Ansage: Nazi Trolls Fuck Off!

Vor eineinhalb Wochen habe ich nach einer Begegnung mit einem Neo-Dorfnazi auf meiner Facebookseite einige Gedanken zum Thema Fremdenhass in meiner nordhessischen Heimatstadt geteilt. Der Beitrag traf einen Nerv, wurde 40 Mal geteilt und hat mittlerweile knapp 12.000 Menschen erreicht. Doch nicht alle davon teilten meine Sorgen. Im Gegenteil, einige wurden fuchsteufelswild und beleidigten mich auf RTL2-Niveau. Ein Resümee.

Der Post, den ich an dem besagten Novembernachmittag vor knapp zwei Wochen veröffentlichte, lautete wie folgt:
Ich bin in einer nordhessischen Kleinstadt aufgewachsen. Und obwohl mich schon früh das Fernweh gepackt und es mich vor über zwölf Jahren nach Berlin und später nach Essen gezogen hat, komme ich noch immer gerne nach Hause. Doch in letzter Zeit hat sich Frankenberg verändert. Erst vor einer Weile berichtete ein Bekannter mit afrikanischen Wurzeln, dass er immer häufiger blöd angemacht und auf der Straße sogar bespuckt und geschubst werde. Ein guter türkischer Freund erzählte mir von einer schrägen Begegnung im Supermarkt, wo ein Kunde lauthals gegen ‚Kanacken und Juden‘ wetterte und des Ladens verwiesen wurde. Gestern war ich dann selbst in einem der heimischen Supermärkte einkaufen, in denen ich schon als Kind um ein Überraschungsei gebettelt hatte. Da kam er mir in einem Gang entgegen – Springerstiefel, Glatze, Bomberjacke. Er musterte mich und ließ mich die nächsten 20 Minuten nicht aus den Augen. Ständig lief er mir hinterher oder schnitt mir den Weg ab, um sich kurz vor mir wieder umzudrehen – damit ich auch ja den Schriftzug auf seinem Rücken wahrnahm: ‚I hope your baby is white!‘ Der Affentanz den er aufführte, war nahezu bemitleidenswert, so sehr bettelte er um meine Aufmerksamkeit. Ebenso erbärmlich die bösen Blicke, die er mir bei den 92 ‚zufälligen‘ Begegnungen zwischen Slipeinlagen und Lebkuchengewürz zuwarf. Ich habe kurz darüber nachgedacht, etwas zu ihm zu sagen, doch die Genugtuung wollte ich ihm nicht verschaffen. Dennoch saß ich anschließend im Auto und mir war kotzschlecht vor Hass. Wann ist Rassismus in unserer Heimatstadt salonfähig geworden?! Ich meine, klar, Teenie-Dorfnazis in Onkelz-Kluft gab es hier schon immer. Doch tätliche Übergriffe, rassistische Flugblätter in den Briefkästen und offene Konfrontationen sprechen eine andere Sprache. Daher tut mir einen Gefallen: Setzt euch für andere ein, wenn sie auf offener Straße in Bedrängnis gebracht werden und lasst unsere Heimat nicht zu einem braunen, stinkenden Loch verkommen. Denn das bräche mir das Herz.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Haters Gonna Hate

Facebook Hater

Wer weis in welchem Outfit sie aus Grossstadt Berlin aufgetreten sind das man sie beobachtet haben soll“, schrieb eine aufgebrachte Frankenbergerin. Dieser Kommentar hatte auf so vielen Ebenen das Thema verfehlt, dass für einen Moment gähnende Leere in meinem Kopf herrschte. Die Frau hatte nichts verstanden. Denn ich hatte mich nicht darüber beklagt, auf Frankenbergs Straßen die Blicke auf mich zu ziehen. Glaubt mir, daran bin ich seit Teenietagen gewöhnt, dafür musste ich nicht nach Berlin ziehen. Also fragte ich mich, ob die Dame eventuell überlesen hatte, dass ich einem verdammten Bilderbuchnazi begegnet war, der eindeutig rassistische Botschaften auf seiner Bomberjacke im Supermarkt spazieren trug – da konnte sie den Fehler doch nicht ernsthaft bei mir suchen. Doch wie sich einige Kommentare später herausstellte, war meine Message sehr wohl angekommen. Bloß fand sie, dass ich mich nicht so anstellen solle, „Jackenschriften“ wie diese gehörten zu einem durchschnittlichen Stadtbild schließlich dazu. Das sei nicht nur in Frankenberg so. Ich versuchte das Gespräch zu suchen, doch am Ende waren die Ausländer Schuld. In diesem speziellen Fall meine türkischen Freunde.

Rassistische HasskommentareAntisocial-Media

Andere konnten sich meine Haltung wiederum nur durch übermäßigen Drogenkonsum erklären. Mir vollkommen fremde Menschen spekulierten plötzlich, was ich mir „in der großen tollen Welt“ alles „reingepfiffen“ habe und bezeichneten mich als „Trash“. Wow, da musste ich mich doch ernsthaft fragen, was schlimmer für die jähzornigen Trolle war – die Tatsache, dass ich an ihrem heilen Weltbild rüttelte, oder der Umstand, dass ich weggezogen war und damit offenbar ihre geliebte Heimat verraten hatte? Nahezu jeder der unreflektierten Hater bezog sich an mindestens einer Stelle darauf, dass ich kein Recht hätte, Frankenberg „zu verleumden“, da ich ja schließlich nicht mehr dort wohnte. Entschuldigung, aber um es mal mit einem hessischen Ausdruck der Verwunderung auf den Punkt zu bringen, den jeder verstehen dürfte: Hä?! Frankenberg ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und damit bleibt es meine Heimatstadt – unabhängig davon, wo ich geboren wurde oder mittlerweile wohne. Dass ich nicht mein ganzes Leben dort verbringen möchte, ist weiß Gott nicht persönlich gemeint. Ich komme gerne nach Hause und ich möchte verdammt noch mal, dass das so bleibt.

Hater auf Facebook

Ungewollte Bestätigung

Die Ironie an der ganzen Sache war, dass ausgerechnet diejenigen, die den Ort auf unterstem Niveau verteidigten, nicht einmal merkten, dass sie der lebende Beweis dafür waren, dass irgendetwas schief läuft. Rassismus ist dank AfD & Co. in den letzten Jahren gesellschaftsfähig geworden. Erwachsene Menschen mittleren Alters drehen plötzlich unter Facebook-Posts durch und beleidigen wildfremde Leute, unfähig ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Sie berufen sich auf Meinungsfreiheit, ohne zu merken, dass sie anderen eben diese nehmen. So wurde mir das Recht auf eine eigene Meinung zu meiner Heimatstadt abgesprochen, weil ich a) im Ruhrgebiet geboren wurde und b) nach der Schule weggezogen bin. Da bedarf es nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, welche Rechte diese Leute Menschen zusprechen, die es von einem anderen Kontinent nach Nordhessen verschlagen hat. Verbissen kochen sie ihr eigenes Süppchen und leugnen das Fremdenfeindlichkeitsproblem vor der eigenen Haustür. Warum? Weil sie Teil des Problems sind. Die 12 Prozent, die bei den vergangenen Wahlen die AfD gewählt haben, sehen nicht aus wie die Springerstiefel-Flitzpiepe im Supermarkt. Sie sehen aus wie Heike und Werner von nebenan und halten sich selbst für die Mitte der Gesellschaft. Und genau das macht sie so gefährlich.

hass hilft

LIBERTÉ – ÉGALITÉ – FCKAFDÉ

Doch eins steht fest: Ich werde mir nicht den Mund von Leuten verbieten lassen, die mit wüsten Beleidigungen um sich werfen, bloß weil ich nicht ihrer Meinung bin. Und vor allem werde ich mich dabei nicht auf ihr Niveau herablassen. Ist ohnehin nicht nötig, denn für die Blamage ihres Lebens sorgen sie schon selbst. Vielleicht wurden deshalb bereits einige Kommentare von den Verfassern gelöscht. Vielleicht sind sie im eigenen Umfeld darauf hingewiesen worden, wie unfassbar peinlich es ist, wenn ein erwachsener Mensch nicht in der Lage ist, sich einer vernünftigen Diskussion zu stellen. Ich weiß es nicht. Doch was ich weiß ist, dass mich rund 250 Menschen darin bestätigt haben, dass es richtig ist, sich unbequemen Themen zu stellen. Ich habe Unterstützung von Menschen bekommen, die jeden Tag auf die Straße gehen und dem Alltagsrassismus die Stirn bieten. Andere haben ihre Erfahrungen mit mir geteilt. Manche haben sich in die Diskussionen miteingebracht und den Hatern nicht das letzte Wort überlassen. Und einige haben sich dafür bedankt, dass ich auf dieses Thema aufmerksam mache, weil sie selbst geflüchtet sind und sie sich in diesem Land nicht sehr willkommen fühlen. Danke euch allen, ihr macht mir Mut. Es ist nichts verloren.

Stay antifascist!

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