Und, wann ist es bei euch so weit?

Seit ich die 30 überschritten und dann auch noch geheiratet habe, scheint es für viele Außenstehende nur noch ein Thema zu geben: Nachwuchs. „Bei euch wird es aber auch langsam Zeit“, weisen mich plötzlich entfernte Bekannte auf das Verfallsdatum meines Uterus hin. „Steht dir gut“, wird das Baby meiner besten Freundin zwinkernd von ihrem Onkel Otto kommentiert, als ich es auf den Arm nehme. Wenn ich dazu auch mal kurz was sagen darf: Klappe halten! Danke.

Als ich Anfang zwanzig war, hörte ich erstmals von Schwangerschaften ehemaliger Klassenkameradinnen. Das war zwar schon irgendwie krass, doch da wir ohnehin auf verschiedenen Planeten lebten, auch nicht weiter von Bedeutung für mich. Als wenige Jahre später zwei gute Freunde von mir ihr erstes Kind erwarteten, war das schon etwas anderes. Das Ganze war nicht geplant, doch sie arrangierten sich mit der neuen Situation und gaben schließlich umwerfende Eltern ab. Wenn sie mich fortan in meiner Berlin-WG besuchten, knisterte abends ein Babyphone auf dem Küchentisch und zu Konzerten kam von nun an bloß noch einer von beiden mit – doch ansonsten blieb für eine ganze Weile alles beim Alten. Zumindest für mich. Kurz nach meinem 30. Geburtstag änderte sich das. Plötzlich ploppten die Bäuche meiner Freundinnen auf wie Popcorn in der Mikrowelle und alles schien sich bloß noch um ein Thema zu drehen: Babys. Es war, als hätten sich über Nacht alle ein neues Hobby zugelegt und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich mich auch dafür begeistern sollte. Doch das tat ich nicht.

Babies everywhere

Nicht falsch verstehen, ich freue mich von Herzen mit all meinen überglücklichen Freunden, die bereits Eltern geworden sind, und liebe ihre speckigen Miniaturausgaben. Ich finde es verrückt, sie in ihnen wiederzuerkennen und ihnen beim Wachsen zuzusehen. Es ist niedlich, wenn sie zu Chewie in Körbchen kriechen und manchmal rieche ich sogar heimlich an ihren flaumigen Köpfen und stelle mir vor, eines Tages einen eigenen Zwerg in den Armen zu halten. Wenn es sein muss, summe ich diese kleinen Menschen auch so lange in den Schlaf, bis sie auf mir einschlafen und mich anpinkeln – alles schon vorgekommen. Ich verspüre bloß gerade nicht das Bedürfnis selbst schwanger zu werden. Und genau da liegt die Crux. Warum habe ich ständig das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen? Wir haben längst aufgehört zu zählen, wie oft wir seit der Hochzeit gefragt wurden, wann es denn endlich bei uns so weit sei. Und damit meine ich nicht unsere engen Freunde, die selbst voll im Thema sind und sich aufrichtig für unseren Lebensplan interessieren. Nein, es sind die Bemerkungen entfernter Bekannter und vollkommen Fremder, die mich in den Wahnsinn treiben.

Privatsache Familienplanung

Ein Kind zu bekommen, ist die wohl größte Entscheidung, die man im Leben zu treffen hat. Denn ein Kind ist kein Festival, auf das man anderen zuliebe mitfahren und nach einem Wochenende in sein normales Leben zurückkehren kann. Es ist ein Kind, das auch mal krank und irgendwann schulpflichtig wird – ein Mensch, der unsere vollkommene Aufmerksamkeit benötigt und diese auch verdient. Es sei also wohl überlegt, ob und ­– wenn ja – wann man eins bekommt. Und daher ist es mir ein absolutes Rätsel, weshalb es ab einem gewissen Alter nur noch ein Thema für Außenstehende gibt: „Und, wann ist es bei euch so weit?“ Ich frage den Arbeitskollegen meines Mannes ja auch nicht, ob er schon über eine Vasektomie nachgedacht hat, um künftig ungeschützten Geschlechtsverkehr mit seiner Angetrauten haben zu können, weil er gerade im richtigen Alter ist. Abgesehen von unseren Familien und guten Freunden geht es schlichtweg niemanden etwas an, wie es um unsere Familienplanung steht. Ich will die skeptische Stirnfalte in fremden Gesichtern nicht mehr sehen, wenn ich von beruflichen Plänen und größeren Reisevorhaben berichte, die gerade Priorität für mich haben. Und ich will erst recht nicht mehr betonen müssen, dass all das keine Kritik am Lebensmodell meines Gegenübers, sondern einfach bloß unsere persönliche Entscheidung ist.

Erst denken, dann reden

Ich sag’s wie es ist: Das ständige Gefrage und die damit verbundenen Rechtfertigungen gehen mir wirklich auf den Geist. Aber immerhin sind wir in der privilegierten Situation, uns diese selbst ausgesucht zu haben. Doch ich kenne einige Paare bei denen es nicht so ist. Freundinnen, die bereits mehrere Fehlgeburten über sich ergehen lassen mussten und seit Jahren versuchen, schwanger zu werden. Freundinnen, die aufgrund vergangener Krankheiten niemals ein eigenes Kind bekommen werden. Freundinnen, denen schlichtweg der richtige Partner oder der finanzielle Background für ein Baby fehlt. Sie alle müssen sich tagtäglich dieselbe Scheiße anhören und für sie tut es mir am meisten leid. Denn sie müssen sich rechtfertigen, obwohl sie sich nichts sehnlicher als ihre eigene kleine Familie wünschen. Es ist nicht das Familienglück ihrer liebsten Freunde, das sie verletzt. Es sind die dummen Fragen von Außenstehenden, die versuchen, mit einem der persönlichsten und emotionalsten Themen überhaupt Smalltalk zu machen. Also denkt doch beim nächsten Mal kurz nach, bevor ihr entfernte Bekannte fragt, wann es denn bei ihnen endlich so weit ist. Denn die Chancen stehen gut, dass ihr der betreffenden Person damit das Herz brecht. Oder ihr zumindest gehörig auf den Sack geht.

4 Kommentare zu Und, wann ist es bei euch so weit?

  1. Toller Artikel!Ich kenne das zu gut da ich im „kritischem alter“ von 34 bin. Viele scheinen ernsthaft mitleid mit mir zu haben weil ich unverheiratet und kinderlos bin.. Trotzdem finde ich das mein leben ganz gut ist

  2. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb so viele Menschen wie selbstverständlich davon ausgehen, dass ihr Lebensmodell das einzig wahre ist. Denn was für den einen pures Glück bedeutet, engt den anderen vielleicht ein – und ein dritter wünscht sich vielleicht nichts sehnlicher, doch muss sich ständig rechtfertigen, obwohl es nicht in seiner Hand liegt, den richtigen Partner zu finden, schwanger zu werden oder Karriere zu machen. Das Traurige ist, dass die meisten nicht mal merken, wie sehr sie andere durch ihre unreflektierten Bemerkungen verletzen.

  3. Ich glaube, da kann man immer drüber diskutieren, das war schon immer so und wird vermutlich immer so sein. Da zieht jeder eine andere Grenze, schwierig wird es aber, wenn einseitig die Grenze wie bei dieser Dame weit überschritten wird. Das wäre mir gegangen wie Dir, ich wills nicht wissen. Bei mir ist auch so eine Grenze Geburtsberichte, nein, möchte ich nicht hören. War gut“, war nicht so gut“, ging schnell“ oder war ein Kaiserschnitt“ reicht mir als Info absolut. Im Web hab ich wenigstens die Option, es einfach nicht zu lesen. Genauso wie keiner die Details über meinen Kaiserschnitt lesen muss, der nicht mag. Im wahren Leben waren schon welche beleidigt, weil es mich nicht interessiert. Strikt ziehe ich eben die Grenze bei den Kindern, was Aussenstehende etwas angeht und was nicht. Daher gibts bei uns weder Namen noch erkennbare Fotos und auch viele persönliche Sachen gehören nicht in mein Blog.

  4. Ich glaube, da kann man immer drüber diskutieren, das war schon immer so und wird vermutlich immer so sein. Da zieht jeder eine andere Grenze, schwierig wird es aber, wenn einseitig die Grenze wie bei dieser Dame weit überschritten wird. Das wäre mir gegangen wie Dir, ich wills nicht wissen. Bei mir ist auch so eine Grenze Geburtsberichte, nein, möchte ich nicht hören. War gut“, war nicht so gut“, ging schnell“ oder war ein Kaiserschnitt“ reicht mir als Info absolut. Im Web hab ich wenigstens die Option, es einfach nicht zu lesen. Genauso wie keiner die Details über meinen Kaiserschnitt lesen muss, der nicht mag. Im wahren Leben waren schon welche beleidigt, weil es mich nicht interessiert. Strikt ziehe ich eben die Grenze bei den Kindern, was Aussenstehende etwas angeht und was nicht. Daher gibts bei uns weder Namen noch erkennbare Fotos und auch viele persönliche Sachen gehören nicht in mein Blog.

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