Zeitreise mit dem Wochenendticket

Wer seine Jugend in den Neunzigerjahren auf dem Land verbracht hat, weiß um die Bedeutung des legendären Wochenendtickets. Die Terrorgruppe lieferte mit dem gleichnamigen Song damals sogar den passenden Soundtrack für die günstigen (Konzert-)Ausflüge in diverse Großstädte: „Fünf Punks und ein Fahrschein, Dosenbier und Rotwein, so brechen wir auf…“ Noch heute wecken diese Zeilen Erinnerungen an eine aufregende Zeit. Joachim Hesse ist in derselben nordhessischen Kleinstadt aufgewachsen wie ich – in Frankenberg/Eder. In seinem gerade erschienenen Roman „Wochenendticket“ nimmt er seine Leser mit in die Silvesternacht 1996, die er damals mit seinen Freunden in Hamburg verbracht hat – auf einem Tocotronic-Konzert.

Wie fühlt es sich an, nach über zwei Jahren Schreibarbeit endlich den fertigen Roman in den Händen zu halten?
Kaum zu glauben, dass ich so lange durchgehalten habe. Über einen so langen Zeitraum habe ich noch nie an einem Buch geschraubt. Natürlich ist es ein tolles Gefühl, doch es kommt mir auch noch ein bisschen unwirklich vor.

Was war die größte Herausforderung? Gab es Momente, in denen du am liebsten alles hingeschmissen hättest?
Die größte Herausforderung war definitiv das Dranbleiben. Längere Schreibpausen sind mit einem großen Aufwand verbunden, weil es einem danach oft nicht leichtfällt, wieder in die Story reinzukommen. Daher habe ich während der Arbeit an dem Roman beispielsweise so gut wie keine Bücher gelesen. Den Luxus konnte ich mir neben Job und Familie nicht leisten, denn das wäre verlorene Zeit gewesen. Einen Moment, in dem ich hinschmeißen wollte, gab es trotzdem nicht. Doch letztes Jahr im Frühjahr stand „Wochenendticket“ in der geplanten Form ein wenig auf der Kippe. Ich wollte unbedingt Textzeilen von Tocotronic als Kapitelüberschriften verwenden, also bat ich Band und Plattenfirma um Erlaubnis. Das war eine zittrige Phase für mich, da ich nicht einschätzen konnte, ob sie mir grünes Licht geben würden. Doch genau das bekam ich: per Mail, an meinem Geburtstag.

Die Geschichte beginnt Ende 1996 und handelt von einer Gruppe Teenies aus unserer gemeinsamen Heimatstadt Frankenberg. Wie viel Autobiografie steckt in dem Buch?
Etliches ist so oder so ähnlich passiert. Einiges ist komplett erfunden. Ich konnte mich sowieso nicht mehr an alles erinnern, da bot es sich an, die Story bewusst zu pimpen. Die Charaktere habe ich ebenfalls nicht eins zu eins übernommen. Manches habe ich im Laufe des Lebens irgendwo aufgeschnappt. So ist zum Beispiel die Nummer mit den Weinbergschnecken in Wirklichkeit dem Arbeitskollegen meines Bruders passiert. Die Anekdote fand ich sehr geeignet für das Buch. (Anmerkung: Im Buch bestellt einer der Jungs beim Pizzaservice die „Nummer 1“, weil er an das ungeschriebene Gesetz glaubt, dass es sich dabei stets um eine Pizza Margherita handelt – dummerweise bekommt er sechs Weinbergschnecken.)

Zurück in die 90er

Gibt es eine Figur, mit der du dich selbst am meisten identifizierst?
Ja, es gibt einen Charakter, der sehr nah an mir dran ist. Er wurde sogar von einer Bekannten entlarvt, die das Buch gelesen hat und mich gar nicht mal so gut kennt. Da war ich echt baff! Anfangs habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, in der Ich-Form zu schreiben, doch ich habe mich dagegen entschieden, weil ich es so runder fand. Mit welcher Figur ich mich identifiziere, möchte ich aber nicht verraten. Es darf also gerätselt werden.

Ich kann mir vorstellen, dass es ein ziemlicher Drahtseilakt war, es allen Zeitzeugen recht zu machen. Inwiefern waren deine Freunde von damals an der Entstehung der Geschichte beteiligt?
Ich habe nicht versucht, es ihnen recht zu machen. Das war auch nicht nötig, da nur wenige Personen mit ihrem echten Namen auftauchen. Eine der wenigen ist Jutta Freund, die gefühlte Mama der damaligen Szene und Inhaberin des wichtigsten Plattenladens der Stadt. Manchmal ging es dort zu wie in einem Jugendzentrum, aber daran kannst du dich ja sicher selbst noch erinnern. Jedenfalls habe ich Jutta gefragt, ob sie damit einverstanden ist, dass ich ihren Namen verwende – schließlich hätte ich ihn ja auch in Judith ändern können, doch das war nicht nötig. Meine Freunde waren nicht am Schreibprozess beteiligt. Auf Nachfragen hat sich gezeigt, dass ich derjenige bin, der sich noch am besten erinnern kann. Sie waren daher „nur“ an der Vorlage der Story beteiligt und freuen sich jetzt über das fertige Buch.

Welche Recherchemethoden kamen sonst noch zum Einsatz?
Um den Konzertabend an Silvester 1996 genauer rekonstruieren zu können, habe ich die Archive von Hamburger Abendblatt und Hamburger Morgenpost bemüht, wo man mir die Original-Zeitungsberichte von damals herausgesucht hat. Das war sehr hilfreich, denn obwohl wir wirklich dort waren, wusste ich nach all den Jahren zum Beispiel nicht mehr, wann welche Band gespielt hat. Ich hatte bloß dunkel im Hinterkopf, dass Tocotronic erst nach 0:00 Uhr aufgetreten sind. Andere Details habe ich im Internet gefunden. Sogar den Tatort, der damals zwischen den Jahren ausgestrahlt wurde. Spannend war auch die Suche nach dem Coverfoto. Ich wollte unbedingt eine authentische Szene aus einem Zug zeigen, also haben verschiedene Leute in ihren alten Fotokisten gekramt. Und was soll ich sagen, das Cover ist der Hammer geworden und erfüllt alle Kriterien, denn es zeigt 90er-Kids, die in einem Zugabteil saufen! Allerdings musste ich dabei auf Fremdmaterial zurückgreifen, weil wir selbst damals kein einziges Foto geschossen haben.

Was hat dich rückblickend am meisten an Hamburg beeindruckt?
Mich hat vor allem das Schanzenviertel fasziniert. Die Leute da waren alle so wie wir und vor allem auch nicht viel älter. Dort gab es alles was wir brauchten: Platten-, Gitarren- und Second-Hand-Läden. Und dann waren da natürlich noch diese Sex-Shops. So was kannten wir überhaupt nicht. Bei uns in Hessen hätten wir auch nie einen betreten, schließlich hätte uns jemand sehen können. In Hamburg hingegen war uns das egal, so ist unter anderem auch die Szene mit dem Latex-Sofa tatsächlich passiert. Und natürlich zählte auch die sagenumwobene Reeperbahn zu unseren Highlights.

Pure Vernunft darf niemals siegen

Im Buch redest du oft von den „Jungs aus der Provinz“, die sich ein bisschen für ihre Herkunft schämen – hat sich deine Einstellung zum Kleinstadtleben im Laufe der Jahre verändert?
Die Protagonisten sind bloß ein bisschen unsicher, weil sie zum ersten Mal auf eigene Faust in der großen City unterwegs sind. Ich persönlich habe mich nie für meine kleinstädtische Herkunft geschämt. Ich wollte auch nie weg aus der Gegend. Trotzdem genieße ich es nach wie vor, zu Konzerten in Großstädte zu fahren. Wie singen Tocotronic doch so schön: „Aber hier leben, nein danke!“

Welchen Tipp würdest du deinem 17-jährigen Ich geben, wenn du könntest?
Genieße die Zeit! Die Party hat gerade erst begonnen, da kommt noch einiges. Und mach dir vor allem nicht so einen Kopp wegen der Mädels und irgendwelchen vermeintlich coolen Typen, die dir blöd kommen.

Mittlerweile bist du selbst dreifacher Vater. Mit welchen Gefühlen siehst du dem Teenageralter deiner Kinder entgegen?
Momentan mache ich mir noch keine Gedanken darüber, denn vom Teenageralter sind die Kids noch ein paar Jahre entfernt. Meine Älteste ist gerade erst in die Schule gekommen. Da sind vorher also noch ein paar andere Schlachten zu schlagen. Wahrscheinlich werde ich später schon etwas Angst haben, wenn sie abends nicht nach Hause kommen, das will ich nicht komplett ausschließen. Doch ich werde ihnen auf jeden Fall ihre Freiheiten lassen. Meine Kinder sollen ihre eigenen „Wochenendticket“-Storys erleben.

Info:
Jo‘s Buch „Wochenendticket“ ist überall im Buchhandel erhältlich und kann auch direkt bei ihm bestellt werden: johesse@gmx.de

 

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