mir in dem Moment klar, als ich gerade mit meinem Bruder das Mikro teilte und sich im Publikum eine Gasse bildete, um unsere 83-jährige Oma durchzulassen. Am Tag zuvor hatte sie sich noch Spritzen gegen die Schmerzen in beide Knie geben lassen und nun tanzte sie – laut lachend zu Iggy Pop.

Foto: Chris von Studio 152
Haare & Make-up: Kathi von Frollein Babelott
Outfit Bräutigam: Retronia Berlin
Kleid: Lilly Brautmoden

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