Genesung: Schritt für Schritt

Vor fünf Wochen bin ich aus dem Krankenhaus in die heimische Bettruhe entlassen worden und noch immer erreichen mich täglich Nachrichten, in denen ihr euch nach meinem Befinden erkundigt und mir die Daumen für eine schnelle Genesung drückt. Das rührt mich sehr und daher möchte ich euch teilhaben lassen – an den kleinen und großen Schritten, die es seither bergauf ging, aber auch an den frustrierenden Momenten, in denen mir alles nicht schnell genug geht.

Ich habe nun drei Wochen Reha hinter mir und es geht Stück für Stück bergauf. So falle ich morgens beim überwachten Ergometertraining nicht mehr mit einem Puls von 180 Schlägen pro Minute aus dem Sattel und auch mein schmerzender Husten hat nach fünf Wochen, in denen ich furchteinflößender als Chewie bellen konnte, deutlich nachgelassen. Dennoch ist es manchmal deprimierend, dass es noch lange dauern wird, bis ich wieder so fit wie vor der Lungenembolie sein werde. Heute ist so ein Tag. Ich war zum ersten Mal seit der Diagnose mit Mann und Hund im Wald. Eine große Sache für mich den 100-Meter-Radius zu verlassen, in dem sich Apotheke, Hausarzt und Supermarkt befinden. Doch wie so oft zeigte mir dieses eigentlich positive Erlebnis, dass es ein hartes Stück Arbeit sein wird, mir so banale Alltagsrituale wie einen Sparziergang zurück zu erkämpfen. Natürlich haben wir die kleinste Runde gewählt, doch schon nach zehn Minuten brach mir trotz der kalten Herbstluft der Schweiß aus. Ich spürte die heißen Tropfen meinen Rücken hinunterlaufen wie noch vor ein paar Wochen im tropischen Miami. Mein Atem ging schneller und schon nach der kleinsten Steigung rang ich nach Luft. Kaum fiel die Wohnungstür eine Dreiviertelstunde später hinter uns ins Schloss, kamen mir die Tränen. Klar, denn „Erfolgserlebnisse“ wie diese, führen mir vor Augen, dass ich auch nach dem immer näher rückenden Ende der Reha nicht von heute auf morgen in mein altes Leben entlassen werde.

Kardiologische Reha

Die ärztlich überwachten Sporteinheiten in Fitnessstudio, Schwimmbad & Co. geben mir zwar die Sicherheit, mich an meine Grenzen heranzutasten und die alltäglichen Belastungen langsam zu steigern. Und auch die Atem- und Physiotherapie sowie die Beratungsgespräche mit Kardiologen und Psychologen helfen mir, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel ich mir nach und nach zumuten darf – doch bis ich wieder die Alte bin, liegt noch ein langer Weg vor mir. Ein halbes Jahr wird es dauern, bis sich das Blutgerinnsel in meiner Lunge aufgelöst und sich das abgestorbene Gewebe regeneriert hat – solange werde ich Blutverdünner nehmen und mit den blauen Flecken leben müssen, die ich mir an Tischkanten und beim Blutdruckmessen hole. Solange werde ich auch mit alkoholfreiem Radler anstoßen und außer Puste sein, wenn ich am Ende einer Treppe ankomme. Natürlich kotzt mich das an. Und natürlich habe ich Angst davor, dass mein Puls und mein Blutdruck sich nicht mehr einkriegen und ich mein Leben lang Medikamente nehmen muss. Aber dann fällt mir immer wieder ein, dass ich unfassbar großes Glück habe, über diese Dinge jammern zu können. Denn die Zahl derer, bei denen jede Hilfe zu spät kam, ist groß. Zu groß.

Erfolgserlebnisse sammeln

Ich versuche mich daher auf die positiven Erlebnisse zu konzentrieren. Letzte Woche war zum Beispiel meine beste Freundin aus Berlin zu Besuch und ich habe zum ersten Mal seit Wochen das Haus verlassen, um einen anderen Ort als ein Krankenhaus aufzusuchen – nämlich eine Bowlingbahn! Ich habe mich dort zwar nicht gerade mit Ruhm bekleckert, doch ich hatte einen köstlichen alkoholfreien Cocktail und eine Menge Spaß. Und das, obwohl mir nach jedem Wurf schwindelig wurde. Auch die Reha besuche ich gerne. Dort habe ich bereits einige tolle Menschen kennengelernt, die meinen Muskelkater teilen und alle ihre eigene Geschichte zu erzählen haben. Das schweißt zusammen und wenn ich mal keine Lust habe, ziehen die anderen mich mit. Und für dieses Wochenende habe ich mir etwas ganz Besonderes vorgenommen: Nach drei Monaten möchte ich endlich meine verwaschenen Haare färben. Denn ich bin es leid, jeden Morgen wenn ich zur Zahnbürste greife, von einer blassen Kranken im Spiegel angestarrt zu werden. Ja, ich hatte schon bessere Zeiten, doch ich hole mir mein Leben zurück – vielleicht sogar ein besseres, denn es wird sich einiges ändern.

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