WinterWonderRuhrgebiet

Manchmal muss man sich überwinden, etwas zu tun und wird überrascht. Zum Beispiel vom Schnee, der die Welt für einen Abend aus den Fugen hebt und all den Lärm und Schmutz des Alltags unter sich begräbt. Ein Nachtspaziergang.

Letzten Freitagabend saß ich gegen 23 Uhr in eine Kuscheldecke gehüllt auf der Couch und meine zufallenden Augen rieten mir, langsam ins Bett zu gehen. Warum auch nicht? Der Mann war verreist, der Film zu Ende und die Keksdose leer. Doch irgendwo zwischen Fernbedienung und Zahnbürste dämmerte mir Schauderhaftes: Der Hund musste noch mal raus. Also stieg ich in meiner Schlafanzughose in die Winterboots, warf mir meine wärmste Jacke über und wickelte mir den Schal dreimal um den Hals. Chewies Signal, sich gähnend aus seinem Körbchen zu erheben und den Sonnengruß zu vollführen. Lust hatte er nicht – doch wie immer opferte er sich, um mich noch mal vor die Tür zu begleiten, damit ich nicht allein gehen musste.

Es schneinachtet sehr

So schlurften wir leise durchs Treppenhaus und ich öffnete nichtsahnend die Haustür, um nächsten Moment ein staunendes „Wow“ in die Nacht zu hauchen. Zu unseren Füßen lag ein glitzerndes Winterwunderland. Mit einem Satz stürzte Chewie sich in den puderzuckrigen Schnee und verlor augenblicklich den Verstand. Grunzend sprang er umher – links, rechts, links. Dann warf er sich auf den Rücken und machte ein Schneeengelhündchen. Aus irgendeinem Grund beschloss ich, nicht wie üblich zur Wiese zu gehen, sondern einen anderen Weg einzuschlagen. Die Stadt war verstummt, denn der Schnee hatte alles in diese ganz spezielle Stille getaucht, die man aus Weihnachtsfilmen kennt. Die Fahrbahnen waren verlassen und aus einigen Hinterhöfen war Kinderlachen zu hören. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich zuletzt so viel Schnee im Ruhrgebiet gesehen hatte. Doch es wollte mir nicht einfallen, denn es war das erste Mal. Dicke Flocken wehten mir um die Nase und ich lachte über den hüpfenden Hund, weil er der Schneekönig war.

Einmal Kind und zurück

Auf der anderen Straßenseite zog jemand ein Kind auf einem Holzschlitten hinter sich her, das für den Spaß wahrscheinlich extra geweckt worden war. Und zehn Meter weiter drehte sich eine ältere Dame mit ausgebreiteten Armen im gelben Laternenlicht. Ich stellte mir vor, Chewie sei mein Schlittenhund und feuerte ihn an, woraufhin ich – die Leine fest im Griff – tatsächlich einen Meter hinter ihm her schlitterte. Im nächsten Augenblick wurde ich nur knapp von einem Schneeball verfehlt. Doch die dünn angezogenen Rivalen, die direkt aus der Kneipe gegenüber in die Schlacht gezogen waren, bemerkten uns nicht mal. Wir schlichen an ihnen vorbei und bogen in eine Nebenstraße ein, die vor uns noch niemand betreten hatte. So bahnten wir uns mit brennenden Knien (Schlafanzughose!) und tropfender Nase den Weg durch die tanzenden Flocken nach Hause. Und dann schliefen wir. Tief und fest.

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