Flittern in Florida: Welcome to Miami

Schweißtreibende Fahrradtour nach South Beach

Seit feststeht, dass meine Lungenembolie wahrscheinlich durch Pille und Langstreckenflug ausgelöst wurde, gucke ich immer häufiger in bestürzte Gesichter: „Wie furchtbar, dass eure Flitterwochen nun für immer diesen bitteren Beigeschmack haben werden.“ Doch ich kann euch beruhigen ­­– das einzige, was einen bitteren Beigeschmack behalten wird, sind hormonelle Verhütungsmethoden. Unsere Reise hingegen hätte perfekter nicht sein können und da die Beschwerden erst einen Monat nach unserer Rückkehr einsetzten, verbinde ich Miami lediglich mit den folgenden wunderbaren Erinnerungen.

„How are you?“, begrüßte uns das Bodenpersonal von Delta Airlines zwei Tage nach unserer Hochzeit. Uns ging es großartig, schließlich waren wir auf dem Weg in die Flitterwochen, wo wir uns die ersten Tage nicht vom Pool wegbewegen und uns vom Stress der vergangenen Wochen erholen wollten. „Congratulations!“, freute sich die Dame am Check-in, als sie den Grund unserer Reise erfuhr. Eine halbe Stunde später wurden wir über Lautsprecher erneut zum Schalter gebeten – um ein kostenloses Upgrade in die Comfort-Class entgegenzunehmen. In Miami angekommen, stellte sich schnell heraus, dass sich die Honeymoon-Info auch in anderen Situationen als nützlich erwies. So bekamen wir auf diese Weise ein besonders schönes Zimmer mit Top-Aussicht, einen überraschenden Sekt-Empfang sowie diverse Gratis-Getränke in den unterschiedlichsten Lokalen. Nachdem wir unsere Jetlags am Pool weggeschlummert hatten, juckte es uns bereits am zweiten Tag in den Fingern. Also beschlossen wir, die geplante Pool-Woche über Bord zu werfen und uns direkt in die tropische Hitze zu stürzen. Hier unsere Highlights:

Miami Beach: Art Deco District

Der berühmte Ocean Drive aus der ersten Dexter-Folge.

Der berühmte Ocean Drive aus der ersten Dexter-Folge

Unser Hotel im mittleren Teil von Miami Beach erwies sich als perfekter Ausgangspunkt, um die vorgelagerte Insel im Atlantischen Ozean zu erkunden. Der hölzerne Ocean-Walk, der zwischen Pool und Strand lag, führte direkt nach South Beach. Also marschierten wir am zweiten Tag los, um unsere Umgebung zu Fuß zu entdecken. Neben dem etwa 14 Kilometer langen weißen Sandstrand, zählt vor allem das Art-Deco-Viertel zu den Attraktionen der Insel, die über vier Brücken mit dem Festland verbunden ist. Klar, dass unsere Herzchen in dieser Gatsby-Kulisse höherschlugen. Um die Transpiration in Grenzen zu halten, nutzten wir an den folgenden Tagen meistens den „Miami Trolley“, um nach South Beach zu kommen – einen kostenlosen Shuttle-Service, der seine Runden auf der Insel dreht. Die absolute Verausgabung folgte später im Fahrradsattel. Unser Hotel stellte nämlich Beach Cruiser zum kostenlosen Verleih bereit. Mit denen machten wir uns eines Morgens auf den Weg zum südlichsten Zipfel von Miami Beach, dem South Pointe Pier. Von dort aus bot sich uns ein einzigartiger Ausblick über Strand und Skyline, bevor es über den berühmten und palmengesäumten Ocean Drive zurück zum Hotel ging. Eine atemberaubende Erfahrung – wörtlich genommen.

Biscayne Bay Cruise

Perspektivwechsel beim Bicayne Bay Cruise

Perspektivwechsel beim Bicayne Bay Cruise

Der Bayside Marketplace ist ein ziemlicher Touri-Treff. Unzählige Souvenir-Shops, Restaurants und Geschäfte laden am Hafen von Miami zum Shoppen und Futtern ein – kann man mal machen. Zu den Highlights zählte auf jeden Fall das „Bubba Gump“-Restaurant, wo wir super lecker gegessen haben: Shrimps mit Knoblauch, Shrimps mit Dips, Shrimps mit Kokospanade, Shrimps am Rand einer Bloody Mary u.v.w.S. (und viele weitere Shrimps). Auch der Disney-Store hatte es mir angetan, doch ein gewisser Mitreisender hat mir verboten, einen echten Buzz Lightyear zu kaufen, was fast zu unserem ersten Ehestreit führte. Daher lasse ich das Thema besser ruhen, bevor sich die Gemüter wieder erhitzen. Natürlich haben wir auch die Paparazzi-Bootstour mitgenommen. Der Blick auf die Skyline war vom Wasser aus schon mal ziemlich super. Als wir dann Fisher Island passierten, erklärte die Reiseführerin: „On the right you see the island with the highest per capita income in the USA – say hi to Boris Becker, Julia Roberts, Madonna, Lenny Kravitz, P. Diddy, Oprah Winfrey and Jack Nicholson.” Vom Wasser aus sah die Insel, die nur per Boot und Hubschraubschauber zu erreichen ist, jedoch wenig spektakulär aus. Interessanter wurde es da schon an der „Millionaire’s Row“, wo es eine Protzvilla nach der anderen zu bestaunen gab. „In der Villa links wurde Scarface gedreht, da drüben hat Al Capone gewohnt, hier vorne die gehört Will Smith, dahinten wohnt J-Lo…“ Dabei fuhren wir immer wieder an Yachten mit lauter Musik vorbei, auf denen die „Rich Kids von Instagram“ Selfies mit Champagnerflaschen und Duckfaces machten. Alles in allem ziemlich verstörend. Ich für meinen Teil wusste im Anschluss jedenfalls nicht, ob ich auf die Villen neidisch oder einfach nur froh sein sollte, ein normales Leben zu führen.

Road Trip – Florida Keys & Key West

Am südlichsten Zipfel der USA waren wir näher an Kuba als an Miami

Am südlichsten Zipfel der USA waren wir näher an Kuba als an Miami

Einer der schönsten Tage der Reise war definitiv unser Road Trip nach Key West. Nachdem wir den Stadtverkehr Miamis schon morgens hinter uns gelassen hatten, streckten wir unsere Hände aus dem offenen Cabrio-Dach des Mietwagens und drehten das Radio bei „Lola“ von den Kinks voll auf. Am Südzipfel Floridas angekommen, führte uns der Overseas Highway schließlich über 42 Brücken von Insel zu Insel. Nicht weniger als 100 Meilen lang schauten wir links auf den Atlantik und rechts auf den Golf von Mexiko – es war unverschämt schön. Hin und wieder warnte ein gelbes Schild vor Krokodilen, das Wasser wurde immer türkiser, die Holzhäuser immer bunter. In Key West angekommen, transpirierten wir durch das subtropische Städtchen und erfreuten uns an Regenbogen-Zebrastreifen und einem Iced Smoothie, der uns am Straßenrand in einer ausgehölten Ananas gereicht wurde. Am liebsten hätten wir uns direkt in einem der pastellfarbenen Häuschen mit Veranda niedergelassen. Doch das wollten wir Chewie nicht antun, also setzten wir unseren Ausflug fort. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, auch das Haus von Ernest Hemingway zu besichtigen und ein Foto am Southernmost Point zu machen. Denn am südlichsten Punkt der Staaten waren wir tatsächlich näher an Kuba als an unserem Hotel in Miami.

Wynwood Art District

Streetart-Flash an den Wynwood Walls

Streetart-Flash an den Wynwood Walls

Wo früher einmal der Drogenschmuggel im Mittelpunkt stand, befindet sich heute Miamis Kreativ-Schmelztiegel. Im Stadtteil Wynwood haben sich in den letzten zehn Jahren unzählige Künstler niedergelassen, die dem Viertel sprichwörtlich einen neuen Anstrich verpasst haben. Galerien, Museen, Ateliers und Kunstwerke soweit das Auge reicht. Das Zentrum bilden die Wynwood Walls. Der frei zugängliche Kunstpark, den auch „OBEY“-Ikone Shepard Fairy mitgestaltet hat, ist das vielleicht größte Open-Air-Streetart-Museum der Welt. Vier Stunden sind wir in Wynwood herumgelaufen, gesehen haben wir lediglich einen Bruchteil der dort allgegenwärtigen Kunstwerke. Das Ergebnis: hundert Selfies und die totale Reizüberflutung.

Little Havanna & Little Haiti

mojitos kuba

Die weltbesten Mojitos gab’s in Little Havanna

Unsere Kneipen-Highlights haben wir nicht im hippen und überteuerten Miami Beach ausgemacht, sondern in zwei Einwanderervierteln auf dem Festland: in Little Haiti und Little Havanna. Ersteres ist jetzt nicht gerade ein Ort, an dem man auf andere Touristen trifft. Selbst der Uber-Fahrer ließ uns sicherheitshalber lieber in einer bewachten Wohnanlage raus, die wir anschließend auf dem Fußweg verließen. Auf der Straße wurden wir tatsächlich hin und wieder schräg angeguckt und so richtig wohl war uns nicht zumute, als wir an den runtergerockten Hütten vorbeiliefen. Doch der Plattenladen SWEAT RECORDS riss dann alles raus. Mit einem Stapel Vinyl unterm Arm besuchten wir anschließend Miamis berühmteste Punkrockkneipe, die sich direkt nebenan befand. Im Churchill’s Pub gab es an dem Sonntagnachmittag Livemusik von der Lone Wolf One Man Band und einen Punkrock-Flohmarkt. Das war ziemlich cool. So schlürften wir stilecht ein paar Pabst Blue Ribbon und wühlten uns durch die Stände. Als wir nach ein paar Stunden später wieder die Straße betraten, wollte ich gerade sagen, dass die Gegend ja eigentlich doch ganz nett sei, als ein paar Meter weiter fünf Streifenwagen mit quietschenden Reifen zum Stehen kamen und mehrere Polizisten herausstürmten, um das Pärchen vor uns festzunehmen. Auf den Schreck gingen wir erst mal zu Taco Bell. Einen anderen spektakulären Abend verbrachten wir in Little Havanna, einem Viertel in Downtown Miami, das als bekannteste Gemeinschaft von Exilkubanern weltweit gilt. Die Atmosphäre dort war unbeschreiblich. Zigarrenrauch hing in der Luft und aus jedem zweiten Laden drang kubanische Musik auf die Straße. Wir landeten schließlich im Cubaocho Museum and Performing Arts Center, einer mit Antiquitäten vollgestopften Kneipe mit Livemusik und den besten Mojitos, die wir je getrunken haben. Sagen wir mal so: Diesen Abend behalten wir in großartiger (wenn auch verschwommener) Erinnerung. Für immer.

Everglades Nationalpark

Verkatert in den Everglades - uff!

Verkatert in den Everglades bei 36 Grad im Schatten – uff!

Weshalb wir unsere Mojito-Leidenschaft ausgerechnet an dem Abend entdecken mussten, bevor es früh morgens in die Everglades ging, werden wir wohl nie erfahren. Ich weiß nicht, ob es am Kater, der Hitze oder beidem lag – aber meine Begeisterung für das UNESCO-Welterbe hielt sich in Grenzen. Nennt mich eine Naturbanausin, aber es war halt ein Sumpf. Die Fahrt mit dem Airboat machte schon Spaß, denn ich hätte nie gedacht, wie krass die Teile abgehen. Doch hauptsächlich werde ich von diesem Ausflug die Angst in Erinnerung behalten, dass der Ranger mir die gelbe Python um den Hals hängen könnte. Und natürlich die unzähligen Mückenstiche.

Coral Gables: Venetian Pool & Biltmore Hotel

Schwimmen im Steinbruch, wo einst wilde Gatsby-Partys gefeiert wurden

Schwimmen im Steinbruch, wo einst wilde Gatsby-Partys gefeiert wurden

In Miami Eintritt für ein Freibad zahlen? Ich gebe zu, das klingt bekloppt. Doch der Venetian Pool in Coral Gables war es wert. Der Stadtteil wurde in den 1920er-Jahren im mediterranen Stil gestaltet und sollte den Bewohnern Raum für Erholung bieten. Kurzerhand wurde der ehemalige Korallenkalk-Steinbruch geflutet und zu einer der größten Swimmingpool-Anlagen der USA umfunktioniert. Heute ist das Schwimmbad, in dem damals die „Roaring Twenties“ gefeiert wurden, im „National Register of Historic Places“ gelistet. Besonders groß fanden wir den Pool jetzt nicht unbedingt, doch der historische Flair und die Wasserfälle haben uns definitiv gefallen – und die erwachsenen Amerikaner, die sich nur mit Schwimmflügeln hineingetraut haben, waren auch sehr unterhaltsam. Nach dem Plantschen machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum nahegelegenen Biltmore Hotel. Das ebenfalls in den Zwanzigern eröffnete Luxushotel, in dem schon so mancher Film gedreht wurde, ließ mir keine Ruhe. Also marschierte ich selbstbewusst über den roten Teppich auf den Eingang zu und nickte dem Pagen freundlich zu. Der machte prompt einen Knicks und öffnete mir mit den Worten „Good evening, Madame“ die Tür. Ich war begeistert – vom Inneren des Hotels übrigens auch.

Coconut Grove: Vizcaya Gardens

In der weitläufigen Gartenanlage von Vizcaya ließ es sich aushalten

In der weitläufigen Gartenanlage von Vizcaya ließ es sich aushalten

In Anbetracht unserer europäischen Geschichte und dem damit verbundenen Kulturgut, mag Vizcaya Gardens uns nicht so umhauen wie manchen Amerikaner – doch beeindruckend ist dieser verwunschene Ort allemal. James Deering, Erbe des Traktor-Imperiums, war nicht nur unfassbar reich, sondern auch ein großer Europa-Fan. So ließ er Anfang des 20. Jahrhunderts Unmengen an Material vom alten Kontinent heranschiffen: Marmor aus Italien, Gemälde aus Frankreich, Stoffe aus Spanien… Das im Stil der Renaissance erbaute Schloss mit den erhabenen Gartenanlagen hat seinen Zweck nicht verfehlt: Ist man erst mal drin, vergisst man ruckzuck, dass man in Florida ist und möchte mit Worten wie Buongiorno, Scusi und Grazie um sich werfen. Doch der Höhepunkt des weitläufigen Areals war die weitläufige Gartenanlage mit ihren uralten Bäumen und schattigen Plätzen. Da ließ es sich aushalten.

Fazit:

Schöner hätten unsere Flitterwochen nicht sein können und obendrein hatten wir auch noch großes Glück, denn bekanntermaßen zog mit Irma zwei Wochen nach unserer Abreise, der schlimmste Hurricane seit Beginn der Aufzeichnungen über Florida hinweg. Die Inseln der Keys und Miami Beach mussten komplett evakuiert werden, während wir unsere Popos bereits ins Trockene gebracht hatten und in wundervollen Erinnerungen schwelgten. Alles was dann kam ist ein anderes Kapitel.

2 Kommentare zu Flittern in Florida: Welcome to Miami

  1. Liana v. fromberg-Koch // 24. Oktober 2017 um 9:22 // Antworten

    Sehr schöner Bericht! Konnte alles so gut nachvollziehen, habe Florida vor ein paar Jahren auf den gleichen Spuren ganz ähnlich erlebt.

    • Freut mich, dass ich dich noch mal dahin mitnehmen konnte 🙂 Ich war wirklich geflasht von dem Karibflair und der pastellfarbenen Art-Deco-Kulisse.

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